Vietnam Cocktails in Hanoi

Christian Schmidt-Häuer berichtet heute aus Vietnam

Eine Motorradfahrerin kauft bei einem Gemüsehändler in Hanoi ein.

Eine Motorradfahrerin kauft bei einem Gemüsehändler in Hanoi ein.

Hang Buom, die Segeltuch-Straße, führt hinunter zu Hanois Rotem Fluss. Dort gibt es einen Laden, in dem eine Vietnamesin der Kriegsgeneration alte Poster von der rosigen Zukunft unterm Kommunismus verkauft. Auf dem schönsten besprüht Ho Chi Minh, der zur Ikone entrückte Führer der Befreiungskämpfe gegen Franzosen und Amerikaner, mit einer Gießkanne die Landkarte Vietnams. Ein Bäumchen sprießt, eine Ähre wächst, und hinter Onkel Ho streben Hochspannungsmasten gen Himmel, kommt eine Fabrik ans Licht. Das Poster entstand nach der Vertreibung des US-Marionettenregimes aus Saigon 1975. Es ist damit schon um einige Jahre älter als 70 Prozent der jetzt 86 Millionen Vietnamesen.

Gleich neben dem Laden geht es in einen düsteren Gang. Hunderte geparkter Klein-Motorräder, die Vorboten des Wohlstands für alle, bilden einen langen Engpass. Zwängt man sich durch das Spalier, mischt sich am Ende säuerlicher Schweißgeruch mit dem Benzindunst. Ein trüb beleuchteter Raum tut sich auf. Männer mittleren Alters, weniger muskulös als tätowiert, schinden sich verbissen an Fitnessgeräten. Unter der Decke surren riesige Ventilatoren mit einer Passgröße fast für Hubschrauber. Der Bodenbelag ist aufgerissen und filzig. Den Raum schließt eine Fotowand mit blassen Schwarz-Weiß-Bildern ab. Sie zeigt Ho Chi Minh überlebensgroß. Mal stemmt er mit dünnem Arm eine Ein-Kilo-Hantel, mal lenkt er eine Billardkugel auf den rechten Weg.

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Schiebt man sich aus dem engen Park-Stollen zurück ans Tageslicht, lockt ein Restaurant gegenüber. Es nennt sich Ladybird. Lady Bird, Marienkäfer, war das nicht... Ja, doch! Es war der berühmte Spitzname von Claudia Johnson, der Frau des 38. US-Präsidenten Lyndon B. Johnson. Von 1963 bis 1969 war Lady Bird die First Lady der USA. Und eben in dieser Zeit ließ der Texaner Johnson mehr Bomben und Gifte auf das gepeinigte Land regnen als jeder der vier anderen US-Präsidenten, die sich nacheinander in den Vietnamkrieg verstrickten. Was bietet Ladybird heute? Das Restaurant hat seine Speisekarte auf einem Ständer vor dem Eingang ausgelegt. Seine besondere Attraktion sind die Cocktails. Sie heißen: »B-52, mit Baileys, am Tisch flambiert« oder »B-57 mit Curaçao, Cointreau, Sirup«. Waren das nicht... Ja, doch! Der vierstrahlige Langstreckenbomber B-52 mit einer Traglast von 30 Tonnen Bomben pflügte die Dörfer Vietnams in Kraterlandschaften um. Der leichte Bomber B-57 flog Bodenangriffe gegen den Ho-Chi-Minh-Pfad. In den Militärmuseen Vietnams sind ihre Fotos noch immer ausgestellt. Daneben die ihrer zerfetzten Opfer. Ist das Restaurant Ladybird also ein offener Herd der Konterrevolution? Nichts läge ferner als das.

