MedizinerFlachforscher

Medizinische Doktorarbeiten haben in der Wissenschaft einen besonders schlechten Ruf – leider zu Recht. Jetzt reagieren die Universitäten. von 

Arzt

© Patrick Pleul/dpa

Der Untersuchungsausschuss der Universität Marburg war sich rasch einig: Dieser Doktortitel gehört aberkannt. Die Doktorandin hatte das erste Drittel ihrer Dissertation wörtlich abgeschrieben. Selbst Grammatikfehler und falsche Kommata hatte die angehende Orthopädin aus einer anderen Promotionsschrift übernommen – ohne Quellenangabe. Nur Abbildungen und Tabellen fielen blasser aus als im Original; sie hatten beim Kopieren an Glanz verloren.

Ein Patient, der im Internet nach einer geeigneten Behandlungsmethode für sein kaputtes Knie fahndete, war per Zufall auf den Wissenschaftsbetrug gestoßen und hatte ihn gemeldet. Doch als die Marburger Mediziner ihre ehemalige Studentin um Stellungnahme baten, trafen sie auf kein Schuldbewusstsein. Stattdessen zeigte sich die Promovierte geradezu ungehalten. Ja, sie habe die ersten zwanzig Seiten ihrer akademischen Arbeit wörtlich kopiert, ließ sie wissen. Was sei daran so schlimm? Die übernommenen Informationen könne man doch in jedem Lehrbuch finden.

Anzeige

Hakt man bei der Ertappten telefonisch nach, springt der Ehemann, ebenfalls Mediziner, seiner Frau bei: "Die Einleitungskapitel einer Doktorarbeit sagen doch nichts über deren Qualität aus. Die sind in der Regel gar nicht notenrelevant." Der Mann sollte es besser wissen: Er betreut als habilitierter Privatdozent an einer nordrhein-westfälischen Klinik selbst Dissertationen.

Da ist er wieder, der Dr. med. Dünnbrettbohrer. Keine andere Promotion leidet in der Wissenschaft unter einem so schlechten Ruf wie die medizinische. Meist zu Recht, denn der deutsche Doktortitel der Heilkunst ist akademische Massenware . Rund 7.700 Doktorgrade vergaben die medizinischen Fakultäten im Jahr 2009. Sie kamen damit auf ebenso viele Titel wie sämtliche Juristen, Ingenieure, Geistes- und Wirtschaftswissenschaftler zusammen. Zwei Drittel aller künftigen Ärzte promovieren, mehr Doktoren finden sich nur unter den Chemikern. Doch während Letztere – wie in allen anderen Fächern auch – ihr wissenschaftliches Gesellenstück nach dem Examen anfertigen, beginnen rund neunzig Prozent der Mediziner ihre Dissertation im Studium, viele bereits im fünften oder sechsten Semester.

Sie brauchen dafür auch weit weniger Zeit. Historiker, Physiker oder Soziologen verbringen rund drei Jahre in Bibliothek, Labor und Schreibstube. Ärzte dagegen erwerben ihre Doktorehre im Schnitt in zwölf Monaten, oft als Auftragsforschung für den Professor. Das Ergebnis entspricht vom Umfang und Thema her meist einer – schmalen – Diplomarbeit in den Naturwissenschaften. Viel Zeit zum Lesen haben die Professoren ohnehin nicht: Ein Hochschullehrer in der Medizin betreut laut Statistischem Bundesamt fünfmal so viele Dissertationen wie ein Geisteswissenschaftler.

Dass gerade den Ärzten in der Bevölkerung eine besondere wissenschaftliche Expertise zugesprochen wird ("Herr Doktor!"), erscheint anderen Disziplinen deshalb als schlechter Witz. Hier gelten die Mediziner – promovierte wie habilitierte – oft als Flachforscher, die sich eher für die schmückenden Buchstaben vor dem Namen als für den Wissensfortschritt interessieren.

