DIE ZEIT: Herr Haesler, haben Sie selbst schon einmal die Versuchung des Geldes erlebt?

Aldo Haesler: Oh ja. Ich sollte gleich nach dem Studium an der Universität St. Gallen mit 24 Jahren die Chefredaktion eines Börsenblattes übernehmen. Man lud mich ins Baur au Lac nach Zürich ein. Ich war noch nie vorher in einem Nobelhotel gewesen. Ich redete mit dem Sohn der Verlegerin, die selbst in einer dunklen Ecke saß und mich nur observierte. Ich wurde auf Herz und Nieren geprüft. Ich gefiel offensichtlich der Baronin. Am Schluss sagte man mir: »Gut, wir nehmen Sie, aber im ersten Jahr können wir Ihnen noch nicht ein volles Salär zahlen, nur so etwa 100.000 Franken. Aber danach wird es besser.« Das war 1978. Ich hatte bis dahin von 300 bis 400 Franken im Monat gelebt. Als ich dieses Salär hörte, war ich erschüttert. Ich taumelte die Bahnhofstraße hinunter und sagte mir: Nein, das kann nicht sein, das bin nicht ich. Diese 100.000 Franken betreffen einen anderen Menschen. So traf ich rasch die Entscheidung, an einer solchen Welt nicht teilzunehmen.

ZEIT: Was ist das eigentlich – Geld ?

Haesler: Nationalökonomisch lapidar kann Ihnen fast jeder antworten. Komplizierter wird es, wenn wir das Geld soziologisch fassen wollen , wenn wir die Frage stellen, wie gesellschaftliche Ordnung möglich ist, wie wir es anstellen, dass unsere Verhaltenserwartungen an andere nicht enttäuscht werden. Nach Jahrzehnten der Beschäftigung mit dem Gegenstand sage ich heute genauso lapidar: Geld ist das letzte soziale Band in einer vollends individualisierten Gesellschaft. Geld ist das Einzige, was uns noch zusammenhält und was unsere Erwartungen nicht enttäuscht.

ZEIT: Wie kommen Sie zu so einer fundamentalen Aussage? Es sind doch die Familie, die Freunde, die uns verbunden halten.

Haesler: Wir erleben heute ein soziales Artensterben, das für unsere Spezies einmalig ist. So wie es eine Biozenose gibt, ein Artensterben in der Natur, spreche ich von einer Soziozenose, einer dramatischen Verringerung der sozialen Artenvielfalt und der menschlichen Beziehungen. Innerhalb von 20 Jahren hat sich zum Beispiel der Intimkreis des Durchschnittsamerikaners von 12,5 auf 2,5 Personen reduziert.

ZEIT: Sprechen Sie auch von sich selbst?

Haesler: Diese massive Vereinsamung ist sicherlich auch ein Mobilitätseffekt. Auch ich war ein »flexibler Mensch«, wie Richard Sennett ihn schön beschrieben hat, bin fast zwanzig Mal umgezogen und habe mich ein halbes Jahrhundert lang entwurzelt, aber das zu sagen ist eine Trivialität. Was ich bemerkt habe, auch in meinem Umfeld, ist eine ganz große Brüchigkeit der menschlichen Beziehungen. Wir leiden an einer ganz schnell zusammenbrechenden sozialen Nachhaltigkeit.

ZEIT: Und was hat das mit Geld zu tun?

Haesler: Sehen Sie, Geld verbindet uns nicht nur, es trennt uns auch – es bringt das, was eigentlich auseinander ist, in einer künstlichen Form wieder zusammen, das ist seine Symbolik, und es reißt auseinander, was natürlich gewachsen ist. Es bringt zwei Boxer in den Ring, die sich dafür vermöbeln; und es bringt Familien auseinander, die sich um eine Erbschaft streiten. Das ist die Diabolik des Geldes. Doch die Vereinsamung hat im Wesentlichen mit der Dematerialisierung des Geldes zu tun, einem Prozess, den ich seit über dreißig Jahre studiere und den ich hier etwas ausführen muss. Solange Geld materiell vorhanden war, konnte man es verdammen, fernhalten, konnte man seine symbolischen und diabolischen Auswirkungen beobachten, kurz: Man konnte es objektivieren. Das ist heute nicht mehr der Fall. Das Geld immunisiert mich gegen die Wirklichkeit, also auch gegen den Mitmenschen. Solange man es noch verdammen konnte, war man sich seiner Gefahr bewusst. Doch durch seine »Invisibilisierung«, sein Unsichtbar-Werden, wurde diese Gefährdung gebannt. Der entscheidende Sprung fand in den 1970er Jahren statt, mit der Elektronifizierung der Zahlungsströme. Die Grundthese meines Buches lässt sich auf drei Worte reduzieren: Geld befreit sich.