Joachimsthal ist berühmt für seinen Silberschatz, aber davon können sich die Menschen hier auch nichts mehr kaufen. Das Bergarbeiterhaus, einst ein Kulturzentrum, ist nur noch ein Skelett; im unteren Stockwerk fehlen die Außenwände. Bäume wuchern aus Löchern, die einmal Fenster waren. Joachimsthal war reich, klassizistische Säulen schmücken selbst die Apotheke. Doch die Türen dort sind verrammelt. Und überall fällt der Putz ab.

Sankt Joachimsthal, 35 Kilometer von Annaberg-Buchholz entfernt, war einst die wichtigste Metropole des Erzgebirges – und eine der größten Städte Europas. Im 16. Jahrhundert lebten hier fast 20.000 Menschen. Die Bergstadt gab sogar dem Dollar seinen Namen: Hier erfand man ein Münzgeld aus Silber, das bald Europas Leitwährung wurde, den Joachimsthaler. Wer die Menschen im Erzgebirge hört, wenn sie »Taler« sagen, der ahnt, wie daraus der Dollar werden konnte.

Die Joachimsthaler haben Hoffnung, sie hoffen auf Touristen. Ihr Ort, sagen sie, soll Weltkulturerbe werden. Gemeinsam mit dem Rest des Erzgebirges, seiner historischen Bergbaulandschaft und den stolzen Städten, die noch vom alten Reichtum künden. Seit Jahren bemühen sich Bürgermeister, Bündnisse, Einwohner um eine Bewerbung bei der Unesco . Der Förderverein Montanregion Erzgebirge , der in Freiberg seinen Sitz hat, arbeitet akribisch an den Vorbereitungen. Bald sollen die Unterlagen eingereicht werden. Experten sagen gute Chancen voraus.

Aber die einstige Hauptstadt Joachimsthal wird wohl nicht dabei sein dürfen. Denn diese heißt heute Jáchymov. Sie liegt in Tschechien. Und obwohl schon immer angedacht war, das Erzgebirge als Ganzes auf die Liste der Unesco setzen zu lassen, sieht jetzt vieles danach aus, als werde der böhmische Nachbar ausgeschlossen von dem Projekt.

Erst in der vergangenen Woche erklärte das sächsische Innenministerium, Tschechien vorerst nicht zum Welterbeprojekt einladen zu wollen. Genau diese Einladung wäre aber notwendig, damit das Nachbarland offiziell mit seinen Planungen beginnen könnte – als Co-Bewerber. Beim Internationalen Rat für Denkmalpflege Icomos , einer Partnerorganisation der Unesco, die das Welterbe-Komitee berät, löst die Haltung der Sachsen Verwunderung aus: »Es ist ungewöhnlich«, sagt Präsident Michael Petzet, »dass man sich nicht einmal innerhalb des Bundeslandes und unter Partnern über die Kandidatur einigen kann.« 

Die Grenze nach Osten ist durchlässig geworden in den vergangenen beiden Jahrzehnten, Sachsens Ministerpräsident beschwört gern die guten Beziehungen nach Prag und spricht fließend Tschechisch. Nun jedoch droht die Unesco-Kandidatur, die dem Erzgebirge Weltruhm verschaffen soll, schon an der Grenze zum Nachbarland jäh zu scheitern.

Jahrhundertelang interessierte die Grenze hier niemanden

Dabei wird die Bewerbung seit 1998 gemeinsam mit Tschechien geplant. »Wir sind mitten in den Vorbereitungen«, sagt Ingeborg Štiková, die stellvertretende Bürgermeisterin von Joachimsthal. Die Broschüren sind gedruckt, im Museum läuft schon eine Sonderausstellung. Štiková will ihre Stadt wieder glänzen sehen: »Wir wünschen uns den Titel«, sagt sie, »damit Touristen kommen.« Es gebe doch keine Industrie mehr.