Börsenschwankungen Die schönste Risikoanlage
Stürzen die internationalen Börsenturbulenzen auch den Kunstmarkt in die Krise? Eine Spekulation
© Carl Court/AFP/Getty Images

"Debbie Harry" von Andy Warhol auf einer Auktion bei Sotheby's in London im Juni 2011
Anfang August meldete das Auktionshaus Sotheby’s einen neuen Rekord. Kein Gemälde von Picasso oder Warhol hatte diesmal die Preis-Schallmauer durchbrochen, nein, es ging um die Unternehmenszahlen des eigenen Hauses: Im ersten Halbjahr 2011 hat Sotheby’s 3,4 Milliarden Dollar umgesetzt, so viel wie noch nie in der 267-jährigen Geschichte der Firma. Man hatte in sechs Monaten mehr als vierhundert Objekte verkauft, die je über eine Million Dollar wert waren. Doch schon wenige Tage nach der Bekanntgabe des Rekordergebnisses stürzte der Preis der Sotheby’s-Aktie um bis zu zwanzig Prozent ab – schuld war die Aufregung an den Börsen.
Auch wenn das manche Auktionatoren in Krisenzeiten gern bestreiten, so ist der internationale Kunstmarkt doch extrem abhängig davon, was auf anderen Märkten geschieht. Infolge der US-Hypothekenkrise brach – mit einer leichten Zeitverzögerung – auch der Kunstmarkt 2008 ein, insbesondere der für zeitgenössische Kunst. Auf den großen Auktionen in New York und London konnte teilweise nur noch die Hälfte des Aufgebotenen verkauft werden, und manche Galeristen fanden keine Abnehmer mehr.
Zwar hat sich der Kurs der Sotheby’s-Aktie mit den Börsendaten zwischenzeitlich wieder erholt, doch die Prognosen für die Kunstverkäufe im Herbst sehen nicht rosig aus. Wer in den vergangenen Wochen einen guten Teil seines Vermögens verloren hat, wer noch immer Bankeninsolvenzen befürchtet, der wird sich in den kommenden Monaten wohl kaum beim Kunstkauf verausgaben. Selbst manch ehemaliger Krisengewinnler unter den New Yorker Hedgefondsmanagern – von denen bekanntlich einige bereitwillig etliche Millionen für Kunst hinblättern – hat in den vergangenen Wochen bis zu zehn Prozent Verlust gemacht.
In London mussten sogar einige Trader aufgrund der allgemeinen Verunsicherung zuletzt den Handel zeitweise einstellen. Jetzt geht die Angst um, dass die Boni dieses Jahr sehr gering ausfallen – oder ganz ausbleiben. Zudem entlassen Banken wie Barclays und HSBC Tausende Investmentbanker. Und somit wird dort derzeit eine Klientel geschwächt, ja sogar dezimiert, die bislang gern zeitgenössische Kunst kaufte. Sotheby’s hatte im Juni noch die beste Londoner Gegenwartskunst-Auktion aller Zeiten veranstaltet, mit einem Umsatz von 206 Millionen Dollar.
In den Monaten des Aufschwungs nach der Hypothekenkrise und der gleichzeitig wachsenden Inflationsangst wurde die Kunst als rentable Anlage gehandelt. Doch dem Kunstinvestor kommt es im Vergleich zum reinen Sammler immer darauf an, dass die Kunst langfristig nicht nur ihren ästhetischen, sondern auch ihren ökonomischen Wert behält. Oder besser noch: ihn steigert. Scheinbar extrem profitable Kunstanlagen (Damien Hirst) haben sich seit dem Fall von Lehman Brothers oft als die griechischen Staatsanleihen des Kunstmarkts herausgestellt. Wer kann schon sagen, ob die zuletzt für Werke von Picasso, Warhol oder Giacometti gezahlten zwei- und dreistelligen Millionenpreise langfristig Bestand haben? 1990, während der vorherigen großen Kunstmarktkrise, waren die Preise für impressionistische Kunst implodiert. Spätestens seit damals, als sich auch Gemälde von »Blue-Chip-Künstlern« wie van Gogh plötzlich nicht mehr verkaufen ließen, weiß man, dass teure Kunst – egal ob alt oder neu – eine Risikoanlage ist.
Werden also, falls die Krise kein Ende findet, sie sich gar noch steigert, die Auktionshäuser und Kunsthändler im Herbst arg leiden? Sind die Zeiten der Rekorde dann erst einmal vorbei?