Der Wissenschaftsrat sprach in seiner Expertise zur Universitätsmedizin 2004 von der medizinischen Promotion als "Pro-forma-Forschung", deren Erkenntnisgewinn "fragwürdig" sei. Die Verleihung des Doktorgrads erfolge in Deutschland "weitgehend unabhängig von der Qualität der Promotionsleistungen" . Selbst unter Medizinern zweifelt man am Wert der akademischen Nachwuchswerke. Die Doktorarbeiten entsprechen bis heute "oft nicht den wissenschaftlichen Standards", sagt Ulrike Beisiegel, Präsidentin der Universität Göttingen und langjährige Professorin am Klinikum Hamburg-Eppendorf.

Leserkommentare
  1. Ich habe großen Respekt vor der Fähigkeit von Medizinstudenten, ganze Fachbücher in der Nacht vor der Prüfung auswendig zu lernen.

    Aber mir bekannten Physikern war es immer ein Greul, das Physik-Praktikum von Medizinstudenten zu betreuen - die mathematische Kompetenz ging da oft gegen Null, und es gab sogar schon Fälle, wo ein solcher Student von einer Bruchrechnung (!) überfordert war.

    Und wenn man von Mathematik keine Ahnung hat, dann kann man auch keine sinnvollen medizinischen Forschungen durchführen - dafür braucht man mindestens ein paar elementare Statistikkenntnisse...

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Meinem Zahnarzt und meinem Orthopäden streite ich auch jede mathematischen Fähigkeiten ab, aber einen so guten Zahnarzt und Orthopäden findet man nur ganz selten.
    Die meisten Mediziner wollen Patienten, die sie vor sich haben, helfen. Wer dann noch Einfühlungsvermögen und keinen Drang nach finanziellen Reichtum hat, ist mir lieber als einen mathematisch begabten Arzt.

    Einmal davon abgesehen, dass ein Medizinstudent beinahe vollständig ohne Mathematikkenntnisse auskommt, finde ich, dass es nur rechtmäßig ist, dass Mediziner einen leichteren Zugang zum Doktortitel bekommen. Der Grund dafür kann allerdings auch als größter Kritikpunkt angesehen werden: Jeder bezeichnet einen Arzt als "Herrn/ Frau Doktor" - ein Mediziner honen einen Doktortitel wird oft als minderqualifiziert eingestuft. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass viele angehende Ärzte gerne einen solchen erwerben möchten.
    Wenn in der Bevölkerung dahingehend kein Umdenken zustande kommt, wird sich auch so schnell nichts daran ändern, dass beinahe jeder Arzt einen Doktor haben will, einfach, weil es ihm erwartet wird.
    Um jetzt nicht falsch verstanden zu werden: ich finde es nicht erstrebenswert einen Dr. med. zu erlangen, der eigentlich prestigelos ist und auch nicht über meine fachliche Qualifikation aussagt. Ein Doktortitel ist nämlich KEIN Indikator für Fachwissen, sondern dafür, dass man sich wissenschaftlich ein Thema bearbeiten kann. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger!

  2. Meinem Zahnarzt und meinem Orthopäden streite ich auch jede mathematischen Fähigkeiten ab, aber einen so guten Zahnarzt und Orthopäden findet man nur ganz selten.
    Die meisten Mediziner wollen Patienten, die sie vor sich haben, helfen. Wer dann noch Einfühlungsvermögen und keinen Drang nach finanziellen Reichtum hat, ist mir lieber als einen mathematisch begabten Arzt.

    Antwort auf "Medizinstudenten"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Habe ich ja auch kein Problem damit, wenn ein Arzt keine mathematischen Befähigungen hat. Aber solche Leute brauchen dann eigentlich auch nicht promovieren - eine Promotion soll ja schliesslich eigene Forschungsarbeiten darstellen.

