Hähne krakeelen, Hunde keifen, die Sechsuhrglocken läuten, doch das Dorf scheint seit Jahrzehnten zu schlafen. Die Häuser schlummern vor sich hin, Efeu umrankt ihre morschen Holzwände, Moos kriecht über ihre krummen Ziegeldächer. Versackt im aufgeweichten Boden, stützen sie sich ebenso auf hölzerne Krücken wie ihre wenigen verbliebenen Bewohner. Ein Greis mit bloßer Brust treibt rauchend zwei Kühe über den rissigen Asphalt. Die einzige Straße des Dorfes, von Walnussbäumen gesäumt, windet sich um einen toten Seitenarm der Save – längst ist er abgeschnitten von der Strömung des Flusses.

Bevor das Dorf Čigoć , eine Autostunde südöstlich von Zagreb, irgendwann in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts aus der Zeit fiel, wohnten hier 400 Menschen. Heute sind es 93; überwiegend alte Bauern, deren Söhne und Töchter in die Städte flohen. Der Ort droht auszusterben. Die Lage wäre hoffnungslos – gäbe es nicht die Störche. 29 Weißstorchenpaare haben dieses Jahr hier gebrütet, in ihren Nestern klappern 76 Junge – in Čigoć leben mehr Störche als Menschen. Die Vögel nisten auf Strommasten und schreiten über die schiefen Firste; auf einigen Giebeln haben sie gleich drei Nester gebaut. Sie staksen hinter Kuhherden und Traktoren her und bedienen sich am aufgewühlten Feldbuffet aus Würmern und Käfern. Seit je folgen die Störche den Menschen. In Čigoć sollen nun die Menschen den Störchen folgen – genauer gesagt: die Touristen.

1994 ernannte die deutsche Naturschutzstiftung EuroNatur den Ort zum ersten Europäischen Storchendorf. Sie lobte das beispielhafte Zusammenleben von Mensch und Tier und markierte das Dorf auf Landkarten für Naturtouristen. 2003 finanzierte die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG zudem einen »Regionalen Tourismus Masterplan«: Angelockt vom Naturpark Lonjsko Polje , der Čigoć umgibt, sollen Besucher künftig auch das kroatische Hinterland erkunden – sogar die Nachbarstaaten Bosnien-Herzegowina, Serbien, Slowenien und Ungarn. Der Tourismus könnte den jungen Dorfbewohnern eine Perspektive bieten und helfen, die urtümliche Natur und die historischen Siedlungen zu erhalten.

In Čigoć, dem Ausgangsort des großen Plans, wartet die Lokalprominenz auf ihr Frühstück: Vier Storchenkinder recken die Hälse und klappern vor Hunger. Endlich segelt die Mutter flach über die Giebel heran, spreizt im letzten Moment die schwarzen Spitzen ihrer Schwingen und landet sanft auf dem Nestrand. Futter gibt es hier reichlich, nicht nur auf den Feldern. Die Auenlandschaft Posavina, zu der der Naturpark gehört, ist die größte Europas. In den Eichenwäldern an der Save, die regelmäßig von Regenfluten überschwemmt werden, sitzen Wasserfrösche dicht gedrängt und übereinander an den Ufern grüner Tümpel.

Sumpfschildkröten dösen neben ihnen, Sonnenstrahlen tanzen über die Blüten der Seerosen – ein Bild des Friedens, an dem sich bald auch mehr Menschen erfreuen werden. Noch in dieser Saison soll der erste Fahrradverleih eröffnen. Bald können Besucher durch den Auenwald reiten und in Mietkanus über die Save paddeln. Seit vergangenem Jahr tuckert dort auch eine Beobachtungsplattform dahin, angetrieben von zwei Radwalzen. Vodomar heißt sie, Eisvogel – und bereits nach wenigen Minuten flattert eines der schillernden, eigentlich scheuen Tiere tatsächlich übers Wasser. Ein Seidenreiher stolziert mit wippenden Kopffedern den Strand entlang. Zwischen Stieleichen und Silberweiden sitzt fast regungslos ein Seeadler in einer kahlen Baumkrone – nur sein gelber Schnabel folgt dem Treiben ringsum.