Ich gehe in die 9. Klasse eines Hamburger Gymnasiums und habe ein Problem: Ich habe kein Leben mehr. Mit Leben meine ich Hobbys, Freizeit und Spaß. Der Grund dafür ist die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre. 12 Jahre bis zum Abitur statt 13, das bedeutet Druck und Stress.

Jeder weiß, dass die Schule nicht das Leben ist. Mein Leben aber ist die Schule, was heißt, dass da etwas falsch gelaufen sein muss. Ich komme um 16 Uhr aus der Schule und gehe nicht vor 23 Uhr ins Bett. Und das liegt nicht daran, dass ich fernsehe, mich entspanne oder sogar Spaß habe.

Mein Kopf ist voll. Zu voll. Was denken sich eigentlich diejenigen, die über unser Schulleben bestimmen?

Dabei gehe ich gern zu Schule. Ich glaube, viele von euch (und Ihnen) wissen, was ich meine. Bei mir war es in den letzten Wochen vor den Sommerferien am schlimmsten. Wir mussten alle Arbeiten hintereinander schreiben. Klar, dass das nicht gut laufen konnte. Was bringt uns dieser Stress? Was haben unsere Eltern davon, dass wir ihre Rente in 30 Jahren sichern, aber heute schon kaputt gemacht werden? Das, was ich hier schreibe, geht jeden etwas an: Schüler, Eltern, Geschwister, Lehrer.

Ich will mich beschweren. Aber wie geht das? An wen kann ich mich wenden?

Ich habe beim Hamburger Schulsenator Ties Rabe angerufen, um zu fragen, wer eigentlich für solche Regelungen zuständig ist. Ich dachte, er muss doch Ahnung von uns Schülern haben. Ich wollte erklären, wie wir Schüler uns fühlen und dass ich denke, dass es so nicht weitergehen kann. Doch die Person am anderen Ende der Leitung hat mich unterbrochen und gesagt, dass das Gymnasium nur für selbstständige Schüler geeignet sei, die ein gewisses Lerntempo durchhalten. Es gebe da ja noch die Stadtteilschulen, auf denen das Abitur nach 13 Jahren möglich sei. Aber das weiß ich alles schon. Ich kenne diese Argumente.

Wahrscheinlich kann man nicht sehr viel erwarten, wenn man als 15-Jährige in einer Behörde anruft und den Senator sprechen möchte. Schon klar. Aber ich frage mich, ob einige der Erwachsenen, die Entscheidungen für uns treffen, schon einmal versucht haben, sich in uns hineinzuversetzen? Damit meine ich jeden Erwachsenen, den es überrascht, was ich hier schreibe. Sie wissen nicht, wie es uns geht, weil sie es nicht wissen wollen. Wir sollen Maschinen sein, die funktionieren, und das mindestens 10 Stunden am Tag. Aber funktionieren heißt nicht gleich lernen. Lernen bedeutet nämlich vor allem eins: Erfahrungen sammeln.

Was bringt es mir, wenn ich die chemische Formel von Cola kenne? Was bringt mir dieses unnötige Wissen? Es kann sein, dass es einige Leute interessant finden. Es kann aber nicht sein, dass ich 14 Fächer habe und von mir erwartet wird, in jedem davon eine super Leistung zu bringen. 37 Stunden in der Woche bin ich in der Schule und bringe sie danach auch noch für mehrere Stunden mit nach Hause. Denn in der Schule wird uns wegen der Verkürzung der Schulzeit meist nur noch Theorie beigebracht, damit wir die Übungen zu Hause machen dürfen.

 Die Hälfte meiner Mitschüler fühlt sich überfordert

Es muss sich etwas ändern: Entweder haben wir schon mittags Schulschluss und bekommen Hausaufgaben. Oder wir sind bis nachmittags in der Schule und bringen keine Arbeit mit nach Hause. Bei dieser Möglichkeit besteht jedoch die Gefahr, dass sich Hausaufgaben nach und nach einschleichen. Was sich auch ändert: Bitte, geben Sie uns dieses 13. Jahr zurück!

Für ein eigenes Leben würde ich sogar die Schule wechseln, obwohl ich im Unterricht gut mitkomme und meine Noten gut sind. Wenn ich nach der Schule nach Hause komme, möchte ich noch die Sonne sehen. Es mag komisch klingen, aber es ist ein Traum von mir, schon um 15 Uhr das machen zu können, was ich will. Denn ich bin hobbylos, nicht weil ich keine Interessen habe, sondern weil ich keine Zeit habe. Meinen Freunden geht es genauso. Ist es nicht verantwortungslos, eine Generation heranwachsen zu lassen, die keine Hobbys hat? Das heißt – eines haben wir alle. Aber soll ich meinen Kindern später erzählen, wie Facebook funktioniert, wenn sie mich fragen, wie es früher war? Sicher wird das gar nicht nötig sein, weil sie alle selbst kleine Computergenies sein werden, die noch weniger Leben haben als wir.

Deswegen frage ich mich: Warum tut niemand etwas gegen diese Hobbylosigkeit, also den Stress in der Schule? Wodurch ist das alles zustande gekommen?

Schüler, Eltern, Lehrer: Wir alle dürfen es nicht normal finden, wenn Kinder länger am Schreibtisch sitzen als arbeitende Eltern!

Auf dem Gymnasium wird uns beigebracht, uns eine eigene Meinung zu bilden, aber nicht, wie wir sie äußern und damit etwas bewirken können. Ich finde aber, wenn einen etwas stört, ganz egal, wie winzig es für jemand anderen sein mag, muss man dagegen kämpfen. Es mag für einige übertrieben klingen, aber die Schule nimmt mir gerade das Wichtigste, was ich besitze: meine Kindheit.

Sicher fragen Sie sich jetzt, ob ich ein Einzelfall bin, denn dann wäre das alles nur mein persönliches Problem. Die ist überfordert! Soll sie doch auf eine andere Schule gehen! Verwöhnte Göre! Ich könnte von der Schule gehen – aber warum sollte ich? Ich habe gute Noten. Außerdem wäre das Problem damit ja nicht gelöst, denn die Hälfte meiner Mitschüler fühlt sich überfordert. Logisch wäre es, wenn die, die sich überfordert fühlen, auch die mit den schlechteren Noten wären. Stimmt nicht, das sind vor allem die Schüler, die sich anstrengen und sich damit kaputt machen. Es sind die, die die Schule ernst nehmen.

Ich hasse es, länger arbeiten zu müssen als manche Erwachsene. Ich hasse es, diesem Druck ausgesetzt zu sein. Ich hasse es, wie manche Erwachsene über unser Leben und unsere Schule bestimmen, obwohl sie selbst in ihrer Schulzeit nie mehr als sieben Stunden in der Schule verbracht haben. Das ist mein Problem.

Und jetzt kommen Sie. Was wollen Sie tun?

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