Anfänge des Massentourismus Italien ohne Goethe

Als das Reisen Urlaub wurde: Die erste Welle des Massentourismus schockierte den deutschen Kulturbürger.

Vor Capris blauer Grotte warten Ruderboote in der Schlange.

Vor Capris blauer Grotte warten Ruderboote in der Schlange.

Reisen ist schön, aber ein blöder Touri will natürlich niemand sein. Dabei hat auch der Massentourismus längst seine eigene Tradition. In Deutschland (West) setzte er Anfang der fünfziger Jahre ein, in den ersten Jahren des Wirtschaftswunders. Der Deutschen liebstes Ziel hieß schon damals Italien. »Man könnte sagen«, schrieb die FAZ 1952, »Deutsch sei zur Zeit die zweite Landessprache in Italien – in so großer Zahl strömen die Besucher von jenseits der Alpen in das in dieser Jahreszeit doppelt herrliche Land.« Und 1954 urteilte der ansonsten nicht zu reißerischen Übertreibungen neigende Rheinische Merkur: »Italien überfüllt!«

Tatsächlich zählten die Italiener 1954 1,6 Millionen Gäste aus der Bundesrepublik. Anfang der sechziger Jahre sollen es mehr als 6 Millionen gewesen sein. Ob dies alles nur Touristen waren (und nicht auch Geschäftsleute), sei dahingestellt. Das Frankfurter DIVO-Institut für Wirtschaftsforschung jedenfalls kam Mitte der fünfziger Jahre lediglich auf 500000 echte Feriengäste und sah bis 1960 die Millionengrenze nicht überschritten. Wie auch immer: Das Italienfieber hatte die Bundesrepublik erfasst. »Im Juli 1955 waren lediglich hundertachtundfünfzig Personen in der Bundesrepublik geblieben; die gesamte übrige Bevölkerung Westdeutschlands befand sich in Italien auf Wanderschaft«, scherzte der englische, seinerzeit auch hierzulande viel gelesene Humorist George Mikes.

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Nun galt das Land den Menschen im Norden von jeher als Sehnsuchtsort. Für den Adel und das gehobene Bürgertum gehörte es mit seinen antiken Ruinen, Kirchen und Palästen im 17. und 18. Jahrhundert selbstverständlich zur obligaten Grand Tour durch Europa, die man als junger Kavalier unternahm. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert dann war die Italienreise – am besten auf den Spuren Goethes – für jeden Deutschen, der das Geld dafür hatte, ein Ausweis von Bildung und Status.

Dies sollte sich erst in der Wirtschaftswunder-Republik ändern. Einen Aufenthalt im Süden konnten sich jetzt viele leisten. Aus der kunstsinnigen Italienreise im kleinen Kreis wurde der massenhafte Italienurlaub.

Das ging nicht ohne Konflikte ab. Der deutsche Kulturbürger empörte sich: Die neuen Touristen verhielten sich nicht angemessen. Sie trügen die falsche Kleidung, sie protzten mit ihrer ökonomischen Potenz, und sie fielen über das Ausland her, als wollten sie mit friedlichen Mitteln das erreichen, was der Krieg ihnen vorenthalten hätte.

Es mehrten sich Zeitungsberichte über tölpelhafte Touristen, wie jene Bayern, die in Lederhose über Venedigs Markusplatz stapften. Die Süddeutsche Zeitung echauffierte sich 1952 über die »Abenteuerlichkeit der Kleidung« der Massentouristen, »die einen Spaziergang durch Florenz mit einem Bummel über die Kölner Hohe Straße während der Karnevalszeit verwechseln«.

Aber nicht nur die Italientouristen gerieten in den Fokus der Kulturpessimisten und Stilkritiker.Aus Paris etwa wurde gemeldet, dass die Franzosen generell der allzu rasche wirtschaftliche Aufschwung des besiegten Feindes irritierte. Die protzige Aufmachung der deutschen Touristen entsprach zwar nicht der neuesten Mode, führte aber in aufdringlicher Weise vor Augen, dass es jenseits des Rheins schneller aufwärtsging als diesseits.

