Manchmal steht man vor dieser Wand und hat das Gefühl, alles begänne zu stürzen, das Licht, das Glas, die Linien, aber nicht nach unten, sondern nach oben, ins Blau des Himmels, wo der sinnverwirrende Wasserfall eine Gischt aus glitzernd verwirbelten Spiegelwürfeln bildet. Oder die unendlich vielen Metallrahmen der Glassäulen überlagern sich zu einem zuckend unregelmäßigen Mosaik kristalliner Erstarrung. Dann wieder sehen die Segmente aus wie Epithele einer durchscheinenden Haut – oder wie Eisschollen. Man hat sofort ganz viele Assoziationen, wenn man im Foyer des neu erbauten Konzerthauses von Reykjavík den Kopf in den Nacken legt und die hoch aufragende Glasfassade betrachtet. Das Schrundige und Krustige der isländischen Landschaft finden sich im Relief der Oberfläche wieder, und die zarten Farben des nördlichen Himmels in den wenigen getönten Scheiben.

Der Künstler Olafur Eliasson hat die Fassade entworfen. Sie umhüllt den verkanteten Gebäudekomplex, den der dänische Architekt Henning Larsen in den Hafen von Reykjavík gebaut hat – und macht das Konzerthaus zum Spektakel. Wie so oft in seinen Arbeiten hat Eliasson hier das Naturschöne mit dem technisch raffiniert Ertüftelten kombiniert: Die Glasbausteine sind den sechseckigen Basaltsäulen nachempfunden, die in der baumlosen Natur seiner vulkanischen Heimatinsel so häufig vorkommen, aber all die mannigfachen Spiegel- und Lichtbrechungseffekte, die sich mit ihnen erzeugen lassen, beruhen auf Berechnungen höherer Mathematik. Keine der 956 Säulen gleicht der anderen. Zusammen ergeben sie ein Gewürfel, das im Kopf des Besucher einen großorchestralen Rausch erzeugt, ohne dass im Konzertsaal ein einziger Ton erklungen ist.

Wollte man Eliassons Fassadenpartitur von einem Orchester spielen lassen, müsste man die ganz große Richard-Strauss-Besetzung aufbieten, mit schimmernden Streichern, gleißenden Blechbläsern, Piccoloflöte, Harfe und Celesta. Der Rosenkavalier ist in Reykjavík nicht weit. Der zweite Akt mit der Übergabe der künstlichen silbernen Rose im Hause des neureichen Herrn von Faninal würde gut in Eliassons farbschillernde Foyers passen. Natürlich ist der Vergleich schief, denn der isländische Künstler träumt sich nicht wie Richard Strauss in seiner Oper in eine nostalgische Vergangenheit, sondern konstruiert eine kühl zersplitternde Moderne.

Aber ein gewisser faninalscher neureicher Ehrgeiz wohnt dem Projekt schon inne: Die Reykjavíker Banker haben den Bau mit privatem Investorengeld in Auftrag gegeben, als sie noch guter Hoffnung waren, aus dem Finanzstandort Island eine Art Schweiz des Nordens machen zu können. Die gefragtesten Architekten, Künstler und Akustikexperten wurden verpflichtet. Die neue Philharmonie sollte nicht nur den isländischen Philharmonikern und dem kleinen Opernensemble den lange herbeigesehnten Auszug aus den umgebauten Kinos ermöglichen, in denen sie bis dahin spielen mussten, sie sollte auch den kulturellen Status des finanzmodernen Islands repräsentieren – internationale Spitzenklasse, so weit das Auge reicht.

Dann kam die Finanzkrise von 2008, und das isländische Spielcasino musste schließen. Die horrenden Schulden der Banken wurden verstaatlicht. Das Betongerippe des Konzerthauses drohte eine Bauruine zu werden, weil die privaten Investoren bankrott waren. Aber der klamme Staat wollte kein Symbol des Scheiterns mitten in der Hauptstadt und ließ, bei gleichzeitigen empfindlichen Einsparungen im sozialen Bereich, den Bau vollenden. Ein Kraftakt von wikingerhafter Entschlossenheit war das in einer verworrenen Zeit, die man alleine an der Schwierigkeit ablesen kann, die Bausumme für das Harpa genannte Konzerthaus korrekt zu benennen. Die hängt nämlich sehr davon ab, welchen Wechselkurs der isländischen Krone man in welcher Projektphase zugrunde legt. Die genannten 200 Millionen Euro taugen da allenfalls als Annäherungswert.

Die öffentliche Wahrnehmung des Hauses hat sich mit der Finanzkrise vollkommen verändert: Drohte es ursprünglich eine glamouröse VIP-Lounge für Finanzhasardeure und ihre internationalen Gäste zu werden, so ist es nun ein hart vom Munde abgespartes Kulturzentrum für alle Isländer und ein Symbol für den unerschütterlichen Optimismus dieses verrückten Völkchens. Am vergangenen Wochenende schienen die 320.000 Einwohner Islands komplett unterwegs zu sein, um in Reykjavík das alljährliche Kulturfest zu feiern, den Sommer und die offizielle Einweihung des Harpa-Gebäudes mit der erstmaligen Illumination der Eliasson-Fassade. Mit den Kindern auf den Schultern und über den Bäuchen spannenden Fleecepullis, mit verwehten Frisuren über naturfrischen Gesichtern und den nackten Füßen in Flipflops enterten sie das Konzerthaus und machten deutlich, dass Schwellenangst vor der vermeintlichen Hochkultur in Island kein Problem ist. Leicht wird es für die Harpa-Direktoren trotzdem nicht, den ausgezeichnet klingenden, in dunklem Lavarot gestrichenen Konzertsaal für 1800 Zuhörer über eine ganze Spielzeit hinweg ohne große Subventionen zu füllen.

Gewiss hilft dabei Eliassons Fassade. Es ist erstaunlich, wie sehr sie sich jedem Deutungsbegehren anpasst. Die Spiegelflächen zeigen dem Betrachter, was er darin sehen möchte. Und so hat auch das Islandbild, das die Außenseite der Fassade am Eröffnungstag reflektiert, seine Aktualität. Man blickt auf das Wimmelbild einer fragmentierten Moderne, in der Menschen und Autos kunterbunt verzerrt und gut gelaunt über die Glasflächen zucken, grandiose Durchblicke auf den weiten Himmel möglich sind und an einer Stelle sogar der unselige Geldvernichtungsbunker der isländischen Zentralbank von der gegenüberliegenden Straßenseite herüberschillert – unwirklich in Scherben zerhackt und doch von schönem Licht überglänzt.