Baden-WürttembergUmbau mit Samthandschuhen

Die neue grün-rote Bildungspolitik in Baden-Württemberg glänzt durch Behutsamkeit.

Es war schon mal leichter, Opposition zu sein. Georg Wacker muss ein wenig ausholen, wenn er erklären will, warum die grün-rote Landesregierung schlecht für Baden-Württembergs Schulen sei. Also zunächst einmal, setzt er an, sei da ja recht wenig Konkretes, was die Neuen bislang verlauten ließen – und das, was bekannt sei, atme den Geist der Beliebigkeit. Pause. Nun ja, sagt Wacker und zögert kurz. Wahrscheinlich merkt er selbst, dass das ein bisschen dünn klingt.

Doch auch Kritik an der Regierung üben muss man erst lernen, wenn man bis vor Kurzem selbst die Regierung war: Ein halbes Jahrzehnt lang diente Wacker seinem Land als Kultusstaatssekretär. Jetzt dient er immer noch, aber das Dienen ist härter geworden als bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Stuttgarter Landtag. Und so schaltet er nur mit Mühe in den Oppositionsmodus um und wirft der neuen Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer vor, sie wolle die Einheitsschule schaffen und – passend dazu – natürlich auch den Einheitslehrer. Wackers Stimme ist dabei genauso freundlich-melodisch wie zuvor.

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Nein, Empörung will bei Baden-Württembergs Konservativen nicht recht aufkommen angesichts der Pläne, mit denen SPD-Politikerin Warminski-Leitheußer und ihre grüne Kollegin im Wissenschaftsministerium, Theresia Bauer, das Ziel der Koalitionsvereinbarung erreichen wollen: »die Schaffung bester Bildungschancen für alle« in einem Bundesland, das an der Spitze liege, aber viele auf dem Weg dorthin zurücklasse.

Vielleicht haben sich die politischen Kontrahenten beim Dauerthema Stuttgart 21 erschöpft und haben im Moment einfach keine Kraft mehr zum Kämpfen; vielleicht ist es auch so, dass die echten Konflikte bis zum Ende der großen Ferien zu warten haben. Wahrscheinlicher aber ist, dass in Baden-Württemberg gerade ein weiteres Kapitel der unideologischen Bildungspolitik aufgeschlagen wird, die seit dem Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen bislang in Deutschland kaum vorstellbare Kompromisse möglich macht. Was gerade im konservativen Ländle, in dem sich die politischen Lager lange unversöhnlich gegenüberstanden, eine Sensation wäre.

Behutsamkeit ist das oberste Reformgebot , »Nur keinen verschrecken«, so lautet das Leitmotto, an das sich die grün-roten Koalitionäre zu halten scheinen. Beispiel Einheitslehrer. Gefragt nach dem Begriff, schafft es die 48 Jahre alte Warminski-Leitheußer sogar kurzzeitig, einen kämpferischen Unterton in ihre Stimme zu bekommen. »Das ist ein völlig substanzloser Begriff der Opposition!«, ruft sie, ganz Regierung, um dann doch in aller Ruhe und mit versöhnlicher Stimme zu erklären, dass die Pläne, das Lehramtsstudium nicht mehr nach Schularten auszurichten, sondern nach den Klassenstufen, in denen unterrichtet werden soll, schon von der alten CDU/FDP-Regierung angelegt gewesen seien. »Wir wollen langfristig auch das Gymnasiallehramt mit einbeziehen, das ist der einzige Unterschied.« Ein nicht ganz unwesentlicher allerdings, wenn es nach dem Altphilologenverband geht. »So schafft man durch die Hintertür erst den Gymnasiallehrer und dann die Gymnasien ab«, kritisiert Karl Boyé.

Doch auch dieser Versuch einer Kritik prallt an Warminski-Leitheußer ab. Sie versichert, dass die Einführung sogenannter Gemeinschaftsschulen mit gemeinsamem Unterricht aller Schüler bis nach der zehnten Klasse freiwillig ablaufen werde. Und nur auf Antrag der Schulträger. Das heißt: Alle Schulen, die es werden wollen und ein klares pädagogisches Konzept vorweisen, können es werden. Wer es nicht werden will, muss nicht. Die anderen aber sollen ein paar Anreize bekommen, vor allem über den Ganztagsbetrieb, der für alle Gemeinschaftsschulen Standard werden soll. »Die Träger brauchen vor allem eines, wie ich aus meiner eigenen Zeit in Mannheim weiß: Planungssicherheit und klare Rahmenbedingungen. Und die schaffen wir«, sagt Warminski-Leitheußer, die bis zum Regierungswechsel Mannheimer Bürgermeisterin für Bildung und damit zuständig für die Schulen der Stadt war.

