Ethik-DebatteFrüher erkennen
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"Wieweit wollen wir die Genome unserer Kinder künftig diktieren?"

»Wieweit wollen wir die Genome unserer Kinder künftig diktieren?«

Bei Fachleuten erzeugt diese Perspektive bei aller Euphorie auch Unbehagen. Sie fordern nun eine offene Debatte ein: Heute und nicht erst in fünf Jahren entscheide sich, ob die Gesellschaft eine Medizin akzeptieren werde, die gesunde Kinder weitgehend garantiere, mahnte der US-Genetiker David Goldstein vergangene Woche in einem Essay in Nature .

Dabei seien weder Politik noch Gesellschaft für die heranrollende Flut genetischer Informationen gerüstet, urteilt der Direktor des Center for Human Genome Variation der Duke University: »Wieweit wollen wir die Genome unserer Kinder diktieren? Und welche Folgen wird dieses Handeln haben? Wo soll die Entscheidungsgewalt liegen – beim Staat oder bei den Eltern?« Für untätiges Zuwarten bleibt da kein Raum mehr. Die Genomtechniken sind bereits verfügbar. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wofür sie genutzt werden.

Es war der Pathologe Dennis Lo , der schon 1997 mit seinen Kollegen an der Chinese University of Hongkong entdeckte, dass im Blutstrom von Schwangeren massenhaft einzelne Erbmoleküle des Fötus driften. Jahrzehntelang hatten Forscher aus aller Welt versucht, ganze Zellen des Fötus im Blut der Mutter zu finden und für Tests zu verwenden. Das Vorhaben scheiterte. Auch mit Los Entdeckung war lange Zeit wenig anzufangen – der Decodiertechnik fehlte es an der Leistungsfähigkeit, um den winzigen Genschnipseln des Fötus Informationen zu entlocken.

Erst das sogenannte Next-Generation-Sequencing machte die Untersuchung fötalen Erbmaterials zu einem massentauglichen Schnellverfahren – und damit zu einem der ganz heißen Forschungsfelder im DNA-Business.

Dennis Lo in Hongkong ist beileibe nicht der Einzige, der im Mutterblut fahndet, doch stets landete sein Team die spektakulären Coups: Anfang Dezember 2010 beschrieb es im Fachblatt Science Translational Medicine die erste Totaldecodierung des Genoms eines Fötus. Da war die Schwangere noch nicht einmal in der 12. Woche. Beide Eltern trugen die Anlage für die erbliche Bluterkrankheit Beta-Thalassämie in sich. Seinerzeit habe die Untersuchung noch 200.000 US-Dollar gekostet, sagt Lo: »Mit der Ausrüstung, die wir jetzt zur Verfügung haben, könnte ich das für schätzungsweise 40.000 Dollar machen.«

»Die genetische Durchleuchtung kann niemand mehr verhindern«

Damit aber nähert sich die Decodierung fötaler Genome dem Bereich der klinischen Routinediagnostik. Denn in den meisten Fällen müssen die Experten gar nicht das gesamte Erbgut entziffern, um eine Krankheit auszuschließen. Oft genügt es, das sogenannte Exom zu besichtigen, jene 1,5 Prozent des Genoms, in denen die Informationen für sämtliche Eiweiße des Körpers verschlüsselt sind. Dass diese sogenannte Exon-Capture -Technik auch mit den fötalen Erbmolekülen aus Mutterblut funktioniert, demonstrierte Los Team kürzlich mit einer Pilotstudie.

Damit geraten viele der von Eltern am meisten gefürchteten Befunde ins Radar der frühen Pränataldiagnostik: ein großer Teil der mentalen Retardierungen etwa oder autistische Leiden. Auch Blindheit, Stoffwechselkrankheiten oder die Anfälligkeit für Krebs, Parkinson und Alzheimer dürften mit der Genomtechnik demnächst bereits früh in der Schwangerschaft und vergleichsweise kostengünstig zu entdecken sein. Im Prinzip, versichert Lo, könne man jede beliebige Stelle im Erbgut des Fötus untersuchen – Baustein für Baustein.