    • undee
    • 29. August 2011 11:22 Uhr

    Mein Hausarzt ist nicht promoviert. Er wird nie eine akademische Karriere machen. Aber das werden die meisten Dünnbrettpromovierten auch nicht.
    Natürlich gibt es auch ernstzunehmende Promotionen in Medizin. Die erkennt man in der Regel an der Note. Und die können dann auch mal so lange dauern wie eine richtige Promotion.

    • AnkeS
    • 03. September 2011 20:39 Uhr

    Eine gute Dissertation bzw. eine ausreichende und gute Qualifizierung durch die Anfertigung der Dissertation erkennt man in Deutschland sicher nicht mehr an der Note. Siehe hierzu auch:
    http://www.zeit.de/2011/1...

  3. Die Diskussion über die Qualität medizinischer Doktortitel ist seit langem überfällig. Ich habe in Naturwissenschaft promoviert und da muss man mindestens drei Jahre seines Lebens für den "Dr." opfern. Bei uns haben wir über die Mediziner nur gespottet - oder waren neidisch, denn einen Doktortitel, den man quasi "auf dem Weg zum Klo" nebenher mit erhält, hätten wir alle gern gehabt. Ein Dr. in Medizin ist in Fachkreisen eher eine Lachnummer als ein ernstgemeinter Titel.

    Somit war die Plagiierei von Herrn Guttenberg am Ende doch zu was gut. Wenn sich tatsächlich bei den Medizinern die Praxis jetzt ändert und die endlich auch mal was für ihren Doktorhut tun müssen, sollte man ihm vielleicht für besondere Verdienste um die Wissenschaft einen Ehrendoktor verleihen. Er hätte ihn dann auch redlich verdient, denn er hätte mehr bewirkt, als Legionen von Gutachtern vor ihm.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Erwähnung von zu Guttenberg relativiert die Qualität der medizinischen Promotionen. Der Fall zeigt eher, dass die mangelnde Qualität nun wirklich nicht nur auf die Medizin beschränkt ist!

  4. Habe ich ja auch kein Problem damit, wenn ein Arzt keine mathematischen Befähigungen hat. Aber solche Leute brauchen dann eigentlich auch nicht promovieren - eine Promotion soll ja schliesslich eigene Forschungsarbeiten darstellen.

    Antwort auf "Fähigkeiten"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Interessant was hier alles als Promotionsvoraussetzung angeführt wird. Gilt dies auch für andere Promotionen, wie zum Beispiel im Fachbereich Jura, Politikwissenschaft, Religionswissenchaft, etc.?
    Der "Dr." Titel wird in Deutschland hoffnungslos überbewertet.

  5. Menge von Doktorarbeiten in Medizin und Zahnmedizin vielleicht einmal angegangen.

    Wer sich je mit diesen "Werken" befasste, weiß, dass ein großer Teil davon nicht das Papier wert ist, auf dem sie gedruckt sind.

    Hoffentlich ändert sich da etwas.

  6. haben ja, wie im Artikel zu lesen sowieso schon sechseinhalb Jahre Ausbildung mit zusätzlichen 4-5 Jahren Facharztweiterbildung. Nun auch noch die Promotion daran hängen zu müssen wäre der absolute Wahnsinn. Jedoch qualitätsmäßig was zu tun erachte ich als sinnvoll. Es würde schon helfen, wenn die Promotion mit einer Publikation verbunden sein müsste!

    via ZEIT ONLINE plus App

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • KFlash
    • 29. August 2011 11:54 Uhr

    Niemand hat einen Anspruch auf einen "Dr"
    Ein "Dr." ist eine Auszeichnung für einen wissenschaftlichen Beitrag. Eine Leistung die über das übliche hinausgeht.
    Er ist keine Belohnung für langes Durchhalten.

