Hier geht es um ein Kapitel der Schweizer Geschichte, das bis heute in seiner wahren Bedeutung nicht erzählt wird: die vielfältigen Folgen, die der Dienst im Sold fremder Mächte mit sich brachte. Diese Kriegsdienste haben alle Menschen in der Schweiz stark beeinflusst, auch die Daheimgebliebenen. Die fremden Dienste sind in diesem Sinn echte Kulturgeschichte. Eine grandiose Geschichte über den Zufluss von Wissen und Können in die Schweiz. Eine Geschichte aber auch über die Ausbeutung und die ungeheure Kultur der Gewalt. Eine Geschichte der Mächtigen, die in diesem Land als Militärunternehmer zu Reichtum und politischer Dominanz gekommen sind. Und es ist selbstverständlich auch eine Geschichte im unheimlichen Glanz der Waffen. Dennoch fehlt bis heute eine umfassende Beschreibung. Bisher haben sich meist nur Militärhistoriker damit befasst. Und so kann es nicht verwundern, dass es an einem Standardwerk fehlt – und dass auch an den Schulen ein wichtiger Teil der Geschichte unseres Landes nicht erzählt wird.

Die Schweiz ist während der militärischen Solddienste – vom 13. bis Mitte des 19. Jahrhunderts – die meiste Zeit ein rückständiges Land. Die kulturellen und wissenschaftlichen Zentren in Europa befinden sich andernorts. Der mechanische Erfindergeist, die Musik, die bildende Kunst und die Literatur blühen in Italien und in Spanien, in Holland und Frankreich, im habsburgischen Österreich. Der Kapitalismus und sein Bankenwesen werden in Florenz und Augsburg entwickelt. Das ausgeklügelte Wissen um die Verwaltung eines Staates und die Kunst der Diplomatie werden in Frankreich gelehrt, in England. Die damalige Schweiz besteht aus einem losen Verbund von selbstständigen Kleinststaaten. Diese enge, wenig begehrte Ecke in der Mitte des Alpenbogens ist bis ins 19. Jahrhundert mausarm. Die Kämpfe der Mächtigen in Europa hingegen bilden ein Feld, auf dem die Schweiz ihre kostbarste Saat ausbringt: die eigenen Kinder. Die Zeit der großen europäischen Kriege ist der Nährboden, auf dem das Schweizer Söldnerwesen gedeiht. Und die Ernte ist reich, blutreich, aber auch reich an Erkenntnis und Einkünften.

Sie hatten die »Feldlust«, die ungestüme Freude am Kriegsabenteuer

Furchterregend ist der Ruf der alpinen Kämpfer. Sie seien grimmig und stark, aber ebenso »bruuchig, roubig und ouch hochgemute«, also verschwenderisch, räuberisch und stolz, arrogant. In der Innerschweiz ist die Fehde gang und gäbe, die Blutrache üblich. Groß ist unter Männern die Bereitschaft, bei Meinungsverschiedenheiten sofort zur Waffe zu greifen. Der Dolch sitzt locker, genauso der legendäre Schweizerdegen, ein kurzes, als Hieb- und Stichwaffe geeignetes Schwert. Es herrscht ein aufgeladenes Klima der Gewalt, schnell gilt es, die Ehre zu verteidigen. Und immer wieder scharen sich Burschen und Männer zwischen 14 und 45 Jahren aus den Talschaften zusammen, um ohne jede politische Sanktion auf »Reise« zu gehen, auf Raub- und Beutezüge zu laufen. Reislaufen nennt sich das.

Zu den Gräuelgeschichten gehört, dass sich die Sieger ihre Schuhe mit dem Bauchfett der Getöteten einschmieren. Bezeugt ist das Füßeabhacken, das rituelle Verspeisen von Herzen, das Bluttrinken. Es war selbstverständlich, den Liegengebliebenen, ob tot oder nur verletzt und wehrlos, alles von Wert abzunehmen, sie zu fleddern. Im sogenannten Alten Zürichkrieg 1443 wird den Eidgenossen der Vorwurf gemacht, sie hätten den Gegner durch ihre Bekleidung irregeführt: »Die schnöden Schwizer truogend zweierlei cruezeren, hinden wis und vornen rot«, das Feldzeichen der Österreicher. Der Zürcher Chorherr und Chronist Felix Hemmerli beschreibt, was die Eidgenossen mit Zürcher Bürgermeister Stüssi anstellen: »Ein äusserst kräftiger Krieger« sei dieser Stüssi gewesen, »von auffallend schöner Gestalt, mit einem stämmigen Körper, eine herausragende Person, der wie König Saul alle überragte«. Getäuscht von den falschen Kreuzen, sei Stüssi überwältigt worden. »Und die Schwyzer rissen ihm, während er noch halb am Leben war, die Brust auf und das Herz heraus. Unter Missachtung jeder Menschlichkeit rieben sie mit seinem Fett, gleichsam wie mit der Speckschwarte von Schweinen, dann ihre Beinschienen und ihr Schuhwerk ein.«

Alle diese Gräuelgeschichten stützen den Furcht einflößenden Ruf, sie brauchen nicht immer wahr zu sein. Aber Aussicht auf Beute war die entscheidende Triebfeder zum wilden Reislaufen. Zudem wird den Schweizern damals die »Feldlust« nachgesagt, die ungestüme Freude am Kriegsabenteuer. Um 1500 fehlt es deswegen in der Heimat gar an männlichen Arbeitskräften. Was nicht zu verwundern braucht, denn es gelten elementarste ökonomische und menschliche Gesetze auf dem Arbeitsmarkt. Zum Vergleich: Um 1550 verdient ein einfacher Söldner bis zu 18 Pfund pro Monat. Ein Zürcher Erntearbeiter verdiente nur die Hälfte. Mit einem Pfund konnte damals ungefähr ein Viertel eines Mütt (altes Hohlmaß) Weizen gekauft werden, was knapp zehn Kilogramm entspricht. Um 1700 gleichen sich dann die Monatslöhne der Söldner und die der daheimgebliebenen Handwerker an. Nicht untersucht ist bisher, ob junge Männer durch das Heimbringen reicher Beute auch ihre materielle Heiratsfähigkeit erwerben konnten. Der Basler Historiker Werner Meyer vermutet: »Bis zur Reformationszeit muss das Volkseinkommen zu einem ansehnlichen Teil aus den Einnahmen aus dem Reislauf, aus ordentlichen Soldzahlungen sowie aus Plünderungen gestammt haben.«