Was sich abzeichnet, ist eine Bildungspolitik, die mit dem Ziel, keinesfalls das in Baden-Württemberg so starke Bildungsbürgertum abzuschrecken, immer zwei Botschaften sendet. Erstens: Nicht alles, was bislang war, ist schlecht. Zweitens: Vieles kann noch besser werden. Selbst die halbherzigen Warnungen der CDU, hier werde ein neuer Schul-Flickenteppich entstehen, der den Umzug von Familien wegen des damit verbundenen Schulwechsels unmöglich mache, pariert die Ministerin: »Wir werden die Lehrpläne aller Schulformen so aufeinander abstimmen, dass der Wechsel aus einer Gemeinschaftsschule hinaus und in eine Gemeinschaftsschule hinein jederzeit problemlos ablaufen wird.« So bleiben am Ende nur kleine Aufreger und eine große in Richtung Opposition ausgestreckte Regierungshand übrig. Wobei eines klar ist: Versprechen kann man erst mal viel.

Leserkommentare
  1. Die traditionell SPD-regierten Bundesländer sind die PISA-Versager. 40 Jahre Schulreformen für nichts und wieder nichts. Bei der SPD muss doch mal gefragt werden, wessen Interessen sie überhaupt dienen: Denen der Schüler und Eltern oder denen der GEW-Klientel?

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    sagt über viele Dinge nichts aus. In den traditionell CDU-regierten Ländern hängt der Schulabschluss vom Elternhaus ab. Da muss man sich doch bei der CDU fragen, welchem Klientel sie dienen?
    Baden-Württemberg investiert in die Bildung in Zeiten, wo es gerade etwas mehr Steuereinnahmen gibt. Ich finds gut.

    In Bundesländern mit der eher ländlichen, homogenen Struktur von BaWü, Bayern oder Sachsen gute Ergebnisse bei PISA zu erziehlen ist keine Kunst. Richtig schwierig wird Schule, wenn sie noch alle möglichen Nebenaufgaben bekommt, wie z.B. Integration.

    sagt über viele Dinge nichts aus. In den traditionell CDU-regierten Ländern hängt der Schulabschluss vom Elternhaus ab. Da muss man sich doch bei der CDU fragen, welchem Klientel sie dienen?
    Baden-Württemberg investiert in die Bildung in Zeiten, wo es gerade etwas mehr Steuereinnahmen gibt. Ich finds gut.

    In Bundesländern mit der eher ländlichen, homogenen Struktur von BaWü, Bayern oder Sachsen gute Ergebnisse bei PISA zu erziehlen ist keine Kunst. Richtig schwierig wird Schule, wenn sie noch alle möglichen Nebenaufgaben bekommt, wie z.B. Integration.

  2. sagt über viele Dinge nichts aus. In den traditionell CDU-regierten Ländern hängt der Schulabschluss vom Elternhaus ab. Da muss man sich doch bei der CDU fragen, welchem Klientel sie dienen?
    Baden-Württemberg investiert in die Bildung in Zeiten, wo es gerade etwas mehr Steuereinnahmen gibt. Ich finds gut.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Reformruinen"
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    In bürgerlichen Elternhäusern wird den Kindern sehr oft vermittelt, dass Bildung eines der wichtigsten Dinge im Leben ist.

    Ein Kind, welches als Kind keine Bücher liest, hat bei gleicher Intelligenz keine Chance, die deutsche Rechtschreibung und Grammatik so gut und schnell zu lernen, wie ein anderes Kind welches fast jeden Tag liest.

    tja, das ist nun die Misere. Will man lieber in Bayern / BaWü zur Schule, wo zumindest einige Spitzenwerte schaffen, andere aber auf der Strecke bleiben, oder will man lieber Berlin, wo zwar alle eher gleich abschneiden, aber dafür eben auch gleich schlecht?

    Wenn jedenfalls eine pragmatischere Bildungspolitik mit dem planlosen Gewurschtel der letzten Jahrzehnte abräumt, kann das allen Beteiligten nur recht sein.

    In bürgerlichen Elternhäusern wird den Kindern sehr oft vermittelt, dass Bildung eines der wichtigsten Dinge im Leben ist.

