Im Blut liegt Wahrheit. Junge oder Mädchen? Dunkelhaarig oder blond? Vor allem aber: Gesund oder krank – wie wird das Kind zur Welt kommen? Schon wenige Wochen nach der Zeugung verbergen sich Antworten auf diese Fragen im Blut der Schwangeren. Kaum auf halbe Fingerlänge gewachsen, gerade vier Gramm schwer, überschwemmt der Fötus den Blutkreislauf der Mutter mit seinen Erbmolekülen. Zerstückelt zwar, zerborsten in unzählige Fragmente. Doch für die Dechiffriermaschinen in den Genlabors ist das Erbmaterial eine leichte Lektüre. Ein paar Milliliter Blut der Schwangeren werden künftig genügen, um das neue Leben zu inspizieren.

Am Bodensee hat der Probelauf für die Prophetie aus dem Mutterblut bereits begonnen. Drei Tage lang laufen die Decoder in den Laboren der Konstanzer Firma LifeCodexx, um die Erbmoleküle eines Ungeborenen zu vermessen. "Dann braucht der Computer noch einmal drei Tage, um das Ergebnis auszurechnen", sagt Vertriebschef Martin Burow. Bei LifeCodexx beschränkt sich die Suche zunächst auf die wichtigste Frage, die viele zukünftige Eltern umtreibt: Leidet unser Kind am Downsyndrom (Trisomie 21) und wird deshalb geistig behindert und körperlich beeinträchtigt zur Welt kommen?

Der Bluttest für die 10. Schwangerschaftswoche offenbart eine Lebenslüge: Eugenik findet längst statt. © Sean Gallup/Getty Images

Zum Jahresende, spätestens im Frühjahr 2012 wird der Bluttest für Schwangere in Deutschland verfügbar sein. "Das Interesse ist riesengroß", schwärmt Burow. "Mit unserer Methode kann sich die Mutter Gewissheit verschaffen, ohne dass sie ihr Kind riskiert." Tatsächlich erfüllt die neue Diagnostik auch einen alten Wunschtraum der Frauenärzte. Bislang können sie das Downsyndrom nur mit einer Fruchtwasseruntersuchung zweifelsfrei ausschließen. Mehr als 31.000 solcher Amniozentesen haben deutsche Krankenkassen 2009 bezahlt. Doch in einem von hundert Fällen führt der Eingriff, bei dem der Arzt Fruchtwasser durch die Bauchdecke der Schwangeren entnimmt, zu einer Fehlgeburt. Nun steht erstmals ein nicht invasiver und damit gefahrloser Test zur Verfügung. Nicht allen Beobachtern ist wohl dabei.

"Die Schwangerschaft unter Vorbehalt wird zum sozialen Standard werden"

Denn was gegenwärtig als Forschungserfolg gefeiert wird, dürfte die Verfügungsmacht des Menschen über die Fortpflanzung weiter vorantreiben. Gerade hat sich der Bundestag nach langer kontroverser Debatte dazu durchgerungen, die Präimplantationsdiagnostik (PID) in Ausnahmefällen zuzulassen . Während Ärztefunktionäre und Politiker noch diskutieren, wann der Gentest bei den im Labor gezeugten Embryonen erlaubt sein soll, schickt sich die Humangenetik an, auch auf das konventionell gezeugte Leben im Mutterleib zuzugreifen – mit einem komplikationsfreien Verfahren, das zudem früh in der Schwangerschaft zum Einsatz kommt. Amniozentesen werden in der Regel zwischen der 14. und 16. Woche durchgeführt. Die neue Technik erlaubt es, die Erbdaten des Fötus bereits vor der 10. Schwangerschaftswoche komplett auszulesen. Das Geschlecht ist noch weit früher feststellbar.

In diesem Stadium hat die Schwangere weder eine persönliche Bindung zum Fötus aufgebaut, noch ist sie für das Umfeld als werdende Mutter zu erkennen. Ein Abbruch fällt deshalb vermutlich viel leichter. Und wird die risikofreie Diagnose künftig zu einer erneuten Ausweitung der vorgeburtlichen Untersuchungen auf Trisomie 21 führen? Das Downsyndrom werde die erste Form der Behinderung sein, die aus der Gesellschaft verschwindet – "per Abtreibung", sagt der Humangenetiker Wolfram Henn von der Universität des Saarlandes voraus: "Die Schwangerschaft unter Vorbehalt wird zum sozialen Standard werden."

Tatsächlich ist auf Dauer kaum vorstellbar, dass die genetische Untersuchung des Fötus auf Trisomie 21 beschränkt bleiben wird. Schon jetzt lassen sich damit weitere Erbschäden entdecken: körperliche Erbleiden wie Mukoviszidose, Muskelschwund oder Blutarmut sowie neuropsychiatrische Befunde wie ein drohender Autismus. Mit dem Einstieg in die genomische Fortpflanzungsmedizin nähern sich die Zeiten ihrem Ende, in denen gesunder Nachwuchs eine Gnade war – und ein behindertes Kind ein hinzunehmendes Schicksal.