»Die genetische Durchleuchtung kommt«, sagt der Berliner Geburtsmediziner Klaus Vetter, »das kann niemand mehr verhindern.« Wohin die umfassende Rasterfahndung im Erbgut des Fötus dereinst vielleicht führen könnte, zeigt das Beispiel Trisomie 21: In Deutschland brechen deutlich mehr als 90 Prozent der Frauen ihre Schwangerschaft ab, wenn bei ihrem Fötus das Downsyndrom entdeckt wird. Wenn Kinder mit dem Chromosomenfehler zur Welt kommen, dann größtenteils bei jungen Müttern, die nicht am vorgeburtlichen Trisomie-21-Screening teilgenommen haben. Was aber wird erst sein, wenn Dutzende, gar Hunderte weit schwererer Leiden schon in der 10. Woche festgestellt werden können?

Chromsomenfehler

Während der Zeugung eines Menschen kann es zu Fehlern kommen. Es kommt vor, dass in den Zellen des Nachwuchses eines der 46 Chromosomen fehlt (Monosomie) oder überzählig ist (Trisomie). Dramatische Chromosomenfehler führen zu einem Abort, zu einem frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft.

Dagegen können Kinder mit Trisomie 18 oder 13 lebend geboren werden, sterben aber meist sehr früh. Menschen können mit Abweichungen der Zahl des Geschlechtschromosoms X leben: Frauen mit einer Monosomie X oder Trisomie X und Männer mit zwei X- und einem Y-Chromosom (Klinefeltersyndrom).

Ebenfalls lebensfähig und häufig sind Kinder, bei denen ein überzähliges Chromosom 21 vorhanden ist: Diese Trisomie 21 führt zum Downsyndrom und kommt gegenwärtig in Deutschland bei einer von 500 Schwangerschaften vor.

Risiko einer Trisomie

Das Risiko dafür ist fast ausschließlich vom Alter der Mutter abhängig. Auch bei jüngeren Schwangeren kann der Fötus Merkmale des Downsyndroms haben, die Häufigkeit steigt aber jenseits des 35. Lebensjahres steil an: Sind bei 25-Jährigen noch deutlich unter 0,1 Prozent der Schwangerschaften betroffen, steigt die Gefahr bei Frauen mit 35 auf 0,3 Prozent. Bei Schwangerschaften im Alter von 40 Jahren hat bereits eines von hundert Kindern eine Trisomie 21, mit 48 sind es neun von hundert.

Vorgeburtliche Untersuchungen

Nach Erhebungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 2004 nutzen 85 Prozent der Schwangeren die Möglichkeit vorgeburtlicher Untersuchungen. Ab 35 Jahren wird ihnen im dritten Monat die sogenannte Ersttrimester-Untersuchung angeboten. Mittels Ultraschall untersucht der Arzt den Fötus auf verschiedene Auffälligkeiten. Dazu gehören etwa die Nackentransparenz, Herzanomalien, die Größe des Kindes und die Fruchtwassermenge. Die verschiedenen Befunde gehen dann in einen Risikowert ein.

Aber selbst wenn das Ergebnis einen Verdacht auf Trisomie 21 nahelegt, trifft dieser nur in fünf bis zwölf Prozent dieser Fälle tatsächlich zu. Deshalb wird den sogenannten Hochrisikoschwangeren zusätzlich eine Punktion des Fruchtwassers angeboten, um in den im Fruchtwasser enthaltenen Zellen des Fötus eine Chromosomenanalyse durchzuführen. Erst diese Analyse liefert dann die definitive Diagnose. Das Risiko der Untersuchung ist allerdings hoch: Bei rund einem Prozent der Eingriffe kommt es zu Komplikationen mit der Folge einer Fehlgeburt.

