CN Tower TorontoMit dem Zeh am Abgrund

Nervenkitzel und fantastische Aussicht – auf einer neuen Plattform kann man Torontos CN Tower umrunden von Ole Helmhausen

Hinter dem Rogers Center (links) erhebt sich der CN Tower.

Hinter dem Rogers Center (links) erhebt sich der CN Tower.   |  © Dave Sandford/Getty Images

Als ich in den roten Overall steige und das gelbe Geschirr mit den zwei Karabinerhaken überstreife, ist die Welt noch in Ordnung. Neben mir ragt das wohl bekannteste Wahrzeichen der Stadt in die Luft: der CN Tower, 553,33 Meter hoch, der die Skyline der Metropole prägt wie der Eiffelturm die von Paris.

Über zwei Millionen Besucher lassen sich jährlich in schnellen Aufzügen zu seinem Aussichtsbereich in 346 Meter Höhe schießen, und zum Drehrestaurant ein paar Meter darüber. Auch ich war schon mehrmals dort oben, um den Blick auf Toronto zu genießen. Neu ist dieses Mal, dass ich in ein Alkoholmessgerät pusten muss, bevor ich hinauf darf. Ich will heute auf dem Edgewalk wandeln, und dabei muss man nüchtern sein. Diese neueste Attraktion ist ein 150 Meter langer und eineinhalb Meter breiter Gitterrost ohne Geländer, den die Tower-Ingenieure auf das Dach des Drehrestaurants geschraubt haben. Seit 1. August kann man darauf den CN Tower im Freien umrunden, immer nur ein paar Millimeter neben dem Abgrund. Während Ron, einer der Guides, deshalb gut gelaunt kontrolliert, ob ich auch wirklich nicht betrunken bin, taucht sie plötzlich zum ersten Mal auf, die Frage: Warum machst du das?

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Auch die fünfköpfige Familie, die mit mir dieses Abenteuer bestehen will, weiß darauf keine befriedigende Antwort. »Ich gehe, weil Bob geht«, sagt Silvia. Ihre beiden Töchter kichern nervös. Bob, ein kerniger Typ mit Bürstenhaarschnitt, sucht nach Worten, schließlich ist der Spaß nicht ganz billig. Und Schwager Roberto sagt: »Weil ich so was noch nie gemacht habe!«

Zunächst ohne Antwort, dafür aber mit beeindruckendem Tempo, sausen wir im Aufzug himmelwärts. Oben treten wir in einen engen Raum mit Laufschienen unter der Decke, von denen Sicherheitsgurte und Fangleinen hängen. Wir klinken uns ein, die Guides machen einen letzten Sicherheitscheck. Dann stehen wir da, aufgereiht wie Fallschirmspringer vor dem Gruppenabsprung.

Draußen schlägt uns der feuchtwarme Wind entgegen, der vom Lake Ontario herüberweht, singt in den Laufschienen über dem Edgewalk. Nach dem Halbdunkel im Inneren des Turmes blendet das Tageslicht, verwehrt uns den Blick in die Ferne. Doch das, was in unmittelbarer Nähe zu sehen ist, reicht mir ohnehin für den Anfang: Fröhlich winkend lässt Ron sich über dem Abgrund baumeln und heißt uns an seinem Arbeitsplatz willkommen. Dann sollen wir so weit nach vorne treten, dass die Schuhspitzen über die Kante ragen. »Toes over Toronto« nennt sich diese Übung im Edgewalk-Jargon; und sie soll uns mit der Höhe vertraut machen.

Meine Füße sind auf einmal so schwer wie Betonklötze. Ich schlurfe zur Kante, blicke kurz nach unten und kehre sofort wieder um. Roberto hingegen macht zwei normale Schritte nach vorn, schaut und genießt. Und Tochter Lindsay spaziert an den Rand, als trete sie vor ein Schaufenster, dessen Inhalt sie über die Maßen interessiert.

Ein paar Meter weiter sollen wir unsere Hintern über den Abgrund hängen, die Beine gestreckt, die Füße an der Kante. »Ist schön bequem«, ruft Ron mir zu und: »Die Leinen tragen über 15000 Pfund, du bleibst uns garantiert erhalten!« Wieder der Beton in meinen Füßen; und dazu tippt Ron mich an und sagt: »Sieh einmal auf deine Hand.« Sie umklammert die Leine, als gehörte sie einem Schiffbrüchigen, der zu ertrinken droht. Und zu allem Überfluss geht Roberto neben mir in Stellung und jauchzt dabei wie ein kleines Kind.

Als wir uns wenige Minuten später auf der anderen Seite des Towers auch noch nach vorne ins Seil lehnen sollen, die Arme ausgebreitetet wie Kate Winslet am Bug der Titanic, gebe ich auf. Sollen die anderen doch ihre Outdoor-Trapeznummern alleine turnen. Mit Sicherheitsabstand zur Kante blicke ich stattdessen in die Ferne: 60-stöckige Bürotürme sind unter uns versammelt wie aufgestellte Riesendominosteine. Daneben schimmert das Wasser des Lake Ontario – eine riesige Silberfläche, auf der Sonnenstrahlen tanzen. Über alledem spannt sich der Himmel wie eine strahlende hellblaue Kuppel. Erhabenheit im besten Sinne des Wortes. Und alles ohne schmutziges Plexiglas vor Augen wie im Restaurant unter uns.

Bevor es im Aufzug nach unten geht, erklärt Ron uns noch die markantesten Gebäude der Stadt. Dann verlassen wir den Edgewalk, ich habe immer noch weiche Knie – aber eine Antwort.

Der Edgewalk dauert 90 Minuten und kostet ca. 125 Euro.

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Leserkommentare
  1. Kostspielige "Edgewalks" sind wohl die große Mode bei Turmbesitzern in der anglophonen Welt.
    Unsereiner geht einfach in die Berge, wenn er von Abgründen beeindruckt sein will. Europäische Klettersteige sind sogar kostenlos, ohne bunte Overalls und ohne Aufpasser zu benützen!

  2. die in solchen Höhen ihren Arbeitstag haben.

    Meine Hochachtung und meine Hoffnung, dass sie dafür auch ordentlich entlohnt werden.

    Denke ich an den Hochseilartisten, der vor ein paar Tagen einen neuen Weltrekord aufstellte, weil er über die Seilbahnseile lief, daran darf ich gar nicht denken, der Mann war nicht mal gesichert.
    So was nenne ich Wahnsinn.

  3. dann gewöhnt man sich an die Höhe.

    Diese Angst vor der Höhe ist ein Schutzreflex aus der Zeit, als es noch keine Sicherheitsgurte und Seile und Guides gab. Der verhindert heutzutage u.a. dass die Babies vom Wickeltisch fallen... und früher verhinderte er, dass unsere Vorfahren von der Klippe stürzten und die Kinder vom Felsblock am Höhleneingang

  4. Edgewalks sind nicht nur Sache der "briten" sondern allgemein eine Attraktion in den Städten, weil man damit Geld machen kann! Und in Kanada gibt es natürlich Berge wo man kostenlos wandern und klettern kann, aber halt nicht mitten in der Großstadt nur deshalb haben die den Edgewalk am CN tower gemacht!

    Echt komisch manche Kommentare hier!

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  • Schlagworte Kate Winslet | Paris | Toronto
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