Die neue Generation hat die jüngste Vergangenheit, die schon älter ist als sie selbst, schlicht verdrängt. Drei Millionen Kriegstote, die Strategie der verbrannten Erde sind wie mit der Löschtaste aus ihrem kollektiven Gedächtnis getilgt worden. Die Cocktails mit den barbarischen Namen gibt es auch in den USA. Von daher hat man sie als schick übernommen. Wie den ganzen Amerikanischen Traum, den die herrschenden Kommunisten nach der Devise »Bereichert euch!« fördern: Wohlstand, den man durch Fleiß erringt und ungeniert auslebt.

Sind die Vietnamesen, die den USA die erste Niederlage ihrer Geschichte zufügten, also keine Patrioten mehr? Wiederum läge nichts ferner. Doch richtet sich der Patriotismus der ganzen Nation heute gegen den seit Jahrhunderten übermächtigen Nachbarn China. Dessen globaler Aufstieg und regionales Hegemoniestreben löst so viel Furcht aus, dass die US-Kriegsschiffe wieder an den Küsten Vietnams landen. Diesmal als willkommene Verbündete. Onkel Sam stützt Onkel Ho gegen Maos Erben. Das ist der jüngste explosive Cocktail, den Südostasiens Geschichte derzeit mischt.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    wie können die Vietnamesen das Feindbild USA nur verlieren, wo doch heute noch Fehlgeburten, duch Agent Orange verursacht, an die Imperialsiten erinnern?

    Gekürzt. Bitte diskutieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

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    • xpol
    • 20.08.2011 um 19:00 Uhr

    ... soll man denn Ihrer Ansicht nach Feindbilder kultivieren?

    Die politische Konstellation gibt keinen Anlass für Animositäten mehr her und die Akteure von damals sind grösstenteils tot.

    Was also hindert an gedeihlicher Zusammenarbeit?

    [...] Vergessen sie nicht, dass sich die Amis in einen Bürgerkrieg eingemischt haben. Nur die europäische Linke ist der Meinung, dass es ein Befreiungskampf der Vietnamesen war. Für die Südvietnamesen ist es immer noch ein verlorener Krieg (ich bin selber einer). Sollten die Polen oder Franzosen immer noch die Deutschen hassen? Warum sollten dann die Vietnamesen immer noch die Amis hassen? Zudem kann man einen gewissen Vergleich mit Polen ziehen. Wen sollte man mehr fürchten? Den Feind der einmal in der Geschichte im Land schlimmes anrichtete (Deutschland bzw. USA) oder der Feind der im Laufe der Jahrhunderte immer wieder versucht hat das Land zu unterwerfen (Russland bzw. China)? Man sollte sich erstmal mit Land, Leuten und Geschichte auseinandersetzen bevor man versucht etwas ins eigene Weltbild zu rücken.

    Gekürzt. Der Inhalt, auf den Sie sich bezogen haben, wurde entfernt. Die Redaktion/er

    • joG
    • 21.08.2011 um 9:13 Uhr

    ...."Feindbilder" lediglich rationaler als man das hier oft tut. Vielleicht sind sie dem Irrtum der 68er, die USA wären das "Böse" nicht erlegen; selbst damals nicht. Sie wussten und wissen, dass die Amis ihnen nichts schlimmes wollten und lediglich gegebene Versprechen einhielten. Wie in Berlin. Es war ein Vietnam interner Streit. Vielleicht ist der Unterschied, dass die dortigen 68er für ihren Glauben einstanden und die Hiesigen nicht. Dort hat die Bevölkerung gesehen, wie irrsinnig blöd es war, kann aber darauf stolz sein, dass man es versuchte. Im Gegensatz dazu hat man hier den Realitätstest nie gewagt und schämt sich daher. Leute, die sich schämen, denken oft nicht rational, ist doch das schämen bereits irrational. Das weiß man ja. ;)

    • xpol
    • 20.08.2011 um 19:00 Uhr

    ... soll man denn Ihrer Ansicht nach Feindbilder kultivieren?

    Die politische Konstellation gibt keinen Anlass für Animositäten mehr her und die Akteure von damals sind grösstenteils tot.

    Was also hindert an gedeihlicher Zusammenarbeit?