Leserkommentare
    • Gafra
    • 22.08.2011 um 19:38 Uhr

    festzustellen und den Fötus dann abzutreiben, werden Behinderungen keineswegs aus der Welt geschafft.
    Auch bei der Geburt, durch Krankheit (Meningitis z.B.) und Unfälle entstehen Behinderungen.
    Also auch mit einer solchen Diagnosemöglichkeit gibt es kein Anrecht auf ein immer gesundes Kind.
    Ich finde es schon etwas merkwürdig, wenn Interessenverbände bestimmte Behinderungen praktisch unter Artenschutz stellen wollen.
    Wenn Eltern sich entscheiden, trotz einer einschlägigen Diagnose ein behindertes Kind zu bekommen, so ist das ihre Entscheidung und zu respektieren, aber ebenso, die Entscheidung, ein solches Kind nicht zu bekommen.

    30 Leserempfehlungen
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    Man arbeitet gegen die Behinderung, nicht gegen die Behinderten.
    Das ist ein gewaltiger Unterschied.

    Man arbeitet gegen die Behinderung, nicht gegen die Behinderten.
    Das ist ein gewaltiger Unterschied.

    • _bla_
    • 22.08.2011 um 19:37 Uhr

    Wie erdrückend der Gesellschaftliche Druck werden wird, solche Möglichkeiten zu nutzen zeigen die Kommentare zum folgenden Artikel:

    http://www.zeit.de/gesell...

    Dort wird zum Beispiel behauptet Eltern, welche ein behindertes Kinder bekommen handelten egoistisch und müssten die Gesellschaft um Erlaubnis bitten ein behindertes Kind austragen zu dürfen.

    10 Leserempfehlungen
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    ... sind diese Beiträge doch exemplarisch für die Mentalität vieler Bürger. 'Egoistisch' - ich nenne die, die das rufen 'menschenverachtend'

    Wann begreifen die Menschen endlich, das es keiner religiösen Leitsätze bedarf, um zu verstehen, dass jedes Leben lebenswert ist und das der Schritt das Leben zu bewahren (anstatt zu morden) ein sehr mutiger ist - und am wenigsten mit Egoismus zu tun hat.

    Die jüngsten Errungenschaften in der (Erb-)Medizin schlagen eine fatale Entwicklung ein. Je mehr wir Menschen aussortieren, nur weil sie unter bestimmten Defekten oder Erkrankungen leiden, wie ein kaputtes Auto, umso mehr verlieren wir unsere Menschlichkeit und unser Mitgefühl für unsere Mitmenschen. Was sind uns Menschen wert, wenn wir sie nicht einmal so akzeptieren wie sie geboren wurden? Ist es so falsch, in dieser Hinsicht ethische Bedenken zu haben?

    Das wir in Deutschland aber lange vor solchen Erkenntnissen entfernt sind, zeigt Ihre Verlinkung in einem großen Ausmaß.
    Wirklich eine Schande.

    ... sind diese Beiträge doch exemplarisch für die Mentalität vieler Bürger. 'Egoistisch' - ich nenne die, die das rufen 'menschenverachtend'

    Wann begreifen die Menschen endlich, das es keiner religiösen Leitsätze bedarf, um zu verstehen, dass jedes Leben lebenswert ist und das der Schritt das Leben zu bewahren (anstatt zu morden) ein sehr mutiger ist - und am wenigsten mit Egoismus zu tun hat.

    Die jüngsten Errungenschaften in der (Erb-)Medizin schlagen eine fatale Entwicklung ein. Je mehr wir Menschen aussortieren, nur weil sie unter bestimmten Defekten oder Erkrankungen leiden, wie ein kaputtes Auto, umso mehr verlieren wir unsere Menschlichkeit und unser Mitgefühl für unsere Mitmenschen. Was sind uns Menschen wert, wenn wir sie nicht einmal so akzeptieren wie sie geboren wurden? Ist es so falsch, in dieser Hinsicht ethische Bedenken zu haben?

    Das wir in Deutschland aber lange vor solchen Erkenntnissen entfernt sind, zeigt Ihre Verlinkung in einem großen Ausmaß.
    Wirklich eine Schande.

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