Anti-Neonazi-Demo : Eine Gratwanderung

Die Dresdner Februarkrawalle und kein Ende: Was hatten sächsische Polizisten in den Räumen eines Jenaer Jugendpfarrers zu suchen?
Die Polizei beschlagnahmte den VW-Bus des Jenaer Jugendpfarrers Lothar König. © Anja Siegesmund/picture alliance/dpa

Der Bericht, in dem Lothar König prominent zu Wort kam, hatte es in sich: Wie kein anderes Bundesland habe Sachsen serienweise Rechtsstaats-Prinzipien verletzt, stand am 1. August im Spiegel . Als Paradebeispiel diente der Fall des Jugendpfarrers König aus Jena, der am 19. Februar in Dresden gegen Neonazi-Aufmärsche demonstriert hatte. Und gegen den nun Sachsens Justiz wegen des Verdachts ermittele, der Pfarrer gehöre einer »kriminellen Vereinigung«, einem linken Schlägertrupp an. König wies die Vorwürfe als »absurd« zurück, sprach von »SED-Methoden«: Sein Glaube an den Rechtsstaat sei erschüttert.

Neun Tage später, am Mittwoch vergangener Woche, bekam der Geistliche Besuch aus Sachsen – in Abwesenheit. Von 7.18 Uhr an durchsuchten Polizisten die Dienstwohnung Königs , der gerade in Italien zum Wanderurlaub weilt. Von der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung war im Durchsuchungsbeschluss nun keine Rede mehr; dafür vom Vorwurf des »schweren aufwieglerischen Landfriedensbruchs« an jenem Tag, als in Dresden mehr als hundert Polizisten durch Links- und Rechtsextremisten verletzt wurden. Ein Pfarrer also, der zu Gewalt gegen Polizisten aufstachelt?

Fest steht: Der 57-Jährige war am 19. Februar im Kleinbus seiner Jungen Gemeinde samt Lautsprecheranlage am Rande der Randale in Dresden unterwegs. Seit vielen Jahren begleitet er mit seinem »Lauti« linke Jugendliche auf Demos, sei es in Jena, Gorleben oder Heiligendamm. »Wir haben deeskalierend gewirkt«, beteuert König, »die Polizei ist für mich kein Feindbild.« Aus Ermittlerkreisen heißt es indes, die Sichtung von Polizeivideos habe den gegenteiligen Eindruck ergeben: An mindestens zehn Stellen sei Königs Kleinbus im Zusammenhang mit möglichen Straftaten aufgefallen. So sei etwa über den »Lauti« der Ruf ertönt: »Deckt die Bullen mit Steinen ein!« – Dies sei nicht sein Sprachgebrauch, entgegnet König. Auch der Vorwurf, er habe mit Absicht Gewalttäter vor dem Zugriff der Polizei versteckt, sei falsch. Vielmehr hätten sich Demonstranten im Durcheinander an die offene Tür seines Busses gehängt. Und anders als von den Ermittlern angenommen, habe er auch nicht versucht, ein Polizeifahrzeug abzudrängen.

Jedoch ist König eine umstrittene Erscheinung in Jena. Denn er polarisiert mit seiner Idee von Jugendhilfe: Er leiste wahre Randgruppenarbeit, sagen Wegbegleiter – dazu gehört, dass er sich selbst mit radikalen Jugendlichen einlässt, ihr Vertrauen zu gewinnen versucht und dann mancher Beobachter nicht mehr unterscheiden kann: Gehört König jetzt dazu? Oder verhindert seine Anwesenheit gerade Schlimmeres?

Selbst die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann, die den Jugendpfarrer sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe entschlossen in Schutz nahm, sagt: »Seine Arbeit ist eine Gratwanderung. Und das ist von uns als Kirche auch so gewollt.« Sie verurteilt die Hausdurchsuchung, denn ohne viel Feingefühl sei die Verletzung des Seelsorgegeheimnisses in Kauf genommen worden. Sachsens Linke sprach vom »Amoklauf der Dresdner Polizei«, Anti-Nazi-Aktivisten würden eingeschüchtert.

So wird die Aufarbeitung der Februarkrawalle immer mehr zum Politikum, bei dem der Verfolgungseifer der Dresdner Staatsanwaltschaft drängende Fragen aufwirft: Was soll die Durchsuchung bei König, der bereits von Ermittlungen gegen sich wusste, fast ein halbes Jahr nach den Ereignissen noch bringen? Die Linksfraktion im Landtag forderte schon, dem dortigen Rechtsausschuss die einschlägigen Polizeivideos vorzuführen. Aber haben denn neuerdings Parlamentsausschüsse über die Rechtmäßigkeit von laufenden Verfahren der Staatsanwaltschaft zu entscheiden? Wohl kaum.

Ob er Beschwerde gegen die Durchsuchung einlegen wird, will Lothar König erst nach dem Urlaub klären. Höhepunkt für ihn ist zuvor in Verona die Oper Nabucco, mit Gefangenenchor.

