Karl Max Einhäupl"Das ist nicht seriös"

Rankings seien eine Gefahr für die wissenschaftliche Vielfalt: Ein Gespräch mit dem Mediziner Karl Max Einhäupl, Chef der Charité von 

DIE ZEIT: Alle schimpfen über Rankings, jeder liest sie. Die Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht nun eine Expertise, die zu großer Vorsicht im Umgang mit den Ranglisten mahnt. Sie haben an den Empfehlungen mitgearbeitet. Wann haben Sie sich als Chef der Charité in Berlin das letzte Mal über Rankings geärgert?

Karl-Max Einhäupl: Als kürzlich im Deutschen Ärzteblatt ein Leserbrief erschien, in dem behauptet wurde, die Charité sei wissenschaftlich gar nicht so hervorragend, wie immer gesagt wird. Das würden Rankings belegen. Das fand ich ärgerlich.

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ZEIT: Weil es nicht stimmt?

Einhäupl: Zum einen, weil die Aussage falsch war: In allen Rankings taucht die Charité sehr weit oben auf. Zum anderen, weil die Position in einer Rangliste über die Qualität einer wissenschaftlichen Einrichtung nicht viel aussagt.

Karl-Max Einhäupl
Karl-Max Einhäupl

Karl-Max Einhäupl leitet die Berliner Charité und war von 2001 bis 2006 Vorsitzender des Wissenschaftsrates

ZEIT: Warum nicht?

Einhäupl: Rankings vermitteln den Anspruch, wissenschaftliche Leistungen exakt zu messen. Dabei reduzieren gerade die internationalen Rankings die Wirklichkeit in unzulässiger Weise. Sie erfassen quantitative Indikatoren – Zahl der Publikationen, Fördergelder, Ansehen bei den Professoren – über alle Fächer, rühren sie zusammen und erstellen daraus einen Wert, der den Platz im Ranking bestimmt. Das ist nicht seriös.

ZEIT: Ärgert die meisten Universitäten hierzulande nicht viel mehr, dass sie in der Regel unter »ferner liefen« abschneiden?

Einhäupl: Sie ärgern sich zu Recht, weil die Rankings, ob sie nun aus Shanghai oder, wie die World University Rankings der Times, aus England stammen, Länder wie Deutschland benachteiligen. So findet anders als etwa in den USA ein großer Teil der Forschung bei uns in Max-Planck-Instituten oder Einrichtungen der Helmholtz-Gesellschaft statt. Die außeruniversitäre Forschung wird jedoch in den Rankings nicht erfasst.

ZEIT: Das wäre doch ein weiterer Grund, diese Einrichtungen den Universitäten anzugliedern, wie Experten schon lange fordern.

Einhäupl: Für eine bessere Zusammenarbeit spricht einiges: Die Charité strebt das ja in Berlin gerade mit dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin an. Aber das Ziel der Kooperation ist doch nicht, in den Rankings besser abzuschneiden. Wir sollten das Profil unseres Wissenschaftssystems nicht von irgendwelchen Ranglisten bestimmen lassen.

ZEIT: Sie tragen aber zur internationalen Sichtbarkeit von Forschungseinrichtungen bei.

Einhäupl: Sichtbarkeit ist ohne Zweifel wichtig. Eine Institution mit einem hohen Bekanntheitsgrad wie etwa die Charité hat Vorteile bei der Rekrutierung guter Wissenschaftler. Ich würde das aber auch nicht überschätzen. Den einzelnen Forscher interessiert viel mehr, was eine Universität in seinem Fach leistet und wie das wissenschaftliche Umfeld aussieht. Diese Komplexität wird in Rankings ignoriert, und damit werden sie sogar zum Risiko.

ZEIT: Inwiefern?

Einhäupl: Weil sie den Mainstream fördern. Ein Beispiel aus der Medizin: Manche Rankings berücksichtigen stark die Zahl der Artikel in Nature oder Science . Nun gelangt man sehr viel leichter in diese internationalen Zeitschriften mit Forschungsergebnissen aus der Molekularbiologie, weil die gerade boomt. Die Versuchung ist nun groß, alle Kräfte auf die Molekularbiologie zu konzentrieren, um in Rankings gut abzuschneiden. Das hieße aber, andere Zweige der Medizin zu vernachlässigen, die ebenso wichtig sind.

Leserkommentare
  1. .....das wiederholen, was ich bereits in diesem Forum zu diesem thema gschrieben habe, naemlich, Rankings sind nicht objektiv und Deutschland wird bewusst benachteiligt.

    • greuel
    • 27. August 2011 11:54 Uhr

    Jemand, der ein ordinärer Arzt oder Lehrer werden möchte, ist vielleicht sogar besser beraten, zu einer Uni zu gehen, in der Professoren arbeiten, die Zeit haben, sich um sie zu kümmern anstatt ihr Hauptaugenmerk auf die Forschung zu legen.