    Ein Kind, welches als Kind keine Bücher liest, hat bei gleicher Intelligenz keine Chance, die deutsche Rechtschreibung und Grammatik so gut und schnell zu lernen, wie ein anderes Kind welches fast jeden Tag liest.

    tja, das ist nun die Misere. Will man lieber in Bayern / BaWü zur Schule, wo zumindest einige Spitzenwerte schaffen, andere aber auf der Strecke bleiben, oder will man lieber Berlin, wo zwar alle eher gleich abschneiden, aber dafür eben auch gleich schlecht?

    Wenn jedenfalls eine pragmatischere Bildungspolitik mit dem planlosen Gewurschtel der letzten Jahrzehnte abräumt, kann das allen Beteiligten nur recht sein.

  3. In bürgerlichen Elternhäusern wird den Kindern sehr oft vermittelt, dass Bildung eines der wichtigsten Dinge im Leben ist.

    Ein Kind, welches als Kind keine Bücher liest, hat bei gleicher Intelligenz keine Chance, die deutsche Rechtschreibung und Grammatik so gut und schnell zu lernen, wie ein anderes Kind welches fast jeden Tag liest.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "PISA... "
  4. Fällt eigentlich niemanden auf, dass in den letzten 40 Jahren in keinem Bundesland je ein Bildungsfortschritt erzielt wurde, obwohl bei 10 % weniger Schülern heute 40 % mehr Lehrer bezahlt werden. Alleinige Schulnamenänderungen wie in Hamburg, Niedersachsen (sogn Oberschulen) nun in Baden-Württemberg (Gemeinschaftsschulen) dürften völlig wurscht sein. Auch ob Schüler 4, 6 oder neuen Jahre die gleichen Mitschüler haben, hat mit Bildung nichts zu tun. Bedenkt man, dass nur die Hälfte der Lehrerschaft (immerhin 350 000) überhaupt noch zum Unterricht eingeteilt wird (was machen die anderen eigentlich), dann die Hälfte eines Jahres unsere Schulen geschlossen haben(Wochenden, Ferien, Feiertage) und in der geöffneten Hälfte dann nur die Hälfte einer Woche unterrichtet wird (selbst 33 Unterrichtstunden sind lediglich 24 richtige Stunden), wovon dann bis 40 % des Unterrichts irgendwie noch ausfällt (mal interessierte Eltern fragen) kommt man unserem wirklichen Schulproblem schon näher! Siehe Bildungspolitik-niedersachsen.de

    Eine Leserempfehlung
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    Mich würde interessieren, was Sie als Bildungsfortschritt verstehen und wie sie ihn messbar machen? Ich halte das für extrem schwierig, zumal sich in den letzten 40 Jahren ja auch die Anforderungen an Schüler und Lehrer dramatisch geändert haben.

    Es ist z.B. so, dass seit Jahrzehnten der Anteil derjenigen Kinder steigt, die aufs Gymnasium gehen. Bezogen auf das erklärte Ziel der Kultusminsterien, die Akademiker-Quote zu erhöhen, ist das ein Bildungserfolg.

    Es hängt also alles von der Definition dieses Begriffes ab.

    • undee
    • 26.08.2011 um 10:39 Uhr

    Genau, alle Lehrer sind faul und arbeiten nur zwischen den Klingelzeichen. Haben Sie schon mal Unterricht vorbereitet? Wenn Sie schon einmal einen unvorbereiteten Lehrer gehabt haben, kennen Sie den Unterschied.

    suchen sie sich zwei Fächer ihrer Facon und dann bereiten sie 24 Stunden Unterricht vor, Woche für Woche. Ich brauche derzeit pro Stunde Unterricht ca. 2 Stunden, bin aber noch Anfänger. Da sind wir also bei 24 plus 48 = 72 Stunden pro Woche, grob über den Daumen gepeilt. Da ist aber noch kein Unterricht nachgearbeitet, keine Konferenz gehalten und noch kein Elterngespräch geführt. Da ist auch noch keine Sammlung sortiert, keine Chemikalien bestellt (für mich als Chemielehrer ziemlich wichtig) und noch keine Glasgeräte geputzt bzw. Apparaturen aufgebaut oder Versuche getestet, die man neu ins Repertoire aufbaut. Was glauben sie eigentlich, was man so den ganzen Tag macht? Und woher kommen die Zahl, dass nur die Hälfte der Lehrer zum Unterricht eingesetzt wird? Mit gestiegener Erfahrung wird die Vorbereitungszeit natürlich geringer, aber trotzdem bedeutet Unterricht nicht, dass man in die Schule geht und drauf los unterrichtet. Ich finde Präsenzzeit in der Schule eine reizvolle Idee: 40 Stundenwoche, dann müssen aber alle Tätigkeiten abgedeckt sein. Oder ein paar Stunden mehr, dass auch die Ferien entsprechend eingerechnet sind. Ich glaube, wenn da dann Überstunden gerechnet werden müssten, würde sich so mancher umschauen.

