Die jüngsten Ereignisse in Israel scheinen uns Soziologen, die wir uns um ein Verständnis der unsichtbaren Muster bemühen, aus denen Geschichte entsteht, ebenso eine Nase zu drehen wie die Geschehnisse auf dem Tahrir-Platz in Kairo oder damals an der Berliner Mauer: Niemand hat die Proteststürme vorhergesehen, die die Gesellschaften, in denen sie stattfanden, so radikal veränderten. Die israelischen Proteste waren umso unwahrscheinlicher, als sie in Tel Aviv ausbrachen – einer Stadt, die für ihren fieberhaften individualistischen Hedonismus bekannt ist – und von jungen Leuten aus der Mittelschicht ausgingen, die lange im Ruf standen, politisch eine missmutige Passivität zu pflegen.

Der Bürger alimentiert die finanziell anspruchsvollen Religiösen und Siedler

Viele Beobachter zogen sofort Parallelen zwischen den israelischen Straßenprotesten und den Unruhen in der arabischen Welt – die Demonstranten sind jung, haben keine eindeutigen Anführer und organisieren sich spontan über Facebook und Blogs. Doch der Vergleich hinkt. Zur Erhebung auf dem Tahrir-Platz kam es, weil die Ägypter nach Demokratie verlangten; die israelischen Proteste aber spielten sich in einer ausgereiften (wenn auch mangelhaften) Demokratie ab, in der die Organe der Zivilgesellschaft gescheitert sind: Die Proteste brachen aus, weil der Bürger sein Vertrauen in Staatsbedienstete, Parteien, Politiker und sogar Institutionen wie die Histradout, die allgemeine Arbeitergewerkschaft, verloren hat.

Die israelischen Proteste sind eher mit denen in Spanien oder Griechenland vom vergangenen Juni zu vergleichen, insofern sie von wirtschaftlichen und nicht von politischen Forderungen befeuert werden. Tatsächlich sind die Demonstranten bewusst apolitisch und fordern keinen Umbau der Gesellschaft, sondern lediglich bessere Lebensbedingungen. Hier jedoch endet die Übereinstimmung: In Spanien und Griechenland ging es um den Widerstand gegen die Globalisierung, während die israelischen Demonstrationen auf eine höchst lokale Form von Ungleichheit zielen. Um die Proteste – ihr Ziel und ihre Form – zu verstehen, muss man sich die Besonderheit der israelischen Staatsbürgerschaft vor Augen führen.

Israelische Bürger unterscheiden sich von anderen Bürgern auf der Welt durch das Ausmaß, in dem sie faktisch ihrem Staat ergeben sind. Der israelische Bürger ist mit einem der höchsten Steuersätze der Welt belastet; er dient mindestens drei Jahre (Frauen zwei Jahre) und häufig länger in der Armee, die ihn nach Ende seines Wehrdienstes jedes Jahr für viele Wochen einzieht, ohne Rücksicht auf Verpflichtungen gegenüber Familie und Arbeitgeber zu nehmen.

Die »militärische Sicherheit« war das ausschlaggebende Argument in einer Vielzahl politischer Entscheidungen, sodass das israelische Gemeinwesen in erster Linie der Sicherheit des Staates verpflichtet ist. »Sicherheit« ist das zentrale Paradigma, das alle Bürger, auch die politisch linken, zur Solidarität mit dem Staat und dem Kollektiv zwingt.

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Darüber hinaus alimentieren Israels Bürger zwei finanziell höchst anspruchsvolle Gruppen: Seit der Staatsgründung haben sie mit ihren Steuern die wachsende Gruppe der Ultraorthodoxen unterstützt, die es vorziehen, weder zu arbeiten noch Wehrdienst zu leisten. Während der Sold eines Soldaten 350 Neue Israelische Schekel im Monat beträgt, werden einem solchen Religiösen, der religiöse Bücher studiert, jeden Monat 900 NIS ausgehändigt. Berücksichtigt man nun noch, dass der Staat für jedes Kind Kindergeld zahlt und die Ultraorthodoxen im Schnitt 6,5 Kinder haben, dass sie darüber hinaus enorme staatliche Subventionen für ihr privates Bildungswesen kassieren und vergünstigte Wohnungen bekommen, dann wird deutlich, dass diese Gruppe sich ökonomischer Privilegien und einer Lebensweise erfreut, von denen die produktive Klasse nur träumen kann.

Die zweite Gruppe, die am Tropf des israelischen Bürgers hängt, sind die Siedler. Nach dem Sechstagekrieg von 1967 wuchs sich das von den religiösen Nationalisten vereinnahmte Siedlungsprojekt zu einer gewaltigen Belastung der Staatsfinanzen aus: Der Staat investierte nicht nur in die Baumaßnahmen, sondern auch in einen teuren Sicherheitsapparat zum Schutz der Siedlungen. Hinzu kam die Finanzierung von Schulen, Verkehrswesen und öffentlichen Dienstleistungen. Die Folge waren die Lasten des Staatshaushalts sowie auseinanderdriftende Lebensstandards zwischen den Israelis in den besetzten Gebieten und denen, die innerhalb der grünen Linie leben.