Das Klopfen ist leise, kaum hörbar zunächst, vorne an der Tür, dem letzten Schutz vor dem Schrecken da draußen. Faten steht in der Küche, räumt Geschirr ein, erstarrt dabei. Lauscht. Ahmed, ihr Mann, sitzt im Sessel und sieht fern. Er schaltet auf lautlos, legt den Kopf schief. »Scheiße«, sagt er. Das Klopfen steigert sich, wird hart und drängend. Durch die Wohnung hallen dumpfe, laute Schläge. »Scheiße«, wiederholt Ahmed und reißt sich aus dem Sessel. »Wer ist das?« Er hastet mit vier, fünf Schritten an die zugezogene Gardine, hält den Kopf nah an den Stoff, um hindurchsehen zu können. Blickt aus dem Fenster zur Straße, dann aus dem Fenster zum Nachbarn, dann aus dem Fenster zum Hof. Faten steht am Türspion, fahrig, aufgeregt, zögert einen Moment, hindurchzuschauen. Da wird es still. »Ich sehe niemanden«, flüstert Faten mit einer Stimme knapp vor der Panik. Faten, die der Familie stets ein Ruhepol sein will, die sonst mit herbem Humor alle Gefahr wegzulachen versucht. Ahmed tritt zu ihr, sieht ihr kurz in die Augen, fasst sie an den Schultern und öffnet die Tür.

Den ganzen Morgen haben sie in Homs, der drittgrößten Stadt Syriens, Dutzende Menschen aus ihren Wohnungen gezerrt. Keiner weiß, wie viele. Bewaffnete Geheimpolizisten gehen von Tür zu Tür. Immer wieder durchschneiden Schussgarben die Stille in den Straßen. Als Ahmed jetzt vors Haus tritt, mit geradem Rücken, um bloß keine Angst zu zeigen, wie der Mittfünfziger immer sagt – »das riechen die«, sagt er, »darauf sind die gedrillt« –, da flüchte ich, der Besucher aus dem Ausland, in den hinteren Teil der Wohnung. Das Haus von Ahmed und Faten ist mein Versteck. Im Familienrat haben sie diskutiert und beschlossen, für mich alles aufs Spiel zu setzen, die Freiheit und ihr Leben – damit diese Reportage geschrieben werden kann. »Ihr müsst berichten!«, hatte Ahmed gesagt. »Die Welt muss erfahren, was in unserer Stadt passiert!«

Die syrische Revolution ist der überraschendste aller arabischen Aufstände. Zu fest, dachte man auch im Ausland, sitzt Baschar al-Assad im Netz seiner zwei Dutzend miteinander konkurrierenden Geheimdienste. Mit brachialer Gewalt geht er seit einem halben Jahr gegen Demonstranten vor. Panzer schießen auf Zivilisten , Kriegsschiffe auf Städte. Doch die Brutalität erreichte bisher nur das Gegenteil von dem, was Assad wollte: Die Proteste weiten sich aus, sie streuen ins ganze Land und erfassen immer mehr Menschen. Das Regime hat seit Beginn der Unruhen die Grenzen für die ausländische Presse abgeriegelt, es will keine Zeugen. Offiziell gibt es derzeit keinen einzigen unabhängigen Korrespondenten im Land. Zu gut weiß Assad, der einstige Augenarzt, um die Macht der Bilder. Er weiß, dass internationale Medien nur berichten, was sie zeigen können. Lässt sich nichts zeigen, wird meist auch nicht viel berichtet. Die Welt kann Syrien seither nur noch unscharf sehen, verwackelt und grob gepixelt. Die Handyfotos der Demonstranten aus Damaskus und Homs wirken so weit entfernt wie die Aufnahmen, die Nasa-Roboter vom Mars zur Erde funken. Als sei Syrien aus der Welt gefallen.

Die Kinder sind Experten im Unterscheiden von Panzern geworden

Ich lege meinen Notizblock in das Bücherregal der Familie, er ist als Bibel getarnt, um ihn vor Beschlagnahmung zu schützen. Ich spüre meinen Herzschlag bis zum Hals. Ahmed läuft ums Haus, kommt wieder herein. Er ist unschlüssig. »Der Junge von nebenan vielleicht?«, sagt er zu Faten. Noch eine Weile schauen sie angestrengt durch die weißen Vorhänge, dann stellt Ahmed den Ton des Fernsehers wieder an, Faten wendet sich erneut der Küche zu. Sie klammern sich an jedes Stück Normalität, das ihnen geblieben ist in Homs.

Die Stadt ist ein bedeutendes Wirtschaftszentrum Syriens, zwei Millionen Einwohner, aufstrebend, mit einer Ölraffinerie, umgeben von Industriegebieten. Ein Profiteur der vorsichtigen ökonomischen Öffnung des Landes, die Baschar al-Assad seit zehn Jahren betreibt. Doch in Homs haben die Dinge jetzt ihre alte Bedeutung verloren. Straßen sind Schussbahnen geworden, Schulen sind Gefängnisse. Auf den Kreuzungen stehen Panzer, schlafende Riesen, deren Typenkennzeichen sich die Kinder gegenseitig aufsagen: T-60, T-62, T-72. Hin und wieder feuern sie in die Häuser.

Die Stadt ist zum Schlachtfeld geworden. Die meisten Geschäfte haben geschlossen, viele Einwohner sind geflohen , nach Damaskus, nach Aleppo, ins Ausland, wenn sie konnten. Trotzdem protestieren die Menschen noch in Massen, eine halbe Million an manchen Tagen. Die Nachbarschaften der Innenstadt, sunnitisch, arm, Zentren des Aufstandes, haben ihre Gassen verbarrikadiert. Sie legten Strommasten quer und verkeilten Müllcontainer in ihnen. Wie zufällig am Straßenrand geparkt, riegeln Privatwagen im Notfall die Fahrbahnen ab. Wieder und wieder versucht die Armee, in die Viertel einzufallen. Nachts zeichnen Geschosse am Himmel rote Bahnen.

»Möchte noch jemand Eiscreme?«, fragt Faten in einem Anflug von Heiterkeit in die Runde, als abends alle am Esstisch sitzen. Ihre Söhne lachen und halten ihr die Porzellanschalen entgegen. Der zwölfjährige Emrad mit den Pausbacken. Und der 25-jährige Mazen, der sich so verändert hat in den Monaten, seit die Proteste in Syrien begannen. Mazen ist meist in der vordersten Reihe, schwer kann er sich zügeln, sein berstendes Temperament. Die Eltern versuchen, ihn zurückzuhalten, doch sogar seinen Freunden fällt es schwer, ihn auf den Protestzügen zu beruhigen. Mazen hat Polizisten verprügelt und Scharfschützen vom Dach gestoßen. Zwölf seiner Freunde starben in den letzten Wochen, allein acht in den vergangenen Tagen. »Neulich stand er mit blutigem T-Shirt in der Küche«, sagt Faten, »weil er einen Verletzten von der Straße gezogen hatte.«