Touristen im Dom von Sienna, Italien © Sean Gallup/Getty Images

Maria in Italien

Meine Begleitung verdreht die Augen, als ich ihr sage, dass es diesmal mit bloßen Kirchenbesichtigungen in kulturprotestantischer Tradition nicht getan sei: »Am Morgen gehen wir in den Gottesdienst, schließlich feiert der ganze Golf von Salerno Mariä Himmelfahrt. Und am Abend gibt es die große Prozession – von der Kirche oben in Maiori runter zum Meer und wieder zurück, mit Federbusch, Nonnen und Feuerwerk.« Der Blick meiner Begleitung drückt aus, dass sie ein Leben ohne Hokuspokus vorziehe. »Warte doch mal ab«, sage ich, »du wirst überrascht sein, wie gut dir das tut.«

Das war natürlich frech, zumal ich selbst nicht getauft bin. Und dann kommt das katholische Wunder. Eine gewaltige Treppe führt steil hoch zum Dom von Amalfi. Man kommt oben mit anderem Puls an, als man ihn unten noch hatte. Wir sind Langschläfer und etwas spät dran, aber das stört niemanden. Der Gottesdienst läuft schon. Es gibt eine wohltuende Verbindung zwischen strenger Form und Laisser-faire. Gerade weil die Liturgie seit Jahrhunderten steht, kann sich jeder frei fühlen, wieweit er sich beteiligt. Niemand klagt pfäffisch Andacht ein.

Die abendliche Prozession der Maria Assunta können wir kaum erwarten. Die Gassen von Maiori sind dicht gefüllt, die Glocken läuten ununterbrochen, die Blaskapelle spielt, ein Schnulzensänger knödelt eine haarsträubende Popversion des Ave Maria ins Mikrofon, die Augen der Älteren leuchten beseelt, die Kinder jauchzen, alle Honoratioren der Stadt schreiten der gewaltigen, kitschigen Marienstatue voran. Die Priester murmeln: »Heilige Maria, gnadenreich, bete für uns Sünder.« Wo immer die Prozession hinkommt, wird applaudiert. Das Heilige und das Profane sind nicht mehr zu unterscheiden.

Am Ende geht es wieder steil die Treppen hoch zur Kirche. Für die jungen Männer, die die Marienstatue in die Höhe stemmen, ist das Schwerstarbeit. Plötzlich begreift man: Der Glaube hat nicht so viel mit Überzeugungen zu tun, sondern mit Tun. Er ist eine Praxis. Jetzt ist Maria wieder in der Kirche über der Stadt angekommen, mit der Unterstützung aller tatsächlich zum Himmel gefahren. Ich muss an Carl Schmitts Satz denken: »Ich bin so katholisch, wie ein Baum grün ist.«

IJOMA MANGOLD

Liebe auf Norwegisch

Sofort schien sich Norwegen nach den Anschlägen auf ein Gegen-Wort geeinigt zu haben: Liebe, kjaerlighet, wie in Korinther 13: »...aber die Liebe ist die größte unter ihnen«, jener durch allseitige Übernutzung wohl ausgeleiertste aller Bibelverse. Kjaerlighet ist das erste norwegische Wort, das wir in den Ferien am Fjord beim Entziffern norwegischer Zeitungen verstanden: Es stand überall. Korinther 13 schien über Nacht zum Minimalkonsens dieser weltlichen Demokratie geworden zu sein. Auch in Sandefjord, dem alten Walfängerhafen südlich von Oslo, wo uns die ersten Attentats-Nachrichten erreichten. Tema: Kjaerlighetens vei, der Weg der Liebe – so kündigte alsbald im Provinzstädtchen die Sandefjord Kirke den sonntäglichen Gottesdienst an.

In jenen Tagen wollte man unter Menschen sein, wir auch. Unwillkürlich schienen sich überall Menschen in Gruppen vergewissern zu wollen, dass jene kjaerlighet dem mörderischen Kreuzritter Breivik mit seiner Fantasie vom christlich reinen Europa doch wohl überlegen sei. Auch hier, in der Sandefjord Kirke, sollte die Bedeutung des Korinther-Verses von Grund auf festgehalten werden: Gott ist Liebe. Der Regierungschef, der Kronprinz, die Bischöfin, sie alle hatten ja sofort beschworen, was gegen Breiviks Mission aufzubieten sei: kjaerlighet. Bis auf den letzten Platz war die Kirche gefüllt, Einwohner, Urlauber jeden Alters, jeder Herkunft und Hautfarbe. Und um das Abendmahl standen alle in langen Schlangen an. Merkwürdigerweise kam es uns vor, als sei die norwegische Predigt durch die warme gutturale Lautlichkeit hindurch klar zu verstehen: Gott ist Liebe, mit Jesus lässt sich Mord nicht begründen.

Über den Köpfen, an der Holzdecke der backsteinernen Kirche schwebte unterdessen ein majestätisches Wikinger-Schiff mit Drachenkopf, die rot-weißen Segel gehisst, für alle Schlachten gewappnet. Schlachten? »Es kommt ein Schiff, geladen«, weiß das alte allegorische Kirchenlied, »es trägt eine teure Last, das Segel ist die Liebe, der heilige Geist der Mast.« Von der Kanzel aus muss der Pastor bei der Predigt über den Gott, der Liebe ist, das kämpferische Wikinger-Schiff im Blick gehabt haben.

ELISABETH VON THADDEN