Passanten in Krakau © Sean Gallup/Getty Images

Er könnte als Handlanger jenseits der Grenze eine ganze Reihe von Jobs übernehmen, aber er will es nicht. »Es lohnt sich einfach nicht«, sagt der 28-jährige Krzysztof Stefański aus Bielsko-Biała in Polen. Früher hätte man sich hier im Süden des Landes die Finger geleckt nach einem Arbeitsplatz beim großen deutschen Nachbarn, jetzt genügt das, was es in der Heimat gibt. Mitunter mäht Stefański Gras, dafür bekommt er vier Euro die Stunde. Manchmal schuftet er am Bau, da sind über zwölf Euro drin. »Ich habe mir Angebote in Deutschland angeschaut. Da hätte es auch vier Euro gegeben. In Polen verdiene ich also mehr und wohne außerdem zu Hause.«

Wie Stefański denken viele. Als Anfang Mai der deutsche Arbeitsmarkt auch für Bürger aus Polen, Tschechien und den übrigen 2004 beigetretenen neuen EU-Mitgliedsländern geöffnet wurde, waren die Sorgen groß. In Deutschland fürchtete man den Massenansturm von Billiglöhnern, die Polen befürchteten den Exodus ihrer Facharbeiter. 300.000, vielleicht 400.000 Arbeitskräfte würden sich innerhalb von drei Jahren auf den Weg nach Westen machen, sagten Experten voraus. »Zahlreiche polnische Arbeitgeber begannen schon vor der Grenzöffnung mit der Suche nach Ersatz«, erinnert sich Agata Guzowska von der Zeitarbeitsfirma Timework.

Die Wirklichkeit allerdings hat alle Prognosen Lügen gestraft – zumindest bisher. Nach ersten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl der Beschäftigten aus den acht osteuropäischen Staaten bis Ende Mai um etwas mehr als 30.000 auf nun rund eine Viertelmillion. Überwiegend waren es aber Saisonarbeitskräfte. Facharbeiter fanden sich unter den ausländischen Beschäftigten kaum. Aus Polen waren laut Bundesamt für Migration im Mai lediglich 6.836 Arbeitssuchende nach Deutschland gekommen.

Dass der Ansturm ausblieb, hat mehrere Gründe. Zum einen, so Michał Skorupa, Regionaldirektor des Personaldienstleisters Adecco Polen in Warschau, »wurde der deutsche Arbeitsmarkt für Fachkräfte aus Polen zu spät geöffnet, heute emigrieren sie nicht mehr so leicht«. Das liegt auch daran, dass viele Polen längst ihr Glück in anderen europäischen Ländern gemacht haben. Außerdem sinkt die Lust aufs Auswandern, weil die polnische Wirtschaft läuft und die Löhne steigen. Studien gehen davon aus, dass die Verdienste allein in diesem Jahr um rund 3,5 Prozent zulegen werden. Im Großraum Warschau wird mittlerweile fast so viel bezahlt wie im Schnitt Westeuropas.

Welche Folgen das hat, zeigt das Beispiel von Mateusz Lipczyński. Der 34-jährige Softwareingenieur aus Sopot bei Danzig begann seine berufliche Karriere 2002 in Deutschland, dann arbeitete er in der Schweiz. Anfang 2006 kam er nach Polen zurück, weil seine Freundin ihm nicht in die Schweiz folgen konnte. »Heute verdiene ich in Polen so viel wie in Deutschland, und wenn ich die Lebenshaltungskosten und die Steuern berücksichtige, dann ist mein Einkommen hier ungefähr 20 Prozent höher als in Deutschland«, sagt Lipczyński, der für den polnischen Softwareproduzenten TouK in Warschau arbeitet.

Dabei geht es mittlerweile längst nicht mehr nur ums Geld. Die Ansprüche potenzieller Emigranten haben sich verändert. Viele Polen wollen im Ausland mehr als nur irgendeinen Job finden, sie wollen internationale Erfahrung sammeln und ihre Qualifikationen verbessern. Verzicht ist nicht mehr angesagt, schon gar nicht auf die Nähe der eigenen Familie: Als der Softwareingenieur Mateusz Lipczyński in Deutschland und der Schweiz arbeitete, war er Single. Mittlerweile ist er verheiratet und hat eine Tochter. Er habe sich gefragt, ob es sich da wirklich lohne, fern von der Familie zu leben. Er sagt ganz offen: »Die Antwort war ein klares Nein.«

Es gibt also viele Gründe, warum die Polen nicht in Massen nach Deutschland auswandern werden.