    Jemand, der nicht selbst in die Forschung will, sondern einfach nur eine solide Ausbildung braucht, hat vielleicht von anderen Unis mehr.

  2. ...waren doch DAS Argument, statt auf solider Bildung, lieber ein paar mit Volksvermögen überfütterte Elite-Unis zu züchten, damit die Bonzenkinder coolere Titel in ihren Kaufiploms haben...

    Bitte diskutieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

    • eeee
    • 27. August 2011 12:00 Uhr

    Wenn man dieser Meinung sein zu müssen glaubt, warum wundert man sich dann, dass nur noch nach Drittmitteln gejagt wird?

    • mutant
    • 27. August 2011 12:12 Uhr

    ...ist es , meiner Meinung nach, vollkommend irrelvant ob die Hochschule in der Forschung gut da steht. Da sollten andere Kriterien wie Betreuungsverhälnis im Vordergrund stehen. Selbst in nem M.Sc.-Studiengang wo vielleicht das eine oder andere Forschungsprojekt "mitgestaltet" werden kann ist das mit der Megareputation noch nicht so wichtig.

  3. „Rankings“ sind eindimensional. Sie versuchen Qualität zu quantifizieren. Das spricht gegen Rankings, zumindest in ihrer gegenwärtigen Form, die ja vor allem ein propagandistisches Mittel dazu sind, den Universitäten die herrschenden neoliberalen Gedanken einer „unternehmerischen Universität“ aufzudrücken.
    Das schlimmste aber ist, daß offenbar viele Menschen sich nach Rankings richten wollen, selbst wenn offensichtlich falsch sind. Die Zeit demonstriert das mustergültig. Zitat: „ZEIT: Das wäre doch ein weiterer Grund, diese Einrichtungen den Universitäten anzugliedern, wie Experten schon lange fordern.“ Das ist die Forderung, reale organisatorische Veränderungen vorzunehmen, nur um in einer bestimmten Statistik besser dazustehen. D.h. man paßt sein Verhalten der Vorgabe eines Rankings an. Ich finde das absurd.

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    Okay, WIE muesste man beurteilen? Wie werden Nobelpreise verteilt? Wie Olympia-Medaillen??

    • AMD
    • 29. August 2011 11:01 Uhr

    ... die ZEIT veröffentlicht doch fleißig jedes jahr ebendiese rankings. und stellt sich somit in deren dienst. kritikfrei.

  4. Rankings erfassen vielleicht nicht die gesamte Komplexität der Wissenschaft, aber insgesamt sind die Ergebnisse wichtige Indikatoren.

    PS: Der Herr redet immer nur von Wissenschaft. Aber was wäre eine Universität ohne Studenten? Ein Forschungsinstitut. Die LEHRE gehört in den Fokus der Bemühungen.

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    Bei einem Ranking von 100 Universitäten wird es immer 100 Rangplätze geben. Selbst wenn die Unterschiede marginal sind und die Unterschiede auf Messfehlern beruhen.

    Anstatt sinnfreie Rankings zu erstellen (auch die liebe Zeit) sollte man endlich eine Diskussion eröffnen welche Leistungskennziffern zu einer guten Lehre zählen. Hier sind z.B. Anzahl der Klausurentermine oder der Zustand der Lehrräume wichtiger als die Frage nach Artikeln in der Nature.

    Rankings von Kennzahlen ist sicher nicht vollkommen sinnfrei, indizierte Ergebnisse sind es jedoch meist. Den Hintern auf der Herdplatte und die Füße im Eiswasser ergibt eine angenehme Temperatur.

    Die Probleme der Hochschule gehen jedoch tiefer - ein Problem sind die starren und autokratischen Strukturen der Verwaltungsoligarchie. ISt man erstmal Professor regiert die Narrenfreiheit. Unabhängigkeit ist gut, Willkür nicht.

  5. Lieber Herr Kollege Einhäupl,

    ich lade Sie hiermit ein, sich persoenlich anzusehen, wie man sowohl Spitze in Forschung UND Lehre wird UND beim Ranking gut abschneidet...
    Ich gebe zu, dass man nicht nachfragt, wenn man NUMMER EINS ASIENS wird;-)

    Warum aber tut sich Teutschland so schwer mit Internationalen Studiegaengen? Bei uns muss man NICHT Chinesisch sprechen, um zu studieren, an der Charite' aber sehr wohl Deutsch...oder?
    Robert Kochs glorreiche Zeiten sind vorbei...

    Ihr ChinesenProf RR www.ust.hk

    Vergleichen Sie die website mal mit Ihrer...

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    Bin mir nicht sicher, ob sie wirklich in HongKong leben, ansonsten würde Sie die Sache mit der Sprache nicht wirklich verwundern.

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