    [...] Vergessen sie nicht, dass sich die Amis in einen Bürgerkrieg eingemischt haben. Nur die europäische Linke ist der Meinung, dass es ein Befreiungskampf der Vietnamesen war. Für die Südvietnamesen ist es immer noch ein verlorener Krieg (ich bin selber einer). Sollten die Polen oder Franzosen immer noch die Deutschen hassen? Warum sollten dann die Vietnamesen immer noch die Amis hassen? Zudem kann man einen gewissen Vergleich mit Polen ziehen. Wen sollte man mehr fürchten? Den Feind der einmal in der Geschichte im Land schlimmes anrichtete (Deutschland bzw. USA) oder der Feind der im Laufe der Jahrhunderte immer wieder versucht hat das Land zu unterwerfen (Russland bzw. China)? Man sollte sich erstmal mit Land, Leuten und Geschichte auseinandersetzen bevor man versucht etwas ins eigene Weltbild zu rücken.

    Gekürzt. Der Inhalt, auf den Sie sich bezogen haben, wurde entfernt. Die Redaktion/er

    • joG
    • 21.08.2011 um 9:13 Uhr

    ...."Feindbilder" lediglich rationaler als man das hier oft tut. Vielleicht sind sie dem Irrtum der 68er, die USA wären das "Böse" nicht erlegen; selbst damals nicht. Sie wussten und wissen, dass die Amis ihnen nichts schlimmes wollten und lediglich gegebene Versprechen einhielten. Wie in Berlin. Es war ein Vietnam interner Streit. Vielleicht ist der Unterschied, dass die dortigen 68er für ihren Glauben einstanden und die Hiesigen nicht. Dort hat die Bevölkerung gesehen, wie irrsinnig blöd es war, kann aber darauf stolz sein, dass man es versuchte. Im Gegensatz dazu hat man hier den Realitätstest nie gewagt und schämt sich daher. Leute, die sich schämen, denken oft nicht rational, ist doch das schämen bereits irrational. Das weiß man ja. ;)

    • xpol
    • 20.08.2011 um 19:00 Uhr

    ... soll man denn Ihrer Ansicht nach Feindbilder kultivieren?

    Die politische Konstellation gibt keinen Anlass für Animositäten mehr her und die Akteure von damals sind grösstenteils tot.

    Was also hindert an gedeihlicher Zusammenarbeit?

    Antwort auf "[...]"
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    • joG
    • 21.08.2011 um 9:24 Uhr

    ... soll man denn Ihrer Ansicht nach Feindbilder kultivieren?"

    Gute Frage. Wenn man in deutschen Foren liest, so muss man die Überzeugung erlangen, dass die USA als Feindbild Dauerhaft verankert sind und weder Fakten noch gute Worte dagegen etwas ausrichten. Es kommt also auf das Volk und seine Kultur an. Wenn die Menschen realistisch und nicht ideologisch geblendet sind, erkennen sie die Fehler solcher Vorurteile rascher; wie dort offenbar. Andere Kulturen bleiben in ihren Glaubenssätzen hängen. Schauen Sie sich nur um.

    • joG
    • 21.08.2011 um 9:24 Uhr

    ... soll man denn Ihrer Ansicht nach Feindbilder kultivieren?"

    Gute Frage. Wenn man in deutschen Foren liest, so muss man die Überzeugung erlangen, dass die USA als Feindbild Dauerhaft verankert sind und weder Fakten noch gute Worte dagegen etwas ausrichten. Es kommt also auf das Volk und seine Kultur an. Wenn die Menschen realistisch und nicht ideologisch geblendet sind, erkennen sie die Fehler solcher Vorurteile rascher; wie dort offenbar. Andere Kulturen bleiben in ihren Glaubenssätzen hängen. Schauen Sie sich nur um.

