Schön ist es hier oben im Turm. Der Balkon im zwölften Stock liegt auf der Südseite und ragt ins Grüne, in Richtung Düsseldorf kommt hier am Rand von Duisburg erst mal Wald. Nico Frommer lehnt im Türrahmen und verschränkt die Arme vor dem Oberkörper. »Ganz schön hoch, oder?«, fragt er. »Aber keine Angst, bisher wollte ich mich noch nicht runterstürzen.«

Das ist wohl Galgenhumor. Keine ganz unübliche Erscheinung bei Menschen in seiner Situation. Denn Nico Frommer ist arbeitslos. Und das in einer Branche, in der dieser Zustand immer noch kein wirkliches Gesprächsthema ist: Der 33-Jährige ist Fußballspieler. Ein Profi. Seit 14 Jahren lebt er von und für seinen Sport. Er wurde in Reutlingen als Held gefeiert, in Frankfurt als Hoffnungsträger verpflichtet, galt landesweit als kommender Nationalspieler, als ein Versprechen für die Zukunft. Diese Zukunft ist längst vorbei, das Versprechen wurde nie wirklich eingelöst. Neulich lief sein Vertrag beim Regionalligaverein RB Leipzig aus. Einen neuen Club hat er noch nicht gefunden. Deshalb ist er jetzt hier, im Wohnturm der Sportschule Wedau. Hier in Duisburg veranstaltet die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) wie jedes Jahr ein Camp für Kicker in Frommers Situation – ein Trainingslager für vertragslose Vertragsfußballer.

26 Fußballspieler sind hier, darunter vier Torhüter. 26 Männer, die sich in Duisburg unter professionellen Bedingungen fit halten können. »Die Nachfrage ist deutlich größer«, sagt Ulf Baranowsky, der Geschäftsführer der Spielergewerkschaft, »wir könnten auch zwei Camps bestücken.« Etwa 100 arbeitslose Fußballprofis gibt es zurzeit in Deutschland, sagt er. Aber nicht alle sind Mitglied bei der VDV, das ist die Grundvoraussetzung, um hier mitmachen zu können. Und nicht alle arbeitslosen Mitglieder melden sich an – wer hier seine Treter schnürt, bekennt sich nun mal ganz offen und öffentlich dazu, dass er keinen Job hat, das ist für einige ein zu mächtiger Schritt, zu groß die Angst vor einem Versager-Stigma. Gerald Asamoah etwa, aktives VDV-Mitglied und zuletzt in der Bundesliga für den FC St. Pauli aktiv, hält sich lieber unter viel schlechteren Bedingungen bei einem Verbandsligisten im Ruhrgebiet fit, als hier aufzuschlagen. »Na ja, der kommt schon klar, der findet auch ohne uns was«, sagt Baranowsky, »aber jetzt mal ehrlich: Temporäre Arbeitslosigkeit ist doch keine Schande. Eine Schande ist es, nicht wieder aufzustehen und Hilfsangebote zu nutzen.«

Der Platz ist eine Bühne, regelmäßig kommen Manager und Scouts vorbei

Der 37-Jährige schlendert am Rand des Trainingsplatzes entlang, sechs wunderbare Rasenplätze gibt es in der Sportschule, dazu einen Kunstrasenplatz und mehrere Kleinfelder. Die Spieler stecken in einheitlichen Klamotten, mit den teuren Trainingsbällen wird auch in der Bundesliga gespielt – die Ausstattung des Camps würde so manchem Erstligisten gut zu Gesicht stehen. Auf dem Platz wird elf gegen elf gespielt, ohne Tore. Der Ball läuft mit nur einer Berührung von Mann zu Mann, das Tempo ist atemberaubend hoch, der Einsatz enorm, und selbst Laien sehen auf den ersten Blick: Die hier können alle etwas. Gestandene Erstligaspieler laufen da auf dem Platz, Nico Frommer etwa hat 31 Spiele für Eintracht Frankfurt auf dem Buckel. Oder Moses Sichone, der für Köln und Aachen ganz oben gespielt hat. Roland Benschneider, auch mal in Köln aktiv. Dazu haufenweise Kicker, die lange eine Klasse darunter gekickt haben – auf diesem Rasen in Duisburg spielt ein Team, das sich in der zweiten Liga durchaus behaupten könnte.

Christian Wück ist der Trainer dieses »FC Arbeitslos«, er selbst war vor ein paar Jahren als Übungsleiter mit Ahlen in der zweiten Liga. Und hat gerade auch keinen Job. »Er kann gar nichts dafür, genauso wie viele der Spieler«, sagt Baranowsky, »da muss nur ein neuer Manager oder Präsident kommen, dem deine Nase nicht passt – und schon bist du draußen.«

Die Spieler hier wollen bald wieder drin sein. Es geht ihnen nicht nur darum, sich fit zu halten. Dieses Camp ist auch eine Bühne. Am Rand steht der Manager des Wuppertaler SV, vierte Liga. Und am Abend spielt das Team gegen einen Verbandsligisten aus der Nachbarschaft, dann werden noch mehr Späher und Scouts da sein. Die Saison läuft schon, die Planungen der Vereine sind eigentlich abgeschlossen. Aber was ist, wenn die ersten drei, vier Spiele verloren gehen? Was, wenn sich der Mittelstürmer das Kreuzband reißt? Dann werden die Arbeitslosen aus dem Camp auf einmal sehr interessant für Vereine der Ligen zwei bis vier. Besonders nach dem 31. August, wenn die Wechselfrist für vertraglich gebundene Spieler endet – arbeitslose Kicker dürfen auch danach noch verpflichtet werden. Deshalb geht das Camp auch zweieinhalb Monate lang, bis Ende September. »Im letzten Jahr hatten 85 Prozent aller Teilnehmer am Ende einen neuen Job«, sagt Baranowsky, »das ist enorm.« 100.000 Euro im Jahr lässt sich das der VDV kosten, das Training, die Unterkunft, das Essen in der Sportschule. Das Geld stammt aus Mitgliedsbeiträgen und von Sponsoren.