Burkina Faso : Der weiße Mann schluchzt

Christoph Schlingensief träumte von einem Operndorf in Burkina Faso. Die Umsetzung nach seinem Tod ist schwieriger als ursprünglich gedacht.

Irgendwann standen sie alle einmal in gleißender Hitze auf dem rund 30 Kilometer östlich von Ouagadougou gelegenen Plateau, wo Schlingensiefs Traum von einem organisch wachsenden Operndorf Wirklichkeit werden soll. Ausländische Journalisten, geladene Gäste oder Individualreisende liefen zwischen Baugrube und dem wenigen Fertigen hin und her und erlagen früher oder später dem Zauber des Ortes, der zweifelsohne ein schöner Platz und kein schlechter Opernhügel ist. Weit geht der Blick von hier aus zwischen Granitfelsen und Karité-Bäumen in die Ebene, wo Rinderherden in Richtung einer Hirtensiedlung vorbeitrotten. Es ist ein Ort, der eine diffuse Afrikasehnsucht auf den Plan ruft. Die Einträge ins Gästebuch des Operndorfes (»alles ist grün, die Luft ist gut, die Kühe sind fett«), aber auch in den Feuilletons ähneln sich.

Christoph Schlingensief hinterlässt ein Projekt, für das er keinen Generalplan hatte, sondern eine Vision, die sich als Suche und kreativer Prozess darstellte. Kein Bayreuth sollte es sein, sondern »ein Gesamtkunstwerk, das afrikanische und europäische Kulturen verbindet und so zu einer Erneuerung der totgespielten Oper führt, ein Ort der Transzendenz im Alltag, mit Bühne, Probebühnen und einer Schule, die neben dem normalen Unterricht zwanglos und spielerisch Musik und Videofilme anbietet, Krankenstation, Hotel, Kirche und Großküche sollen folgen. Grundsteinlegung war im Februar 2010. Sieben Monate danach ist der Spiritus Rector des Operndorfs verstorben, und seine Erben müssen nicht nur das beträchtlich angewachsene Stiftungskapital satzungsgemäß verausgaben, sondern auch seine Vision umsetzen.

Fürs Geldverwalten hatte Schlingensief selbst schon einen Plan: »Ich will mal endlich Geld geben, ohne dass ich was dafür bekomme... Hören wir mal auf mit der Förderung, von der wir uns was versprechen. Wir schicken das Geld da runter, und zwar in dem Sinne, dass wir sagen: Macht damit, was ihr wollt.« Mit der Frage, wer »die da unten« sind, die hier mit »unserem« Geld ungebunden kreativ werden sollen, muss sich Schlingensief nicht mehr beschäftigen. Seine Witwe Aino Laberenz hat nach der Übernahme der Geschäftsführung das einzig Richtige getan und das Projekt zu ihrem eigenen gemacht. »Soziale Skulptur« nennt sie es in Anlehnung an Joseph Beuys und stellt prononcierter noch als Schlingensief selbst die Teilhabe aller am kreativ-gestalterischen Prozess zum Wohl der Gemeinschaft in Aussicht. Wer aber sind »alle«?

Der im März 2011 im Anschluss an die FESPACO, Afrikas wohl bekanntestem Filmfestival, in Ouagadougou vom Goethe-Institut initiierte Auftakt der Reihe Dorfgespräche hätte darauf erste Antworten geben können. Hinter den Kulissen wurde dem Vernehmen nach kontrovers und offen diskutiert. Auf dem öffentlichen Podium hätte man sich neben Aino Laberenz auch direkte Anrainer des Operndorfes, Vertreter der lokalen Kulturszene oder der Schulpolitik gewünscht. Es saßen dort vor allem international renommierte Kuratoren und Kunstverständige, die zu Schlingensief wohl, zum Operndorf oder der Region selbst jedoch eher wenige Berührungspunkte hatten. Auch beim zweiten öffentlichen Dorfgespräch anlässlich der Eröffnung des deutschen Pavillons bei der Kunstbiennale in Venedig blieb man unter sich. Zu wenig beteiligt waren bisher die lokalen Akteure. Es fehlen ausgerechnet diejenigen, die das Projekt Operndorf mit Leben erfüllen sollen. Zumal das Goethe-Institut in seiner Afrikapolitik längst eine Süd-Süd-Strategie verfolgt, in der der Norden im Wesentlichen als Moderator und Ressourcengeber agiert.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ab in den Postkolonialismus

Egal wie man es dreht, die Oper ist und bleibt ein Kind der kolonialen Epoche. Daher ist es eigentlich ein No-Go, wenn ein Künstler, der sich beeindruckt zeigt von Wagner und Bayreuth nach Afrika geht und den Kolonialismus auf jeden Fall begrifflich dorthin zurück bringt. Wobei auch nicht zuvergessen ist, dass Wagner bekennender Antisemit war. Also als Deutscher die Oper und Wagner nach Afrika zubringen und als Staat dies auch noch auf die kulturpolitische Agenda zusetzen, da kann man nur noch mit dem Kopf schütteln. Wäre das Projekt nicht von Schlingensief sondern ein offizielles deutsches Kulturprojekt und Schlingensief müsste das bewerten, dann würde er sicher drastische Worte finden, wie: Was für ein postkolonialer Scheiß.

Distinktionsmittel für Bildungsbürger

„Wäre das Projekt nicht von Schlingensief sondern ein offizielles deutsches Kulturprojekt und Schlingensief müsste das bewerten, dann würde er sicher drastische Worte finden, wie: Was für ein postkolonialer Scheiß."

Dem ist nichts hinzuzufügen!

„Burkinische Sozialwissenschaftler und Kulturschaffende hinterfragen vor allem den Begriff der Oper, der in Burkina keine Tradition hat und, wenn überhaupt, als eine Kunstform für das europäische Bildungsbürgertum wahrgenommen wird."

Wird die Oper denn in Europa anders wahrgenommen, wenn man mal ehrlich ist? Echte Opernfreunde mag es hier und da geben, aber für die meisten, die sich als solche verstehen, ist Oper bestenfalls ein Distinktionsmerkmal, ein „acquired taste“, den sie sich mühsam antrainiert haben: Insgeheim finden es alle grausam, aber keiner wagt sich, das auszusprechen.
Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder überhaupt. Und bei aller Sympathie für Schlingensiefs krawallige Aktionen — dieses Projekt ist so ziemlich das letzte, was dort gebraucht wird.

Nichts geht über Oper

Man kann sich streiten, ob es in Burkina Faso eine Oper geben muß. Aber in Europa gibt es viel mehr Opernfreunde als Sie glauben. Kommt vielleicht auch darauf an, in welchen Kreisen man sich bewegt. Da wo man Frau Roche für eine echte Schriftstellerin hält und die Scorpions für echte Musiker kann man mit Opern nichts anfangen. Aber warum sollen nicht auch Afrikaner westliche Musik hören? Wir in Europa müssen doch auch die afrikanischstämmige Musik (Rock, Pop, Jazz und die sogenannte Weltmusik) ertragen. Das finde ich nun widerrum grausam. Für mich persönlich war das unsäglicher Krach den ich meiner Mutter (einstmals Rockfan) glücklicherweise abgewöhnt habe.