DDR-Geschichte Wir, die stumme Generation
Was haben unsere Eltern in der DDR gemacht? Es wird Zeit, dass wir sie danach fragen.
An Bau und Fall der Mauer wird routiniert erinnert. Es ist ein Diskurs entstanden, der vom Unrechtsstaat der DDR über die unglaubliche, friedliche Revolution bis zur Einheit reicht. Diese kollektive Erzählung schließt aber etwas Entscheidendes aus: die letzte, dritte Generation Ostdeutschlands, die dazu einen eigenen Beitrag leisten kann. Die DDR ist nicht nur eine Erinnerung unserer Eltern, sie wirkt bis heute auch auf uns ein.
Das kurze Dasein der Mauer in der Weltgeschichte ist beendet, und für junge Menschen scheint es keine Rolle mehr zu spielen. Wir, die jungen Ostdeutschen, waren vielleicht acht, zehn Jahre alt, als die Mauer fiel. Den größten Teil unseres Lebens haben wir im wiedervereinigten Deutschland mit all seinen Freiheiten gelebt. Wir sind angekommen, wir haben die alten Ost-West-Gräben hinter uns gelassen, glaubten wir beinahe selbst.
Die Elterngeneration verkriecht sich in schablonenhaften Erinnerungen
Die Mauer ist aber doch ein Teil von uns. Da gibt es ein paar verblasste Erinnerungen an die ersten Pioniernachmittage. Einige von uns haben, blind vertrauend auf die Eltern und Lehrer, an Jahrestagen Nelken getragen. Andere fühlten die Lähmung, als der elterliche Ausreiseantrag abgelehnt wurde. Scham und Stolz, vorher und nachher, liegen dicht beieinander. Aber das ist es nicht allein. Die Mauer ist vor zwanzig Jahren niedergerissen worden, doch wir fühlen sie bis heute in unseren Familien. Sie trennt inzwischen Eltern von Kindern, sie bestimmt, wie wir uns erinnern und woran. Sie umschließt heute die mentalen Zufluchtsorte.
Der Autor wurde 1982 in Dresden geboren und ist Mitbegründer der Initiative "3te Generation Ostdeutschland", die 2010 entstand. Er promoviert in Berlin.
Mit der DDR brachen alle bisher gültigen Orientierungen zusammen. Auf einmal war nicht nur das Begrenzende, sondern auch das Schützende der Mauer weg. Und mit ihr ein Land, das nicht viele geliebt, aber in dem sich fast alle eingerichtet hatten. Egal, wie man zu diesem System stand, auf einmal musste jeder sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen. Von einem Tag auf den anderen mussten unsere Eltern Probleme lösen, die sie nicht kannten. Sie mussten aufholen und sich zurechtfinden in einem System, das anders war, als sie es sich erträumt hatten. So konnte ein lapidarer Brief von einem Anwalt oder einer Versicherung existenzielle Ängste verursachen, weil niemand wusste, was er eigentlich bedeutete.
Aber was hat das mit uns jungen Ostdeutschen zu tun?
Plötzlich zählten die Lebensentwürfe unserer Eltern nichts mehr. Plötzlich schien das, was sie gelebt hatten, falsch. Plötzlich waren unsere Eltern schwach. Wir haben mit ihnen erlebt, wie alle Wahrheiten abhandenkamen. Wir waren mit sieben oder zehn genauso unerfahren wie sie, die uns erziehen sollten. Unsere Eltern mussten erst selbst herausfinden, dass Dauerwellen und die CDU ihre Versprechen nicht halten. Dabei war es egal, ob man das Kind eines Arbeiters, Pfarrers oder Funktionärs war. Alle hatten keine Ahnung, alle waren überfordert.
Diese erfahrene Unsicherheit, in den Familien, aber auch im Großen, verbindet uns, die dritte Generation Ostdeutschland. Unsere Großeltern, die erste Generation, haben noch den Krieg erlebt. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, die DDR aufzubauen und neue Leben zu beginnen. Unsere Eltern wurden in den fünfziger und sechziger Jahren geboren und kannten nichts anderes als dieses Land.