Die Rettung für den Kunstmarkt könnte aus China kommen. Dort wird zwar derzeit das Wirtschaftswachstum aus Angst vor einem Crash künstlich abgebremst, doch ist die Zahl der kaufkräftigen Asiaten in den vergangenen Jahren exponentiell gestiegen. 2010 entwickelte sich China zum zweitgrößten Kunstmarkt der Welt, auch in Europa und den USA bringen Auktionen mit chinesischer Kunst und Kunsthandwerk erstaunliche Rekordgewinne – bisher interessieren sich die chinesischen Großsammler vor allem für die Artefakte der eigenen Kultur. Schon Mitte September stehen bei Christie’s und Sotheby’s in New York die nächsten Auktionen mit Chinesischem an, auch viele deutsche Händler sind intensiv auf der Suche nach neuer Ware, neuen Experten und neuen Kunden.
Vielleicht werden die internationalen Auktionshäuser und Händler in Berlin und London, Paris und New York in den kommenden Wochen aber nicht nur die chinesischen Käufer, sondern vermehrt auch die Schweizer Kunstsammler umwerben. Derzeit flieht das ängstliche Geld am liebsten in Gold – und in den Schweizer Franken. Er ist so teuer wie noch nie. Das schadet der Schweizer Wirtschaft, doch für den Schweizer Kunstliebhaber werden Bilder im Ausland zum Schnäppchen.
- Datum 20.08.2011 - 15:19 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.8.2011 Nr. 34
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Vielleich dringt es ja dann auch zu den sogenannten Künstlern durch, dasss das, was sie machen, nicht nur zum multiplizieren von Investments da ist. Ich denke da nur an diese sogenannte Ausstellung "politscher Plakate", deren durchschnittliche Auflage bei etwa 1 (ein Stück!) lag - super engagierte Sachen, nur um frisch vom Erzeuger weg in irgendwelcher reichen Leute Sammlungen zur Ertragssteigerung verfrachtet wurden.
Nun ja, wer Kunst als reine Anlage kauft, der tut sich doch keinen wirklichen Gefallen, da das entsprechende Werk für denjenigen nur das Äquivalent zu Geld ist. Ein Kunstwerk im Archiv eines spekulierenden Ignoranten ist wie ein verlorenes Kunstwerk.
Das Geld ist doch viel besser in der Kunst angelegt, die dem Käufer wirklich gefällt. Und das gilt auch in der schlimmsten Finanzkrise. Denn wenn die Finanzwerte verfallen und man einen Teil seines Vermögens für Kunst des eigenen Geschmacks ausgibt, dann lässt sich selbst in der schlimmsten Inflation doch eines sagen: Das Geld ist hin, aber man hat doch noch etwas schönes zum Betrachten. Und dann spielt selbst der Marktwert des Kunstwerks keine Rolle mehr, sondern nur der kulturelle und ästhetische Wert.
Insofern würde ich erwarten, dass reiche echte Kunstliebhaber nach wie vor als sehr aktive Käufer auftreten.
Dem Kunstinvestor komme es im Vergleich zum reinen Sammler immer darauf an, dass die Kunst langfristig nicht nur ihren ästhetischen, sondern auch ihren ökonomischen Wert behalte: "Oder besser noch: ihn steigert."
SCHEINBAR "extrem profitable Kunstanlagen (Damien HIRST)" haben sich seit dem Fall von Lehman Brothers oft als die griechischen Staatsanleihen des Kunstmarkts herausgestellt...
WAS UNS HEUTE FEHLT sei „innere Notwendigkeit“ (Wassily KANDINSKY), Ernsthaftigkeit und Spiritualität in der KUNST: angesichts des zeitgenössischen KUNSTBETRIEBs mit einer KUNSTSZENE, die „mehr und mehr vom KOMMERZ beherrscht“ werde. Das meint der Ex-Kunstakademie-Lehrer Wieland SCHMIED.
„Nichts zu gehen“ scheine ohne GELD. Vorwiegend drücke sich der Erfolg eines Künstlers „in Geld aus, in Auktionsergebnissen und erzielten Preisen“. Diese würden von den Medien „eifrig kolportiert“. Manches was heute auf dem Gebiet der Kunst hoch gehandelt werde, hat dem Kunsthistoriker NICHTs zu sagen; z.B. Arbeiten von Damien HIRST, Jeff KOONS und anderen. (KUNSTZEITUNG Nr. 189 - August 2011.)
Zu HIRST & KOONS mal mit werner hahn googeln bitte.
Eine Diagnose von W.S., die ich teile - siehe Artikel-Sextett in der GZ: Demokratisierung des Kunstsystems ...(Teile 1-6): „Spielverderben durch MARKT-MACHER-Entmachtung“ siehe Startartikel http://www.giessener-zeit... .
Interessanter Artikel, bei dessen Lesen ich mich in einer seltsamen Irritation befand. Denn wen, abgesehen von Sothebys selbst, würde eine solche Kunstkrise stören? Am wenigsten die Künstler, deren Tod ja zumeist Voraussetzung für höhere Preise ist. Darüber freuen könnte sich gar der Kunstinteressierte, da es ihm so leichter wäre, ein geschätztes Bild zu erwerben.
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