»Behüt uns Gott vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind«

Die Frühjahrsreisewelle 1954 in die Niederlande brachte das Fass zum Überlaufen. Den Zeitungen zufolge fielen rund 200000 deutsche Osterurlauber in das Nachbarland ein, schon sprach man von einer zweiten Invasion. Auch machte die Geschichte vom ehemaligen Besatzungsoffizier die Runde, der an einer Villa in Amsterdam geklingelt und den verdutzten Hausbewohnern mitgeteilt hatte, er wolle seiner Frau nur mal zeigen, wo er während des Kriegs einquartiert gewesen sei.

Leser-Kommentare
  1. Wiegleich verloren der Tourist sich erfunden werden sein kann im fernen Ausland,sowahr entspricht die Reise nicht dem Urlauben.Goethes Italienreise ist ungleich dem Urlauben in Italien an welchem Meeresstrand auch immer.Der Massentourismus erzeiget dennoch auch etwas von der Bildung,die durch das Reisen herkommet-dennoch wird ein wahres Reisen als Zukenntnisnahme der Kultur einer anderen Region auf dieser unserer Erde sich unterscheiden von einer bloßen Erholung in einem fernen und fremden Land.Eigentlich gilt:Seiende gehen ins Andere(das andere Land)und finden im Anderen Nicht-Anderes-also den Einen.Den Einen gefunden zu haben als im Anderen,verzückte sie-und darinnen lag des Reisens Sinngrund.Etc

  2. Der Artikel ist nett als historische Reminiszenz, aber inzwischen gibt es ganz andere Reiseziele und ganz andere Touristen, nämlich eine weltvernichtende Internationale des Tourismus (nur Kriege richten schlimmere Verheerungen an), und sich durch nichts mehr unterscheidet, außer vielleicht noch durch die Sprache, Die zu feistem Wohlstand gelangten Italiener selber gehören schon lange mit dazu. Sie sind inzwischen genauso häßlich, laut und penetrant wie einst das deutsche Haßobjekt auf dem Teutonengrill an der Adria. Wer z.B. zur Reisezeit die Münchner Innenstadt nicht meidet, weiß, wovon ich spreche.
    Italien ist keinen latte macchiato mehr wert.
    Ciao

    • carol
    • 27.08.2011 um 16:58 Uhr

    oh-mein-gott

    mir läuft gerade ein film vor augen ab. genauso wie die deutschen damals in Italien gewütet haben, wüten die Russen in der Türkei. Pelzmantel im Hochsommer und so…

    anscheinend muss eine Kultur diesen Prozess durchmachen um überbaupt-keine Ahnung was zu sein.

    und das mit den kleinen Heftchen hat Tradition in Deutschland:
    http://de.wikipedia.org/w...
    sonst funktioniert und versteht der gemeine deutsche im Gefecht ähh…ich meine in Konfliktsituationen nicht was gemeint ist.

    und hier noch der Hinweis aller ZEIT Leser zum Thema das Ausländer sich hier in Deutschland gefälligst zu benehmen haben:
    die deutschen haben die Fehltritte erfunden!

  3. "Auch machte die Geschichte vom ehemaligen Besatzungsoffizier die Runde, der an einer Villa in Amsterdam geklingelt und den verdutzten Hausbewohnern mitgeteilt hatte, er wolle seiner Frau nur mal zeigen, wo er während des Kriegs einquartiert gewesen sei."
    !!!................

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    Das Gleiche gab es bei meiner Großmutter, als amerikanische Touristen vor ca. 25 Jahren an der Tür standen und sich ihr ehemals besetztes Haus in der Besatzungszeit mit einem Käffchen dazu anschauen wollten?

    Ihre Begeisterung hielt sich in mehr als eng gesteckten Grenzen.

    Es war ein Teil des Lebens und Menschen kehren scheinbar gern zurück.

    "Der Mörder kehrt immer an den Tatort zurück."

    Die Geschmacklosigkeit kennt keine Grenzen, in beiden Fällen...

    Das Gleiche gab es bei meiner Großmutter, als amerikanische Touristen vor ca. 25 Jahren an der Tür standen und sich ihr ehemals besetztes Haus in der Besatzungszeit mit einem Käffchen dazu anschauen wollten?

    Ihre Begeisterung hielt sich in mehr als eng gesteckten Grenzen.

    Es war ein Teil des Lebens und Menschen kehren scheinbar gern zurück.

    "Der Mörder kehrt immer an den Tatort zurück."