- Datum 18.08.2011 - 17:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.8.2011 Nr. 34
- Kommentare 32
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als 30 jähriger der im prinzip ganz genau weiss was sie meinen bezweifle ich ihr fazit sehr. diese fragen, diese gewisse unerbittlichkeit die sie einfordern brächte ich nicht übers herz. als jemand der froh ist dass es kam wie es kam weiss ich dennoch dass die sowieso fragile identität meiner eltern sehr stark auf diesen scheinbar so selektiven und irrigen erinnerungen beruht. soll ich ihnen auch das noch nehmen? soll ich mich, als der ihnen nahestehendste, in die kohorte derjenigen einreihen die ihr gelebtes leben pemanent als irrung und totalitären wahn entwerten? obwohl ich es teilweise sogar selber so sehe werde ich einen teufel tun!
Doppelposting entfernt. Die Redaktion/ew
Jetzt bin ich, in den 60ern in der DDR geboren, doch tatsächlich in der Rolle der älteren Generation, die hier angesprochen wird.
Das Problem ist, dass es die "Wahrheit", die eine "alles erhellende Information" über diese Zeit nicht geben kann. Überall war es anders und jeder hat es verschieden erlebt. Ich war schon oft in der Situation, in Gesprächen mit gleichaltrigen Freunden und Bekannten Dinge zu hören, die meiner Ansicht nach SO absolut nicht waren. Und leider ist es auch so, dass einem das Gedächtnis allzu oft in Stich lässt: ich weiß zum Beispiel überhaupt nicht mehr, wie ich den Tag des Mauerfalls erlebt habe, was ich getan, was ich gedacht habe. Völlige Amnesie!
Wie erging es meinen Eltern und Großeltern, wenn sie Fragen nach dem Krieg beantworten sollten? Bestimmt ähnlich. Zum Glück hat meine Mutter sehr viel erzählt, aber eben ihre Version, eine Version aus Sicht eine Kindes. Jetzt ist es leider zu spät, die Großeltern zu fragen. Die Chance ist vergeben. Vielleicht habe ich gefragt, aber schon durch meine Art zu fragen, waren sie evtl. nicht willens, ausführlich zu erzählen. Wenn aber die Fragen nicht schon wie ein Vorwurf klingen und echtes Interesse an der Zeit herausklingt, dann werden die "Alten von heute" sicherlich bereit sein zu berichten. Ein Versuch ist es wert, auch wenn man dadurch nur ein klitzekleines Puzzleteil gefunden hat, weil es zunächst nur eine Antwort von EINER Person ist. Die Masse macht's und vor allem die unterschiedlichen Perspektiven.
Ich bin Jahrgang '56, unsere Kinder stammen aus '81 und '83, gehören also zu der Gruppe, die der Autor meint. Das Thema DDR war bei uns Dauerbrenner, obwohl wir, also die Eltern, eher loyal eingestellt waren und uns nicht mit Widerstandshandlungen brüsten konnten. Ich kenne auch keine Familie unseres Alters aus meiner Umgebung, in der über die Vergangenheit geschwiegen wurde. Also, das scheint mir ein Pseudoproblem zu sein. Richtig ist, dass wir als Eltern vielleicht weniger Ratschläge geben konnten, als es unsere taten. Aber letztlich haben sich bei aller Euphorie am Neuen doch gewisse grundlegende "Weisheiten" oder auch "Sekundärtugenden" gehalten, also wir denken schon, dass wir unsere Kinder auch in der "neuen Welt" erziehen konnten. So fremd war das meiste doch nicht.
...waren, und bleiben teils bis heute, die Unterschiede zwischen Rostock und Erfurt mit Sicherheit größer als zwischen Rostock und Kiel. Es wird ja immer so getan als wären DDR und BRD zwei in sich homogene "Blocks" gewesen. Die Teilung, schon aus politischer Brisanz, hat die eigentlich viel größeren innerdeutschen Unterschiede - die ich Vielfalt nenne, nicht wie die Preußen despektierlich "Kleinstaaterei" - überschattet.
