New York Das Martyrium des Lyndon HarrisSeite 3/3
Dann geht alles ganz schnell. Es wird aufgeräumt. Die umgestürzte Platane hat im Frühjahr zu grünen begonnen, St. Pauls kleine Gemeinde folgt fasziniert ihrem Wachstum: Der gefallene Baum lebt, auch Ground Zero werde wieder voll Leben sein. Matthews und Howard entsorgen die Platane und lassen ihre Wurzeln in Metall gießen. Die zehntausend Kinderbriefe sollen entsorgt werden. Ich schreibe an Matthews und verbürge mich als Pädiatrie-Professor dafür, dass diese Kinderbriefe einzigartige Dokumente seien. Ich wolle sie mit Kollegen von der Harvard-Universität analysieren. Ein persönliches Treffen endet im Eklat: Als Lyndon Harris zufällig an mich herantritt, explodiert Matthews – die Kinderbriefe werde er eher vernichten, als Harris einen weiteren claim to fame zu gestatten, eine weitere Reklamation des Ruhms. Ich schreibe nochmals, schließlich versichert Matthews’ Assistent, sie sollten erhalten werden. Keine weiteren Details. Vor ihrer Entfernung fotografiere ich die Briefe und danach die hellen Rechtecke, die sie auf den von Staub und Ruß gedunkelten Wänden hinterlassen. Dann werden die Bänke entsorgt, unter dem Protest jener, die einst in ihnen Zuflucht gefunden haben. Mit den Bänken verschwinden die letzten authentischen Objekte, die die Ereignisse bezeugen. In der Kapelle stattdessen arrangierte Artefakte und eine Fotogalerie, die Matthews installieren lässt und die ihn prominent zeigt. Lyndon Harris wird entlassen, noch im Oktober 2002, offiziell, um seine theologischen Studien fortzuführen: ohne Gehalt, ohne Krankenversicherung für sich oder seine Familie. Rektor Matthews und sein enger Freund Sisk, der anglikanische Bischof von New York, wissen sehr wohl, dass Lyndon Harris im kirchlichen Dienst lungenkrank wurde, kümmern sich aber nicht. Ein Gericht erkennt 2008 schließlich an: Seine Gesundheitsschäden sind verursacht durch beständige Anwesenheit an Ground Zero, als er für 240 Tage giftigen Staub atmete. Die Richterin diktiert ins Protokoll der Verhandlung, sie habe Hochachtung vor seiner Hingabe an all die, die Hilfe suchend nach St. Paul kamen. Obwohl Geistliche nicht zu der Kategorie Arbeiter in Ground Zero zählen, wird Lyndon Harris durch die Entscheidung der Richterin zum Case 522326 des World Trade Center Volunteer Fund.
Bischof Sisk findet für Lyndon Harris keine Verwendung, nirgendwo in der ganzen Diözese. Nach zwei Jahren schlimmster finanzieller Not bietet Sisk ihm eine Pfarrstelle in Harlem an, inmitten einer mit Drogen und Verbrechen überlasteten Nachbarschaft. Weil er um die Sicherheit seiner Frau und seiner jungen Tochter fürchtet, kann Harris nicht annehmen. Bewerbungen um andere offene anglikanische Pfarrstellen werden abgewiesen. Seine Schulden wachsen. Das Haus seiner Familie wird gepfändet. Seine Ehe scheitert 2005. Dann, im Sommer 2009, bietet ihm die lutherische Gemeinde der ehemals deutschen Johanneskirche im Village eine Anstellung und eine bescheidene Pfarrwohnung. Er nimmt an. Doch nun, im Frühling dieses Jahres, erhebt Bischof Sisk kirchliche Anklage gegen ihn wegen disziplinarischer Verfehlungen, Details werden nicht benannt, und noch vor einer Anhörung entzieht er Lyndon Harris die Bewilligung zu Gottesdienst und Gemeindeführung und bietet ihm einen kirchlichen Verteidiger an. Da Harris der anglikanischen Kirchengerichtsbarkeit unterliegt, haben die Lutheraner keine Wahl, als ihren Vertrag mit ihm Ende Juli aufzulösen.
Jetzt, ein paar Wochen bevor die Welt des 11. September vor zehn Jahren gedenkt, ist Lyndon ohne Bleibe in New York, als anglikanischer Geistlicher gebannt und von Lutheranern entlassen. Anfang August sucht er Zuflucht bei seiner Schwester in South Carolina.
Samuel J. Howard, einst Rektor Matthews’ Vikar, ist inzwischen längst zum anglikanischen Bischof in Florida geweiht. Er hatte seine beiden Mitbewerber überragt »als einer der Führer der Kongregation und des Personals der Trinity Church und der St. Paul’s Chapel in der Folge der Ereignisse vom 11. September 2001«. Sein Jahresgehalt: 206237 Dollar. Die kleine St.-Paul-Gemeinde lästert, als Erstes habe der neue Bischof auf der Bereitstellung eines Privathauses bestanden, plus Cadillac und Klubmitgliedschaften.
