GesellschaftskritikÜber radelnde Politiker

Politiker zeigen sich gerne auf dem Fahrrad. Die Unterschiede zwischen Machtradlern und Alltagsradlern sind jedoch groß. von 

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy auf dem Fahrrad

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy auf dem Fahrrad  |  © Bertrand Langlois/AFP/Getty Images

Der Machtmensch zeigt sich gern auf dem Fahrrad, vor allem in diesem Sommer, in dem die Botschaft sehr beliebt ist: »Ich bin grün, aber nicht so verkrampft grün, dass ich einen Anhänger hinter mir herziehen würde oder einen Fahrradhelm aufsetzen.« Helme tragen politische Radfahrer nie, seit Rudolf Scharping, der immer einen Helm trug, nachdem er einmal böse vom Rennrad gefallen war. Wahrscheinlich gründet das ganze Ich-will-keinen-Helm-tragen-Elend auf dem Scharping-Sturz: Keiner will enden wie er, machttechnisch. Viel spricht dafür, dass die Fahrradindustrie, die nicht so naiv ist, wie manch einer glauben mag, Räder nur rausgibt unter der Bedingung, der Politiker, der sie öffentlich fährt, dürfe das nie mit Helm tun.

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Unbehelmt also radelt Wladimir Putin auf einem Mountainbike mit Federgabel über eine bestens asphaltierte Straße, Nicolas Sarkozy rennradelt (sur le trottoir?) mit Schlaufenpedalen, wie süß. Vor Klickpedalen hat er sich wahrscheinlich gefürchtet. Das interessanteste Modell der drei hier gezeigten Politikerräder ist das des deutschen Umweltministers Norbert Röttgen. Er zeigte sich auf einem Rad der in Berlin bekannten Marke Froschrad (das Emblem leuchtet grün, niemand hat es abgerubbelt, genauso wenig wie seinerzeit das Emblem der Outdoormarke Mammut, deren Jacke der damalige Minister Guttenberg trug, als er ein Flugzeug nach Afghanistan bestieg). Die Firma Froschrad wurde dadurch bekannt, dass sie gebrauchte Fahrräder aufpäppelte und weiterverkaufte. Seither haben Froschrad-Räder den Touch von Understatement, auch wenn sie heute längst nigelnagelneu verkauft werden. Natürlich sagt sich der Minister: »Schaut, schaut, ich hab so ein Rad, das auch Studenten und Praktikanten fahren, die werden mich lieben dafür – und die anderen auch, weil ich so ein unkonventioneller Typ bin, wie sie es gerne wären, es sich aber nicht trauen.«

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In Wahrheit werden solche Räder gar nicht von Studenten gefahren, sondern von Mamis und Papis, die es praktisch mögen und die Angst haben, ein schöneres oder teureres Fahrrad könnte geklaut werden. Studenten und Praktikanten kennen sich hingegen aus mit Rädern: Sie kaufen wirklich alte farbenfrohe Fahrräder und reparieren sie selbst, sie haben Zeit dazu. Wenn Studenten und Praktikanten sich auf ihre Räder schwingen, sehen sie elegant und gut aus. Auch darin unterscheiden sie sich vom Macht-Radler. Denn mit dem Radfahren ist es wie mit dem Rauchen: Wer es als Pose tut, sieht blöd dabei aus. Auch ganz ohne Helm.

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