Und einem Rheinländer käme beispielsweise auch nie in den Sinn sich angegriffen zu fühlen ("immer hackt 'IHR' auf 'UNS' rum") wenn ein Sachse sich über einen Bayer lustig macht. Umgekehrt ist aber sofort die größtmögliche Beleidigkeit erreicht. Das ist etwas was mir nie einleuchten wollte.
...waren, und bleiben teils bis heute, die Unterschiede zwischen Rostock und Erfurt mit Sicherheit größer als zwischen Rostock und Kiel. Es wird ja immer so getan als wären DDR und BRD zwei in sich homogene "Blocks" gewesen. Die Teilung, schon aus politischer Brisanz, hat die eigentlich viel größeren innerdeutschen Unterschiede - die ich Vielfalt nenne, nicht wie die Preußen despektierlich "Kleinstaaterei" - überschattet.
Und einem Rheinländer käme beispielsweise auch nie in den Sinn sich angegriffen zu fühlen ("immer hackt 'IHR' auf 'UNS' rum") wenn ein Sachse sich über einen Bayer lustig macht. Umgekehrt ist aber sofort die größtmögliche Beleidigkeit erreicht. Das ist etwas was mir nie einleuchten wollte.
Und die einzigen Fragen sind wie der totalitäre Staat so war und was die Stasi gemacht hat?
Eine differenzierte Meinungsbildung sieht dann doch etwas anders aus.
Glaubt ihr denn wirklich, dass wir, die Genarition der unmittelbar nach dem Mauerbau geborenen noch etwas über die Zeit in der DDR erzählen wollen? Wir haben schon alles erzählt. Ihr wollt die Wahrheit nur nicht zur Kenntnis nehmen, weil sie nicht so spektakulär ist wie man es gern hätte.
Inzwischen mussten viele von uns schon häufiger beweisen, dass wir weder IM noch Parteifunktionionär und unser Studium oder später unsere Position auf Fachkompetenz und nicht auf politische Willfährigkeit beruhten als wir in der DDR von der Stasi durchleuchtet wurden. Unsere Stasiakten sind meist kleiner als vermutet (wenn überhaupt vorhanden). Und weil dies dann keiner glaubt werden wir immer wieder aufgefordert anzugeben, wo denn eventuell noch etwas zu lesen sein könnte. Und was sollte es denn dann sein, was ihr da lesen möchtet. Das Rauchen auf dem Schulhof oder Witze über Honecker sind da sicher nicht nicht so spannend.
Wir sind es einfach leid uns erklätren zu müssen, weil wir in der DDR geboren wurden und dort gelebt haben. Wir haben es satt uns erklären zu müssen, weil es in unseren Erinnerungen auch Schönes gibt. Wir haben es satt als Sozialromantiker, Ostalgiker oder ewig gestrige abgestempelt zu werden, nur weil unsere Erinnerungen farbig sind und nicht dem s/w-Format der Fotos entsprechend.
Hört also auf uns zu fragen solange ihr nicht bereit seid uns zu glauben und zu akzeptieren.
sind hier aber an die falsche Adresse gerichtet, oder?
würde am liebsten 100000 mal meine Empfehlung abgeben,
geht leider nicht!
sind hier aber an die falsche Adresse gerichtet, oder?
würde am liebsten 100000 mal meine Empfehlung abgeben,
geht leider nicht!
sind hier aber an die falsche Adresse gerichtet, oder?
also so halb DDR.
Ich kann dem Autor sagen: Niemand will die Geschichten hören.
Für alle steht fest, die DDR war ein Unrechtsstaat und bestand nur aus Stasi.
Schauen Sie sich doch Frau Merkel an, die leugnet doch glatt, dass sie jemals in der DDR war.
Und übrigens, so blöd und hilflos wie uns der Autor hier hinstellt waren wir nicht. Sicher, vieles war neu, unsere Eltern haben dann bald unter Existenzangst gelitten, aber wir ghaben uns in kürzester zeit darauf eingestellt. das will kein Wessi wissen, weil sie zugeben müssten, dass die Ossis zu was taugen, ausser undankbar ihren Solidaritätsbeitrag zu verheizen.
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