DIE ZEIT: Mustafa, Sie sind Ägypter, Olga ist Spanierin, Stav Israelin – sprechen Sie das erste Mal mit einer Israelin?

Mustafa Sheshtawy: Das ist jetzt aber eine stereotype Frage. Nein, es ist nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal sein.

DIE ZEIT: Sie drei leben in Ländern mit sehr unterschiedlichen politischen Systemen, und Sie sind alle politisch aktiv. Kämpfen Sie auch für dasselbe?

Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern.© ZEIT-GrafikSheshtawy: In Kairo begann unsere Bewegung im Februar auch politisch. Aber was die Menschen jetzt wirklich fertigmacht, ist die wirtschaftliche Situation. Deshalb ist eine unserer Hauptforderungen der Mindest- und der Maximallohn. Das bedeutet: Kleine Gehälter müssen zum Leben reichen, hohe Einkommen nach oben begrenzt werden, um die Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht zu groß werden zu lassen.

Olga Mikhaylova: In Spanien haben wir am 15. Mai eine Demonstration für »echte Demokratie« organisiert.

Stav Shaffir: Das haben wir hier mitbekommen.

Mikhaylova: Wir wollen eine echte Demokratie, in der die Menschen, nicht die Märkte das Sagen haben. Wir sind empört, weil wir nicht schuld sind an der Krise, aber für sie bezahlen müssen.

Shaffir: Bei uns in Israel war es ähnlich. Wir haben mit Demonstrationen gegen die Mietpreise angefangen und schnell festgestellt, dass es um etwas Größeres ging – um unser Wirtschaftssystem und darum, wie es funktioniert. In Israel gibt es große Unterschiede zwischen Arm und Reich, und wir glauben, dass wir dieses Problem nur lösen können, wenn wir das ökonomische Spiel ändern, das alle spielen. Uns geht es um das System als Ganzes: Wohnungen, Bildung, Wohlfahrt, Gesundheit. Diesen Forderungen schließen sich viele in Israel an.

Mikhaylova: Ja, die Krise dient dazu, die Rechte von Arbeitern zu beschneiden. Es heißt, dadurch sollen neue Jobs entstehen, aber das ist nicht wahr. In Spanien haben etwa 50 Prozent der Jugendlichen keinen Job. Auch die letzte Arbeitsmarktreform hat nichts gebracht.

Sheshtawy: In Ägypten ist es ähnlich.

DIE ZEIT: Die wirtschaftliche Situation der Jungen in Ihren Ländern ähnelt sich – ähneln sich auch die Bewegungen?

Shaffir: Unser Protest in Israel ist nicht nur einer der Jugend. Alle nehmen daran teil, alle Altersklassen, Berufssparten oder Religionen, Mittelschicht und Unterschicht. Alle empfinden dasselbe: dass man unsere Zukunft riskiert.

Mikhaylova: In Spanien sind auch nicht nur die Jungen aktiv.

DIE ZEIT: Geht es bei den Bewegungen also darum, die gesamte Gesellschaft zusammenzuführen.

Sheshtawy: In Kairo ist der Protest momentan nicht mehr so aktiv wie noch vor einigen Monaten in der Revolution. Manche Menschen sind einfach müde. Sie finden Sit-ins auf dem Tahrir-Platz eher schlecht als weiterführend. Das heißt nicht, dass es die Bewegung nicht mehr gibt, Bewusstsein können wir auch auf anderen Wegen schaffen.