Der 44-jährige Zürcher Andreas Kyriacou ist ein grüner Atheist.

Schon im zarten Alter von zehn Jahren, sagt Andreas Kyriacou, sei er zum Atheisten geworden. Ort seines Abfalls vom Glauben war die Aula einer Staatsschule im südenglischen Worthing. Es geschah während der allmorgendlichen Versammlung. Da stand er, der Neue aus der Schweiz, in seiner noch steifen Schuluniform und musste mit seinen Kameraden religiöse Hymnen singen. Er wollte nicht, er konnte nicht. Kurz: Es war ihm ein Graus. Sagt er.

Heute prangert der 44-jährige Präsident der Zürcher Freidenker-Vereinigung derlei Praktiken öffentlich als »religiöse Indoktrination« an; Kyriacou hält Religiosität für reine Privatsache und jegliche Vermischung von Religion und Staat für fehl am Platz. Ganz besonders an Schulen.

In seinem Elternhaus war Religion nie ein Thema gewesen. Die Mutter machte sich als reformierte Zürcherin nichts aus ihrer Konfession, der Vater hatte sich als Emigrant aus Zypern schon als Jugendlicher vom griechisch-orthodoxen Glauben seiner Familie distanziert. Als in den siebziger Jahren die Schwarzenbach-Initiative gegen »Überfremdung« die Schweiz für Ausländer verdunkelte, übersiedelten die Eltern mit den drei Kindern kurzerhand für vier Jahre nach England.

Stellt man sich den zierlichen Mann an den religiös angehauchten Schulversammlungen seiner Frühpubertät vor, sieht man einen scheuen, nervösen Buben vor sich, der sich mit jeglichem Singen in Gegenwart anderer, ob der Inhalt nun himmlischer oder weltlicher Art ist, schwertut. Jetzt ist der Junge zu einem selbstbewussten Mann geworden. Er sitzt im Speisewagen der SBB, im Hals ein hartnäckiges Räuspern, die Arme verschränkt. Nur ein Arm befreit sich immer wieder aus dieser Haltung, gestikuliert, greift sich ans Kinn. Nicht an Gott zu glauben ist für Andreas Kyriacou naheliegend und vernünftig; was soll daran so interessant sein, was gibt es da womöglich Seltsames in seine Biografie reinzuinterpretieren? »Es braucht nicht unbedingt ein einschneidendes Ereignis, um gottlos zu werden«, sagt er. »Ich bin nicht Atheist, weil ich das schöner finde, sondern weil es mir ehrlicher erscheint. Die Überzeugung, selbst für das eigene Leben verantwortlich zu sein, ist aber auch ungemein befreiend – und gleichzeitig eine Verpflichtung an sich selbst, das Beste daraus zu machen.«

»Wir treten ein für einen Kosmos, in dem es mit rechten Dingen zugeht«

Bei Debatten auf TeleZüri und im Schweizer Fernsehen wirkt Kyriacou selbstsicher, und er scheut sich nicht, religiöse Gesprächspartner verbal anzugreifen. Überhaupt hält Kyriacou mit seinen Meinungen nicht hinterm Berg, ein gewisses Sendungsbewusstsein geht ihm nicht ab. In Artikeln und Blogs, auf Facebook und Twitter kommentiert er Kirchliches und Esoterisches scharfzüngig und ironisch. Er wolle aufzeigen, wo der Glauben Schaden anrichten könne, sagt er. »Der Glaube gaukelt Menschen Dinge vor, die falsch sind.«

Kyriacou belässt es aber nicht beim Debattieren und Kommentieren. Er will Ergebnisse, er will Wirkung. Atheistische Plakatkampagnen, Einmischungen in politische und gesellschaftliche Diskussionen, eine geplante Initiative gegen Kirchensteuern juristischer Personen – seit er vor drei Jahren das Präsidium der Zürcher Freidenker übernommen hat, ist Bewegung gekommen in den über 100-jährigen Verein. Kyriacous bisher wichtigstes Anliegen betrifft die Schule: In einer Arbeitsgruppe setzt er sich dafür ein, dass das im Entstehen begriffene Zürcher Fach Religion und Kultur »nicht zur religiösen Angebotspalette verkommt«. Vielmehr soll darin auch ein Dasein ohne Gott, ohne jegliche Religion, als Möglichkeit vorkommen.

Und für dieses Jahr hat Kyriacou ein Projekt angepackt, das für Freidenker-Verhältnisse so groß ist wie für Gläubige der Petersdom. Zum ersten Mal wird auf seine Initiative hin diesen Herbst ein internationaler Skeptikerkongress im deutschsprachigen Raum stattfinden. Unter dem Titel Denkfest werden Naturwissenschaftler, Philosophen, Autoren und Künstler vom 8. bis 11. September in Zürich nicht nur Gott und den Menschen als Mittelpunkt des Universums entschieden in Frage stellen, sondern auch esoterische bis scheinbar fortschrittliche Ansätze zerlegen, von der Alternativmedizin bis zu Brain-Gym. 34 Redner werden auftreten, Hunderte von Zuhörern werden erwartet.

Als Vorbild für seine Veranstaltung dient Andreas Kyriacou The Amazing Meeting (TAM), ein alljährlicher Kongress des Zauberkünstlers und Oberskeptikers James Randi. Dieser hat dem Ersten, der ein paranormales Phänomen unter streng wissenschaftlichen Bedingungen beweisen kann, eine Million Dollar versprochen. Der seit vielen Jahren offerierte Preis wurde bis heute nicht abgeholt.