    Die Geschmacklosigkeit kennt keine Grenzen, in beiden Fällen...

  4. Das Gleiche gab es bei meiner Großmutter, als amerikanische Touristen vor ca. 25 Jahren an der Tür standen und sich ihr ehemals besetztes Haus in der Besatzungszeit mit einem Käffchen dazu anschauen wollten?

    Ihre Begeisterung hielt sich in mehr als eng gesteckten Grenzen.

    Es war ein Teil des Lebens und Menschen kehren scheinbar gern zurück.

    Antwort auf "no comment"
  5. 6. Zitat

    "Der Mörder kehrt immer an den Tatort zurück."

    Die Geschmacklosigkeit kennt keine Grenzen, in beiden Fällen...

    Antwort auf "no comment"
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    Reiseunternehmen, die die Menschen an Orte ihrer Vergangenheit bringen. Dort wird oft genug an Türen geklopft, um Räume zu sehen, in denen Leben statt fand.

    Mit dem Sprüchlein vom "Tatort" hat das meiner Meinung nach nichts zu tun, sondern vielmehr mit der Sehnsucht, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen.

    Reiseunternehmen, die die Menschen an Orte ihrer Vergangenheit bringen. Dort wird oft genug an Türen geklopft, um Räume zu sehen, in denen Leben statt fand.

    Mit dem Sprüchlein vom "Tatort" hat das meiner Meinung nach nichts zu tun, sondern vielmehr mit der Sehnsucht, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen.

  6. Reiseunternehmen, die die Menschen an Orte ihrer Vergangenheit bringen. Dort wird oft genug an Türen geklopft, um Räume zu sehen, in denen Leben statt fand.

    Mit dem Sprüchlein vom "Tatort" hat das meiner Meinung nach nichts zu tun, sondern vielmehr mit der Sehnsucht, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen.

    Antwort auf "Zitat"
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    und weil es reiseunternehmen gibt, die davon leben, ist alles i.O.
    ich hoffe, dass sie nie in den genuss eines solch unerwarteten besuches kommen...

    und weil es reiseunternehmen gibt, die davon leben, ist alles i.O.
    ich hoffe, dass sie nie in den genuss eines solch unerwarteten besuches kommen...

  7. und weil es reiseunternehmen gibt, die davon leben, ist alles i.O.
    ich hoffe, dass sie nie in den genuss eines solch unerwarteten besuches kommen...

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    ich kenne es allerdings an Orte zurück zu kehren, an denen ich lebte. Ich gehöre zu denen, die seit ihrer frühen Jugend viel in der Welt herum kamen und manchmal stehe ich vor einem Haus und schaue, wenn ich in eine solche Gegend komme.

    Ich würde nicht klingeln und schauen wollen, kann mir aber vorstellen, dass es Menschen gibt, die solches versuchen. Gerade auf ARTE war eine solche Szene zu sehen, als eine Jüdin in das Haus in Krakau aus den USA anreiste, um zu schauen, wo sie gelebt hatte. Scheinbar ist es ein Weg, sich Vergangenheit nahe zu bringen.

    Und am Ende bleibt die Frage, ob jemand öffnet und Einlass gewährt.

    Meine Großmutter stand, wie ich oben schrieb, einmal vor der Situation und wies die Menschen ab, die in ihren privaten Raum eindringen wollten. Da hat man die Wahl.

    ich kenne es allerdings an Orte zurück zu kehren, an denen ich lebte. Ich gehöre zu denen, die seit ihrer frühen Jugend viel in der Welt herum kamen und manchmal stehe ich vor einem Haus und schaue, wenn ich in eine solche Gegend komme.

    Ich würde nicht klingeln und schauen wollen, kann mir aber vorstellen, dass es Menschen gibt, die solches versuchen. Gerade auf ARTE war eine solche Szene zu sehen, als eine Jüdin in das Haus in Krakau aus den USA anreiste, um zu schauen, wo sie gelebt hatte. Scheinbar ist es ein Weg, sich Vergangenheit nahe zu bringen.

    Und am Ende bleibt die Frage, ob jemand öffnet und Einlass gewährt.

    Meine Großmutter stand, wie ich oben schrieb, einmal vor der Situation und wies die Menschen ab, die in ihren privaten Raum eindringen wollten. Da hat man die Wahl.

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