Der Bericht, in dem Lothar König prominent zu Wort kam, hatte es in sich: Wie kein anderes Bundesland habe Sachsen serienweise Rechtsstaats-Prinzipien verletzt, stand am 1. August im Spiegel . Als Paradebeispiel diente der Fall des Jugendpfarrers König aus Jena, der am 19. Februar in Dresden gegen Neonazi-Aufmärsche demonstriert hatte. Und gegen den nun Sachsens Justiz wegen des Verdachts ermittele, der Pfarrer gehöre einer »kriminellen Vereinigung«, einem linken Schlägertrupp an. König wies die Vorwürfe als »absurd« zurück, sprach von »SED-Methoden«: Sein Glaube an den Rechtsstaat sei erschüttert.

Neun Tage später, am Mittwoch vergangener Woche, bekam der Geistliche Besuch aus Sachsen – in Abwesenheit. Von 7.18 Uhr an durchsuchten Polizisten die Dienstwohnung Königs , der gerade in Italien zum Wanderurlaub weilt. Von der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung war im Durchsuchungsbeschluss nun keine Rede mehr; dafür vom Vorwurf des »schweren aufwieglerischen Landfriedensbruchs« an jenem Tag, als in Dresden mehr als hundert Polizisten durch Links- und Rechtsextremisten verletzt wurden. Ein Pfarrer also, der zu Gewalt gegen Polizisten aufstachelt?

Fest steht: Der 57-Jährige war am 19. Februar im Kleinbus seiner Jungen Gemeinde samt Lautsprecheranlage am Rande der Randale in Dresden unterwegs. Seit vielen Jahren begleitet er mit seinem »Lauti« linke Jugendliche auf Demos, sei es in Jena, Gorleben oder Heiligendamm. »Wir haben deeskalierend gewirkt«, beteuert König, »die Polizei ist für mich kein Feindbild.« Aus Ermittlerkreisen heißt es indes, die Sichtung von Polizeivideos habe den gegenteiligen Eindruck ergeben: An mindestens zehn Stellen sei Königs Kleinbus im Zusammenhang mit möglichen Straftaten aufgefallen. So sei etwa über den »Lauti« der Ruf ertönt: »Deckt die Bullen mit Steinen ein!« – Dies sei nicht sein Sprachgebrauch, entgegnet König. Auch der Vorwurf, er habe mit Absicht Gewalttäter vor dem Zugriff der Polizei versteckt, sei falsch. Vielmehr hätten sich Demonstranten im Durcheinander an die offene Tür seines Busses gehängt. Und anders als von den Ermittlern angenommen, habe er auch nicht versucht, ein Polizeifahrzeug abzudrängen.

Jedoch ist König eine umstrittene Erscheinung in Jena. Denn er polarisiert mit seiner Idee von Jugendhilfe: Er leiste wahre Randgruppenarbeit, sagen Wegbegleiter – dazu gehört, dass er sich selbst mit radikalen Jugendlichen einlässt, ihr Vertrauen zu gewinnen versucht und dann mancher Beobachter nicht mehr unterscheiden kann: Gehört König jetzt dazu? Oder verhindert seine Anwesenheit gerade Schlimmeres?

Selbst die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann, die den Jugendpfarrer sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe entschlossen in Schutz nahm, sagt: »Seine Arbeit ist eine Gratwanderung. Und das ist von uns als Kirche auch so gewollt.« Sie verurteilt die Hausdurchsuchung, denn ohne viel Feingefühl sei die Verletzung des Seelsorgegeheimnisses in Kauf genommen worden. Sachsens Linke sprach vom »Amoklauf der Dresdner Polizei«, Anti-Nazi-Aktivisten würden eingeschüchtert.

So wird die Aufarbeitung der Februarkrawalle immer mehr zum Politikum, bei dem der Verfolgungseifer der Dresdner Staatsanwaltschaft drängende Fragen aufwirft: Was soll die Durchsuchung bei König, der bereits von Ermittlungen gegen sich wusste, fast ein halbes Jahr nach den Ereignissen noch bringen? Die Linksfraktion im Landtag forderte schon, dem dortigen Rechtsausschuss die einschlägigen Polizeivideos vorzuführen. Aber haben denn neuerdings Parlamentsausschüsse über die Rechtmäßigkeit von laufenden Verfahren der Staatsanwaltschaft zu entscheiden? Wohl kaum.

Ob er Beschwerde gegen die Durchsuchung einlegen wird, will Lothar König erst nach dem Urlaub klären. Höhepunkt für ihn ist zuvor in Verona die Oper Nabucco, mit Gefangenenchor.