Seinen Abschied als Rektor der Trinity Church zelebriert Matthews 2004 in der Kathedrale St. John The Divine, der viertgrößten Kirche der Welt. Vor dem Altar stehen essensüberladene Tafeln, blumendekorierte Tische, teuerste Weine und Champagner. New Yorks Machtelite flaniert. Am Ende der Lustbarkeit erhält jeder Gast ein Video zum Ruhme Matthews’. Für die Diözese von East Tennessee ist er ein »Apostel der Hoffnung und Heilung für Lower Manhattan nach dem Angriff des 11. September«. Als »Ground Hero« predigt er von anglikanischen Kanzeln: » Ich hatte das Privileg, ... mich unermüdlich aufzuopfern.« 2005 verleiht ihm Elisabeth II . den Order of the British Empire. In Anerkennung seiner herausragenden Rolle an Ground Zero, lässt er verlauten. Ich frage an beim Royal Households and Honours Secretariat, ob dem so sei. Nein, ist die Antwort, Matthews habe die Auszeichnung erhalten »für seine wohltätigen Dienste im Britischen Commonwealth«.
Ich weiß vom Neuschreiben der Geschichte. Mit dem Erfinden von Wirklichkeit bin ich vertraut, seit ich für mich selbst entdeckte, wie viel der Elite der deutschen Medizin daran liegt, den Geruch der KZs wegzuparfümieren.* Und doch war ich taub vor Schmerz, als Präsident Václav Havel im September 2002 von Matthews mit Handschlag in St. Paul begrüßt wurde. Havel, der sich und sein Land aus dem Lügengewebe Stalins befreit hatte, der das Leben in öffentlicher Lüge beschrieb, kam nach St. Paul als einem Ort menschlicher Authentizität – und verfiel dem Lügengewebe Matthews’. So erging es auch Präsident Bush am fünften Jahrestag, und so wird es Präsident Obama ergehen, wenn er zum zehnten Jahrestag in die Kapelle kommt, zusammen mit Bush. Vom Martyrium des Lyndon Harris haben sie nie gehört, er ist zur Unperson ausradiert. Vielleicht wagen der neue Rektor der mächtigen Trinity Church und der neue Bischof von New York den Versuch, in der Wahrheit zu leben.
Am 7. November 2004 wurde meine Tochter Isabel in St. Paul getauft. Ich bestand auf der Gegenwart von Lyndon Harris. Es war das letzte Mal, dass er seinen schwarzen Talar in der Kapelle trug. Wenn ich heute den sonntäglichen Gottesdienst in St. Paul besuche, kann ich meine Hände nicht mehr falten.
- Datum 21.08.2011 - 09:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.8.2011 Nr. 34
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Liebe Zeit - die wohl plastischste Darstellung der Geschehnisse bisher...
Dieser sehr gute Artikel hat mich nachhaltig beeindruckt, nicht nur das Schicksal des Lyndon Harris. Er bringt die Ereignisse um den 11. September so kurz, bevor er sich jährt, auf eindringlichste Weise ins Gedächtnis zurück. Gleichzeitig ist der zum Teil indirekte, zum Teil unverblümte Vergleich der genannten Kirchenoberhäupter mit den Praktiken eigennütziger 'Wirtschaftsfunktionäre' mehr als passend gewählt - überfällig, sich darüber Gedanken zu machen.
Der Artikel beleuchtet eine Seite fernab vom 9/11-US-Medienzirkus, die mir bisher verborgen geblieben war. Ich hoffe, er findet noch viele Leser!
http://www.spiegel.de/pan...
Passt leider auch zum Thema.
Eines der Themen, an dem sich die tea party profilierte.
Und die USA rügt uns jährlich wegen der Repression von Religionen (einer besonders).
http://www.spiegel.de/pan...
Passt leider auch zum Thema.
Eines der Themen, an dem sich die tea party profilierte.
Und die USA rügt uns jährlich wegen der Repression von Religionen (einer besonders).
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Eines der Themen, an dem sich die tea party profilierte.
Und die USA rügt uns jährlich wegen der Repression von Religionen (einer besonders).
in die NY Times damit
Es ist seit langem kein Geheimnis mehr, dass die US-Regierung jene Männer und Frauen, die nach dem 11.September auf dem Gelände des ehemaligen World Trade Center Trümmer beseitigt und Tote geborgen haben, äußerst schäbig behandelt hat. Niemand hat sich ernsthaft Gedanken darum gemacht, welchem Giftcocktail die Helfer ausgesetzt wurden und als dies dann sehr deutlich Gesundheitliche Folgen zeigte, da hat man die Betroffenen zunächst einmal damit alleine gelassen.
Dass nun ausgerechnet eine besonders wohlhabende Gemeinde der Anglikanischen Kirche einen Pfarrer derart "abserviert", der sich schlicht bemüht hat in einer Situation größter Not sich Hilfsbereit und Barmherzig zu zeigen, macht einfach nur noch sprachlos und wütend.
Dieser Artikel unterstreicht einmal mehr die große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Es wird Zeit, dass man den Herren der Institution Kirche den Spiegel vorhält, auf dass sie erkennen mögen, wie erbärmlich und armselig Ihr Verhalten im Namen des Herrn ist. Als Nichtgläubiger aber zolle ich meinen Respekt und uneingeschränkte Bewunderung allen denen, die im Namen des Herrn sich um all diejenigen kümmern, die von unserer Gesellschaft ausgestoßen wurden, warum auch immer.
Danke.thank you Zeit et merci ab in die NZ times damit........dalli, go for it
wie oben schon geschrieben - das wäre wirklich ein zutiefst lohnenswerter Artikel für sie.
Vielleicht ließe sich dann doch noch das eine oder andere ändern.
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