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Der Untersuchungsausschuss der Universität Marburg war sich rasch einig: Dieser Doktortitel gehört aberkannt. Die Doktorandin hatte das erste Drittel ihrer Dissertation wörtlich abgeschrieben. Selbst Grammatikfehler und falsche Kommata hatte die angehende Orthopädin aus einer anderen Promotionsschrift übernommen – ohne Quellenangabe. Nur Abbildungen und Tabellen fielen blasser aus als im Original; sie hatten beim Kopieren an Glanz verloren.

Ein Patient, der im Internet nach einer geeigneten Behandlungsmethode für sein kaputtes Knie fahndete, war per Zufall auf den Wissenschaftsbetrug gestoßen und hatte ihn gemeldet. Doch als die Marburger Mediziner ihre ehemalige Studentin um Stellungnahme baten, trafen sie auf kein Schuldbewusstsein. Stattdessen zeigte sich die Promovierte geradezu ungehalten. Ja, sie habe die ersten zwanzig Seiten ihrer akademischen Arbeit wörtlich kopiert, ließ sie wissen. Was sei daran so schlimm? Die übernommenen Informationen könne man doch in jedem Lehrbuch finden.

Hakt man bei der Ertappten telefonisch nach, springt der Ehemann, ebenfalls Mediziner, seiner Frau bei: "Die Einleitungskapitel einer Doktorarbeit sagen doch nichts über deren Qualität aus. Die sind in der Regel gar nicht notenrelevant." Der Mann sollte es besser wissen: Er betreut als habilitierter Privatdozent an einer nordrhein-westfälischen Klinik selbst Dissertationen.

Da ist er wieder, der Dr. med. Dünnbrettbohrer. Keine andere Promotion leidet in der Wissenschaft unter einem so schlechten Ruf wie die medizinische. Meist zu Recht, denn der deutsche Doktortitel der Heilkunst ist akademische Massenware . Rund 7.700 Doktorgrade vergaben die medizinischen Fakultäten im Jahr 2009. Sie kamen damit auf ebenso viele Titel wie sämtliche Juristen, Ingenieure, Geistes- und Wirtschaftswissenschaftler zusammen. Zwei Drittel aller künftigen Ärzte promovieren, mehr Doktoren finden sich nur unter den Chemikern. Doch während Letztere – wie in allen anderen Fächern auch – ihr wissenschaftliches Gesellenstück nach dem Examen anfertigen, beginnen rund neunzig Prozent der Mediziner ihre Dissertation im Studium, viele bereits im fünften oder sechsten Semester.

Sie brauchen dafür auch weit weniger Zeit. Historiker, Physiker oder Soziologen verbringen rund drei Jahre in Bibliothek, Labor und Schreibstube. Ärzte dagegen erwerben ihre Doktorehre im Schnitt in zwölf Monaten, oft als Auftragsforschung für den Professor. Das Ergebnis entspricht vom Umfang und Thema her meist einer – schmalen – Diplomarbeit in den Naturwissenschaften. Viel Zeit zum Lesen haben die Professoren ohnehin nicht: Ein Hochschullehrer in der Medizin betreut laut Statistischem Bundesamt fünfmal so viele Dissertationen wie ein Geisteswissenschaftler.

Dass gerade den Ärzten in der Bevölkerung eine besondere wissenschaftliche Expertise zugesprochen wird ("Herr Doktor!"), erscheint anderen Disziplinen deshalb als schlechter Witz. Hier gelten die Mediziner – promovierte wie habilitierte – oft als Flachforscher, die sich eher für die schmückenden Buchstaben vor dem Namen als für den Wissensfortschritt interessieren.

Der Wissenschaftsrat sprach in seiner Expertise zur Universitätsmedizin 2004 von der medizinischen Promotion als "Pro-forma-Forschung", deren Erkenntnisgewinn "fragwürdig" sei. Die Verleihung des Doktorgrads erfolge in Deutschland "weitgehend unabhängig von der Qualität der Promotionsleistungen" . Selbst unter Medizinern zweifelt man am Wert der akademischen Nachwuchswerke. Die Doktorarbeiten entsprechen bis heute "oft nicht den wissenschaftlichen Standards", sagt Ulrike Beisiegel, Präsidentin der Universität Göttingen und langjährige Professorin am Klinikum Hamburg-Eppendorf.