DIE ZEIT: Alle schimpfen über Rankings, jeder liest sie. Die Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht nun eine Expertise, die zu großer Vorsicht im Umgang mit den Ranglisten mahnt. Sie haben an den Empfehlungen mitgearbeitet. Wann haben Sie sich als Chef der Charité in Berlin das letzte Mal über Rankings geärgert?

Karl-Max Einhäupl: Als kürzlich im Deutschen Ärzteblatt ein Leserbrief erschien, in dem behauptet wurde, die Charité sei wissenschaftlich gar nicht so hervorragend, wie immer gesagt wird. Das würden Rankings belegen. Das fand ich ärgerlich.

ZEIT: Weil es nicht stimmt?

Einhäupl: Zum einen, weil die Aussage falsch war: In allen Rankings taucht die Charité sehr weit oben auf. Zum anderen, weil die Position in einer Rangliste über die Qualität einer wissenschaftlichen Einrichtung nicht viel aussagt.

ZEIT: Warum nicht?

Einhäupl: Rankings vermitteln den Anspruch, wissenschaftliche Leistungen exakt zu messen. Dabei reduzieren gerade die internationalen Rankings die Wirklichkeit in unzulässiger Weise. Sie erfassen quantitative Indikatoren – Zahl der Publikationen, Fördergelder, Ansehen bei den Professoren – über alle Fächer, rühren sie zusammen und erstellen daraus einen Wert, der den Platz im Ranking bestimmt. Das ist nicht seriös.

ZEIT: Ärgert die meisten Universitäten hierzulande nicht viel mehr, dass sie in der Regel unter »ferner liefen« abschneiden?

Einhäupl: Sie ärgern sich zu Recht, weil die Rankings, ob sie nun aus Shanghai oder, wie die World University Rankings der Times, aus England stammen, Länder wie Deutschland benachteiligen. So findet anders als etwa in den USA ein großer Teil der Forschung bei uns in Max-Planck-Instituten oder Einrichtungen der Helmholtz-Gesellschaft statt. Die außeruniversitäre Forschung wird jedoch in den Rankings nicht erfasst.

ZEIT: Das wäre doch ein weiterer Grund, diese Einrichtungen den Universitäten anzugliedern, wie Experten schon lange fordern.

Einhäupl: Für eine bessere Zusammenarbeit spricht einiges: Die Charité strebt das ja in Berlin gerade mit dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin an. Aber das Ziel der Kooperation ist doch nicht, in den Rankings besser abzuschneiden. Wir sollten das Profil unseres Wissenschaftssystems nicht von irgendwelchen Ranglisten bestimmen lassen.

ZEIT: Sie tragen aber zur internationalen Sichtbarkeit von Forschungseinrichtungen bei.

Einhäupl: Sichtbarkeit ist ohne Zweifel wichtig. Eine Institution mit einem hohen Bekanntheitsgrad wie etwa die Charité hat Vorteile bei der Rekrutierung guter Wissenschaftler. Ich würde das aber auch nicht überschätzen. Den einzelnen Forscher interessiert viel mehr, was eine Universität in seinem Fach leistet und wie das wissenschaftliche Umfeld aussieht. Diese Komplexität wird in Rankings ignoriert, und damit werden sie sogar zum Risiko.

ZEIT: Inwiefern?

Einhäupl: Weil sie den Mainstream fördern. Ein Beispiel aus der Medizin: Manche Rankings berücksichtigen stark die Zahl der Artikel in Nature oder Science . Nun gelangt man sehr viel leichter in diese internationalen Zeitschriften mit Forschungsergebnissen aus der Molekularbiologie, weil die gerade boomt. Die Versuchung ist nun groß, alle Kräfte auf die Molekularbiologie zu konzentrieren, um in Rankings gut abzuschneiden. Das hieße aber, andere Zweige der Medizin zu vernachlässigen, die ebenso wichtig sind.