  2. Kleine Detailkorrektur - die B-52 ist nicht vierstrahlig, sondern achtstrahlig. Die Triebwerke sind in Paaren angeordnet, deswegen kann ein anderer Eindruck entstehen. Hat mit dem Inhalt des Artikels nichts zu tun, aber ich dachte, ich lass es mal als Bemerkung fallen...

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    Sie kamen mir zuvor - danke.

    Ich dachte auch - vier Triebwerke in Paaren, das macht sie achtstrahlig.

    Sie kamen mir zuvor - danke.

    Ich dachte auch - vier Triebwerke in Paaren, das macht sie achtstrahlig.

  3. Sie kamen mir zuvor - danke.

    Ich dachte auch - vier Triebwerke in Paaren, das macht sie achtstrahlig.

  4. B-52-Cocktails habe ich in Vietnam schon vor etlichen Jahren auf der Getränkeliste verschiedener Bars entdeckt.
    Im uebrigen: wirklich schlimm ist nicht, dass die junge, aufstrebende Generation in Vietnam (und Vietnam ist ein Land mit einer geradezu berstenden Aufbruchstimmung!) endlich einen Schlussstrich zieht unter die Vergangenheit. Wirklich schlimm ist, dass ein paar aufgeregte Linke, wie Kommentar Nr. 1 zeigt, offenbar Angst davor haben, dass jemand das "Feindbild USA" verliert. Wogegen sollte man denn dann in Zukunft lautstark protestieren, Steine schmeissen, Autos abfackeln etc. wenn dieses schöne Feindbild nicht mehr existierte!??

    • nfb
    • 20.08.2011 um 19:54 Uhr

    Ich kenn immer noch Vietnamesen die diese Grausamkeiten der Amerikaner nicht vergessen haben, ung. wie die hälfte des Globusses.

  5. existierte schon zu Maos Zeiten. Nixon traf Mao als die Niederlage gegen Vietnam sich abzeichnete und versprach Wirtschaftshilfe für die kleine Gefälligkeit, von Norden aus in Vietnam einzumarschieren - was die Chinesen dann auch prompt (1978) taten. So konnte die US Wirtschaftsblockade greifen, der Westen bekam Bilder von verzweifelten "vietnamesischen" Bootsflüchtlingen geliefert (dass das eigentlich Angehörige der chinesischen Minderheit aus Nordvietnam waren, wussten die Leute ja nicht), die USA konnten sich doch noch irgendwie als Sieger fühlen und Deng Xiao Ping durfte die Sonderwirtschaftszonen schaffen, mit der Lizenz zum Exportieren.

    Eine Leser-Empfehlung
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    • tazzz
    • 21.08.2011 um 2:55 Uhr

    Der Angriff auf Vietnam begann im Februar 1979, nicht 1978.
    Und bei den Absetzbewegungen der chinesischen Minderheit wollen wir auch nicht vergessen, daß China recht bald alle Grenzen dicht machte und eigentlich alles unversucht ließ, diesen Menschen zu helfen.Natürlich muß man dann auch darauf hinweisen, daß die vietnamesische Regierung nach der Vereinigung des Landes eine mehr als unglückliche Figur machte, was die Behandlung der chines. Minderheit betraf.

    • tazzz
    • 21.08.2011 um 2:55 Uhr

    Der Angriff auf Vietnam begann im Februar 1979, nicht 1978.
    Und bei den Absetzbewegungen der chinesischen Minderheit wollen wir auch nicht vergessen, daß China recht bald alle Grenzen dicht machte und eigentlich alles unversucht ließ, diesen Menschen zu helfen.Natürlich muß man dann auch darauf hinweisen, daß die vietnamesische Regierung nach der Vereinigung des Landes eine mehr als unglückliche Figur machte, was die Behandlung der chines. Minderheit betraf.

    • oldsql
    • 21.08.2011 um 2:07 Uhr

    Das wird auch dadurch gezeigt, dass erst kürzlich z.B..: auf VTV4 Medien-Kampagnen zur Erinnerung an die Opfer des Vietnam-Krieges rauf und runter liefen.

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