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

zu DDR-Zeiten

Zu DDR-Zeiten hat man sich vor den Linken in Kirchen heimlich getroffen. Nun ist die evangelische Kirche unterwandert von den Linken und Dresden ist das beste Beispiel. Das die Roten und Grünen die Durchsuchung nicht gut finden ist doch klar. Würde es der Rechten Szene betreffen sähe das ganz anders aus.

Unvereinbar? Man staunt.....

Soweit mir bekannt, befindet sich die Linkspartei, oder zumindets Teile von ihr, im Visier der Verfassungsschutzbehörden.

Tschuldigung, mit Stasi-Begegnungen als damals junger Mensch im "Junge Gemeinde"-Millieu bin ich da durchaus nachtragend.

Wenn dann die Tochter des Pfarrers sich zu der Causa äußert - und sich dabei als Abgeordnete der Linkspartei zu erkennen gibt,
dann sag ich schon: alle Achtung.
Peinlich, empörend.

Oder bin ich da der einzige der hier eine Scham-Grenze fordert?

Ich find das schon bemerkenswert, was hier "so gewollt" ist.

Sie haben recht, aber.......

"Zweitens sehe ich nicht, warum der Vater Repressalien unterworfen werden sollte, weil seine Tochter (ganz eventuell) politisch extrem eingestellt ist.
Sippenhaft ist ja eigenlich abgeschafft."

Völlig korrekt, so meinte ich das auch nicht.

Es mag ja normal sein, daß die Polizeiaktion das Auftauchen von Journalisten nach sich zieht, und die sich dann das greifbare Umfeld zum Interview nehmen.
Da war eben die Tochter da.
Das wurde quasi "nebenbei" erwähnt, daß sie eben dies und jenes sei.
Auch wenn Sie jusistisch recht haben - darf man das nicht als anstößig empfinden - "das" im evangelischen Millieu in der Ex-DDR?

Ihre Paragraphentreue in Ehren - aber mal im Ernst - was wäre wohl, wenn die Tochter ein NPD-Mandat oder sowas hätte durchblicken lassen?
Keinerlei Fragen, was "bei denen" so am Küchentisch beschwatzt wird?
Aber mit der PDS geht das durch......

Aufgaben?

"..eine Aufgabe der Kirche - neben anderen."

Auch wenn es hier nur am Rande drum geht:

Das Ausmaß der Präsenz der gelben Antiatomsticker (auch in größerem Format) auf dem letzten Kirchentag empfand ich schon als peinlich.

Frau Käßmann hat also festgestellt, (ihren Segen dazu erteilt?), daß der Atomausstieg der "Bewahrung der Schöpfung" diene. Die (verstärkte!) Stromerzeugung aus Erdgas und Kohle wird konsequenterweise in den Segen mit einbezogen?

Aber das soll hier wohl nicht diskutiert werden.
Ich find es nur riskant, wenn der "Verein Kirche" solchen Themen hinterherläuft.
Was heute richtig und mehrheitsfähig ist, kann morgen schon ein verlorener Posten sein. Dann den Segen umkehren?

Und was die politischen Akteure hinter der Sonnenblumensymbolik anbelangt: ich glaub nicht, daß die Grünen auf die Kirche angewiesen sind. "Christliche Tradition" gehört ja nicht unbedingt zum grünen Markenkern.

Ich bitte um eine kleine Erklärung

was die (Jugend)arbeit und dessen Ruf damit zu tun hat, dass die Polizei ihn mit fadenscheinigen Argumenten und Methoden untersucht?
Was hat das überhaupt für einen Sinn? Jemanden zu beeindrucken, der bereits in der Öffentlichkeit steht? Nee...so doof können die nicht sein. Was ist es also dann? Beamtenpflicht weil er tatsächlich ein böser Mensch ist?
hrm...

Wer ohne Schuld ist, lasse den ersten Stein werfen (oder so)

"... So sei etwa über den »Lauti« der Ruf ertönt: »Deckt die Bullen mit Steinen ein!« ..."
--->
Auch Pfarrer unterliegen wie jeder andere Bürger dem geltenden Recht. Und der oben zitierte Ruf ist kein Kavaliersdelikt, sondern stellt die Aufforderung zu einer Straftat dar.
Aus dem restlichen Bericht geht hervor, dass Pfarrer König offenbar ein ziemlich uneinsichtiger Wiederholungstäter ist.
Kurzum: Es scheint "Gefahr im Verzuge" gewesen zu sein, so dass der Durchsuchungsbeschluss auch in Abwesenheit seine Berechtigung gehabt haben dürfte. Schliesslich kann man z. B. belastendes Beweismaterial auch durch Dritte beiseite schaffen lassen, während man selbst im Urlaub ist (und damit ein scheinbar unangreifbares Alibi hat).