    Mich würde interessieren, was Sie als Bildungsfortschritt verstehen und wie sie ihn messbar machen? Ich halte das für extrem schwierig, zumal sich in den letzten 40 Jahren ja auch die Anforderungen an Schüler und Lehrer dramatisch geändert haben.

    Es ist z.B. so, dass seit Jahrzehnten der Anteil derjenigen Kinder steigt, die aufs Gymnasium gehen. Bezogen auf das erklärte Ziel der Kultusminsterien, die Akademiker-Quote zu erhöhen, ist das ein Bildungserfolg.

    Es hängt also alles von der Definition dieses Begriffes ab.

    • undee
    • 26.08.2011 um 10:39 Uhr

    Genau, alle Lehrer sind faul und arbeiten nur zwischen den Klingelzeichen. Haben Sie schon mal Unterricht vorbereitet? Wenn Sie schon einmal einen unvorbereiteten Lehrer gehabt haben, kennen Sie den Unterschied.

    suchen sie sich zwei Fächer ihrer Facon und dann bereiten sie 24 Stunden Unterricht vor, Woche für Woche. Ich brauche derzeit pro Stunde Unterricht ca. 2 Stunden, bin aber noch Anfänger. Da sind wir also bei 24 plus 48 = 72 Stunden pro Woche, grob über den Daumen gepeilt. Da ist aber noch kein Unterricht nachgearbeitet, keine Konferenz gehalten und noch kein Elterngespräch geführt. Da ist auch noch keine Sammlung sortiert, keine Chemikalien bestellt (für mich als Chemielehrer ziemlich wichtig) und noch keine Glasgeräte geputzt bzw. Apparaturen aufgebaut oder Versuche getestet, die man neu ins Repertoire aufbaut. Was glauben sie eigentlich, was man so den ganzen Tag macht? Und woher kommen die Zahl, dass nur die Hälfte der Lehrer zum Unterricht eingesetzt wird? Mit gestiegener Erfahrung wird die Vorbereitungszeit natürlich geringer, aber trotzdem bedeutet Unterricht nicht, dass man in die Schule geht und drauf los unterrichtet. Ich finde Präsenzzeit in der Schule eine reizvolle Idee: 40 Stundenwoche, dann müssen aber alle Tätigkeiten abgedeckt sein. Oder ein paar Stunden mehr, dass auch die Ferien entsprechend eingerechnet sind. Ich glaube, wenn da dann Überstunden gerechnet werden müssten, würde sich so mancher umschauen.

  5. tja, das ist nun die Misere. Will man lieber in Bayern / BaWü zur Schule, wo zumindest einige Spitzenwerte schaffen, andere aber auf der Strecke bleiben, oder will man lieber Berlin, wo zwar alle eher gleich abschneiden, aber dafür eben auch gleich schlecht?

    Wenn jedenfalls eine pragmatischere Bildungspolitik mit dem planlosen Gewurschtel der letzten Jahrzehnte abräumt, kann das allen Beteiligten nur recht sein.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "PISA... "
  6. Mich würde interessieren, was Sie als Bildungsfortschritt verstehen und wie sie ihn messbar machen? Ich halte das für extrem schwierig, zumal sich in den letzten 40 Jahren ja auch die Anforderungen an Schüler und Lehrer dramatisch geändert haben.

    Es ist z.B. so, dass seit Jahrzehnten der Anteil derjenigen Kinder steigt, die aufs Gymnasium gehen. Bezogen auf das erklärte Ziel der Kultusminsterien, die Akademiker-Quote zu erhöhen, ist das ein Bildungserfolg.

    Es hängt also alles von der Definition dieses Begriffes ab.

    Eine Leserempfehlung
    • undee
    • 26.08.2011 um 10:39 Uhr

    Genau, alle Lehrer sind faul und arbeiten nur zwischen den Klingelzeichen. Haben Sie schon mal Unterricht vorbereitet? Wenn Sie schon einmal einen unvorbereiteten Lehrer gehabt haben, kennen Sie den Unterschied.

    2 Leserempfehlungen
    • undee
    • 26.08.2011 um 10:41 Uhr
    8. Rektor

    Die Uni Heidelberg hat keinen Präsidenten, sondern einen Rektor.

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