Gute Dokumentarfilme zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Botschaften nicht dozierend verbreiten, sondern Situationen und Szenen für sich sprechen lassen. Luzia Schmid und Regina Schilling hätten die 88 Minuten ihres Films Geschlossene Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule ( ARD am 9. August 2011 ) ohne Weiteres mit viel mehr drastischen Schilderungen und scharfen Kommentaren, die sich die Autorinnen aber gänzlich untersagten, anfüllen können. Gerade mit der fast beklemmend ruhigen, geradezu lapidaren Art, in der sie vorgingen, legten sie viel mehr über die verqueren Hintergründe offen, als es eine Frontalkritik vermocht haben würde.

Die Schlussbilanz dieser Skandalverkettung stand sowieso erst hinterher tonlos im Off, weiß auf schwarz: »Aus dem Abschlussbericht zweier unabhängiger Aufklärerinnen, der von der Odenwaldschule in Auftrag gegeben wurde: Bis zum Dezember 2010 gingen 132 Meldungen zu Betroffenen ein. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher.«

So weit, so schlimm! Doch wer aufmerksam zuhörte, musste bei zwei unvermittelt aufeinanderfolgenden Szenen noch viel hellhöriger werden. Zunächst sagt da ein ehemaliger Schüler in einem unvollständig auslaufenden Satz: »Die Tatsache, dass sicherlich die Hälfte aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dieser Schule irgendwann, und wenn es nur einmalig war, mit einer Schülerin oder einem Schüler sexuellen Kontakt hatte...« Und subito folgt ein ehemaliger Lehrer: »...darüber möchte ich natürlich nicht sprechen (kurz verlegen grinsend), nur so viel, dass ich immer noch ein ordentliches Verhältnis zu ihr habe. Das war außerhalb, das kann auch nicht unter dem Aspekt des Missbrauchs gesehen werden. Es muss, von heute aus, auch von mir gesehen werden, dass man das, was man als professionelle Distanz bezeichnet, dass ich sie hier überschritten habe.« Erst von heute aus? Aus welchen Gründen sollten solche Grenzüberschreitungen damals gebilligt worden sein?

»An dieser Schule ist alles erlaubt« – warum kritisierte niemand dieses Prinzip?

Der Skandal um die Odenwaldschule (OSO) kann also nicht auf die Person des pädokriminellen vormaligen Leiters Gerold Becker reduziert werden, der sich an 86 benannten Schülern vergangen hatte, nicht auf die 11 Suizidfälle aus dem Kreis der ihm Anvertrauten, auch nicht auf die 13 Lehrer und die eine Lehrerin, die in dem Abschlussbericht als Täter erwähnt werden, auch nicht auf all jene, die wie Beckers Nachfolger Wolfgang Harder die konsequente Aufklärung behindert haben; auch nicht auf den großen »Bildungs-Becker«, auf den Bildungsforscher Hellmut Becker, der den nicht mit ihm verwandten Gerold Becker dort zum Schulleiter gemacht hatte, obwohl er wusste, dass dieser sich an seinem Patensohn vergangen hatte.

Der Dokumentarfilm legt eindringlich nahe, dass im Grunde an das dortige Erziehungskonzept viel fundamentalere Fragen zu stellen und Probleme zu analysieren sind, die dem kruden Missbrauch vorgelagert bleiben. Wenn ein Schulleiter, wie im Film zitiert, seine neuen Schüler und Schülerinnen mit dem Satz begrüßt: »An dieser Schule ist alles erlaubt!«, dann sind die Jugendlichen schon mit dem ersten Satz, den sie zu hören bekommen, im Ansatz korrumpiert, weil sich doch zwingend die Frage anschließen muss: Auch den Lehrern? Eine der Autorinnen des Films beginnt ihre Erzählung mit den Sätzen: »Als ich Mitte der achtziger Jahre zum ersten und einzigen Mal an der Odenwaldschule zu Besuch war, war ich sechzehn ... und landete unverhofft im Paradies: An der OSO wurde gesoffen, geraucht, gekifft und gevögelt.« Dass eine Sechzehnjährige erst einmal so empfindet, muss einen nicht verwundern. Doch was ist das für eine Schule, die solche Verhältnisse als Paradies erscheinen lässt? Warum widerspricht kaum ein Pädagoge vehement diesem Laisser-faire, Laisser-aller für Schüler wie für Unverantwortliche unter den Lehrern, wo man doch weiß, dass dafür irgendwann von irgendwem die Rechnungen zu begleichen sind; eine Einsicht, für die man kein neoautoritärer Disziplinkünder sein muss?