DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, von Stuttgart über Madrid bis Birmingham sieht sich die Politik mit einer Woge aufbrandender Wut konfrontiert. Vor wenigen Wochen standen Sie selbst allein ein paar Tausend aufgebrachten Bahnhofsgegnern gegenüber. Wie erleben Sie eine solche Situation?

Winfried Kretschmann: Als normal! Jedenfalls ist das die Normalität, die ich will. Natürlich kann ich mit 4000 Leuten nicht wirklich debattieren. Aber dass wir wieder richtig mit der Bürgerschaft reden, darum geht es.

DIE ZEIT: Von Normalität kann doch aber nicht die Rede sein, wenn Bürger wie in Tottenham ihre eigenen Wohnviertel in Brand setzen , wenn jede Woche ein neuer Staat vor dem Bankrott steht – höchstens von einer Normalität der Krise.

Kretschmann: Allerdings. Wir haben eine große ökologische Krise, eine Krise der Globalisierung, alte ungelöste Fragen des Verhältnisses zwischen Nord und Süd, von sozialen Ungerechtigkeiten. Die schlagen jetzt mit Wucht durch. Die Jahre des Marktradikalismus gipfelten in einer gigantischen Finanzkrise, die uns nun zwingt, das Verhältnis zwischen Staat, Markt und Bürgergesellschaft neu zu ordnen. Und darüber müssen wir mit den Menschen reden. Nicht über das Klein-Klein, wie man das gerade beim Management der Euro-Krise beobachten kann, dem ein normaler Mensch kaum mehr folgen kann. Sondern über die Richtung, das Ziel.

DIE ZEIT: Für die Linken sind die Plünderer Opfer von Sparmaßnahmen, für die Konservativen moralische Versager. Wie sehen Sie das?

Kretschmann: Zu viel soziales Deuten ist hier sicherlich fehl am Platz. Aber vom Herum-Moralisieren in der Politik halte ich schon mal gar nichts. Was der britische Ministerpräsident David Cameron derzeit macht, das erinnert mich an die Ausrufung der geistig-moralischen Wende unter Helmut Kohl. Das sind Attitüden. Es bringt gar nichts. Die Leute reagieren darauf nur mit der Überzeugung: Die trinken Wein und predigen uns Wasser.

DIE ZEIT: Wie sonst löst man solche Konflikte?

Kretschmann: Ein Beispiel. Ich werde jetzt Widerstand bekommen, weil wir viele große Windräder in die Gegend stellen werden. Den Leuten, die das für Landschaftsverschandelung halten, muss man von vornherein sagen: Wenn ihr meint, es verschandele die Landschaft, ist das leider nicht zu ändern. Natürlich wollen wir sie in Windparks konzentrieren. Aber wir können die Windräder nicht im Keller unterbringen. Ihr müsst schon sehr gute Argumente liefern, wenn wir sie nicht bei euch vor die Haustür setzen sollen. Dann bauen wir sie woanders hin. Aber bauen werden wir sie. Warum? Weil das Gemeinwohl es gebietet.

DIE ZEIT: Und wenn Ihr Gegenüber auf das Gemeinwohl pfeift?

Kretschmann: Wir müssen uns damit abfinden, dass in einer modernen Gesellschaft die Spitze des Individualismus immer noch nicht erreicht ist. In den ersten zwanzig Jahren der Republik galt noch der Satz: Institutionen entlasten. Die machen das schon richtig. Das war für die Aufbauphase gut. Heute will eine gut ausgebildete Bürgerschaft partizipieren. Wir stoßen auf harte Interessengegensätze. Aber es ist nun einmal die Aufgabe der Politik, dieses Gemeinwohlinteresse durchzusetzen. Die Sozialministerin muss sich mit Selbsthilfegruppen streiten, die Kultusministerin mit engagierten Elterninitiativen oder der Umweltminister mit Protesten gegen Windräder.

DIE ZEIT: Haben Sie manchmal Angst, dass da was kippt? Dass es zu Gewalt kommt, wir englische Verhältnisse bekommen?

Kretschmann: Die Gefahr besteht, ist aber nicht wirklich aktuell. Da müssen wir, speziell wir Grünen, die wir aus der Protestbewegung kommen, sehr entschieden sein. Für Gewalt gibt es keine Rechtfertigung, außer die, die das Grundgesetz vorsieht: wenn nämlich Leute die Demokratie beseitigen wollen und das staatliche Gewaltmonopol versagt. Davon sind wir weit entfernt.