Trotz der extremen Situation und der erlebten Gewalt darf man nie vergessen, dass London in Wirklichkeit die »integrierteste« Region ganz Europas, wenn nicht der Welt ist. Selbst New York ist segregierter. Selbstverständlich halten die Verkehrsbetriebe London Transport spezielle Uniformmützen für ihre karibischen Mitarbeiter bereit, Mützen, unter die beispielsweise Rastalocken passen; London Transport hat aber auch eine Variante für Sikh-Mitarbeiter. Selbstverständlich gibt es schon seit über 20 Jahren Nachrichtensprecher verschiedener Hautfarben.

Vor meiner Haustür in einem teils privaten, teils sozialen Wohnungsbaukomplex spielen Kinder zusammen, die vier verschiedenen Ethnien angehören. Die Kinder meiner Nachbarn aus Bangladesch besuchen selbstverständlich die Grundschule der Church of England. Es gab nie auch nur in Ansätzen eine Kopftuchdebatte – auf dieses Niveau würden sich die gebildete englische Führungsschicht und selbst die Boulevardzeitung The Sun niemals herablassen.

Die Herausforderungen sind allerdings auch größer als in jeder anderen Stadt Europas. Nirgendwo sonst leben so viele unterschiedliche Volksgruppen zusammen. Weil die Rahmenbedingungen »globaler« sind als irgendwo sonst, gibt es auch mehr Probleme. Aber insgesamt ist London für mich eine Erfolgsstory. Gestört und belastet wird diese Story nicht von dem reflexartig gescholtenen Sozialstaat, sondern von der seit Thatcher gängigen Ideologie, dass der Staat schlecht und der Markt gut sei. Diese Ideologie mag jenen nützen, die ohnehin Zugang zu Bildung, Medien, Jobs und Zukunft haben. Aber sie schadet jenen, die keine Eltern haben, die sich kümmern, jenen, die niemanden haben, der ihnen Werte beibringen kann jenseits von Konsumkultur und Verdummungsmedien.

Großbritannien hat sich in eine rein materialistische Kultur verwandelt. Die beabsichtigte Teilhabe der Unterschicht ist ausgeblieben, stattdessen ist der Abstand immer größer geworden zwischen denen, die haben, und denen, die nicht haben. Labour hat in 13 Jahren viel erreicht, aber zugleich hat der Reichtum der Reichen in dieser Zeit erheblich mehr zugenommen als der Wohlstand der Armen. Die Diskrepanz zwischen dem, was in den Medien als durchschnittlicher Lebensstandard vorgelebt wird, und der Realität der Ärmsten ist enorm; und sie wird immer größer. Das alles ist kein Grund, ein Haus in Brand zu setzen, aber es muss mit bedacht werden, jetzt, da die Asche nach Spuren durchsucht wird.

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Das wohlsituierte Britannien und auch Europa erlauben sich diese Unterschicht, obwohl die Kosten dafür unermesslich hoch sind. Es scheint eine der dunklen Seiten der Menschen zu sein, sich lieber in Little Britain-Komödien über Arme lustig zu machen, als sich mit ihnen zu solidarisieren. Die allerwenigsten Menschen werden oder bleiben freiwillig dumm und arm. Die wenigsten werden fett und ernähren sich falsch, weil sie es wollen. Pausenlos werden wir bombardiert mit Werbebotschaften und Kaufanregungen, die schlecht sind für uns. Gebildete schützen sich gegen solche Propaganda mit einer Vielzahl von Filtern, in den anderen weckt sie das Gefühl der Minderwertigkeit und der Unzufriedenheit.

Ich verstehe nicht, warum die sinnlosen Gewalttaten nicht als Weckruf gesehen werden, sondern als rein kriminelle Akte. Warum betrachten wir die Plünderer nicht auch mit Mitleid? Natürlich handeln sie kriminell, und ihre Taten sind unentschuldbar, aber wer wird schon auf diese Weise kriminell, wenn er Bildung, einen Job und Teilhabe an der Gesellschaft hat? Die Häme, die in Kommentaren und Blogs auf die Akteure einprasselt, ist erschütternd, niemand versucht zu verstehen, warum diese Menschen sich in solchen »Abschaum« verwandeln konnten; wer macht das schon aus freien Stücken?