    Wenn man dies in der Medizin genauso halten würde wie in den anderen Fächern, dann wäre der Dr.med. keine Lachnummer sondern der höchst geachtetste Dr. Denn er würde den höchsten Aufwand, die höchste Leistung darstellen.
    Tut er aber nicht.

    zu promovieren! Wenn Sie den Aufwand scheuen (was ich im Anbetracht Ihres Studiums gut verstehen kann), dann steht es Ihnen frei, auf die Promotion zu verzichten.

    Darum sollte es in einer Reform gehen: die, die wissenschaftlich interessiert sind, werden auch weiterhin promovieren. Aber diejenigen, die "bloß" den Doktor wollen (fürs Praxisschild", werden es sich evtl. überlegen. Für die wissenschaftliche Substanz in der Medizin wäre das sicherlich besser.

    • kaskade
    • 29. August 2011 16:02 Uhr

    Zu der Facharztausbildung von vier bis fünf Jahren:
    Sie sind nicht dazu verpflichtet, sich zum Facharzt ausbilden zu lassen, sie können auch versuchen mit Privatversicherten ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Eine abgeschlossene Facharztausbildung benötigen sie nur um auch gesetzlich Krankenversicherte behandeln zu dürfen. Außerdem sollten sie bedenken, sie verdienen während ihrer Facharztausbildung schon sehr viel, nach dem was ich gelesen habe 2000€ netto/Monat in einem öffentlichen Krankenhaus. Davon wage ich als bald angehender Diplom-Informatiker nicht einmal zu träumen, zumindestens hier im Osten Deutschlands nicht.

    Und zum eigtl. Thema, die Promotion: Sie haben kein Recht darauf, Dr. med zu sein. Und nebenbei bemerkt, wir Deutschen sollten doch mal unsere Titelgeilheit überdenken.

    "Nun auch noch die Promotion daran hängen zu müssen wäre der absolute Wahnsinn."

    Ist ja nicht nötig. In anderen Fächern sind auch nicht alle "Herr Doktor". Wer Wert darauf legt, kann ja 3-5 Jahre investieren. Auch Lehrer haben samt Referendariat 6-7 Jahre Ausbildung. Fragt da einer nach dem "Dr."?

    • undee
    • 29. August 2011 11:22 Uhr

    Mein Hausarzt ist nicht promoviert. Er wird nie eine akademische Karriere machen. Aber das werden die meisten Dünnbrettpromovierten auch nicht.
    Natürlich gibt es auch ernstzunehmende Promotionen in Medizin. Die erkennt man in der Regel an der Note. Und die können dann auch mal so lange dauern wie eine richtige Promotion.

    Antwort auf "Fähigkeiten"
  7. ... der endlich einmal ein wirkliches Problem anspricht.

    Die Medizinische Promotion ist oft gesagt ein Witz. Oft gibt es Titel für zweit oder drittauswertungen von Datensätzen, die in ganz anderem zusammenhang erhoben wurden, und die Interpretation der Daten wird dann noch vom Betreuer vorgenommen. Hierdurch werden die wenigen ernsthaften Promotionen von angehenden Medizinern jedoch abgewertet.
    Die Publikation in einem Fachmagazin ist ein schwieriges Kriterium, da es zwar für eine gewisse Qualität steht, durch das System, das lediglich Positivergebnisse publizierbar sind nicht auszuschließen ist, dass ein Doktorand, der nicht publizieren konnte "gute" Forschungsarbeit betrieben hat. Der Titel sollte aber genau das Aussagen: Das Selbstständige und wissenschaftliche Auseinandersetzen mit einem Thema.

    Ein weiteres Problem liegt in der Sicht der "normalen" Bevölkerung auf Ärzte. Es ist vielen, besonders älteren Patienten schwer zu vermittel, dass der behandelnde Arzt eben kein Doktor ist, sondern "lediglich" ein Arzt. Auch wird der Titel schnell mit Qualität der medizinischen versorgung in Verbindung gebracht, wobei diese Korrelation nicht immer vorhanden sein muss.

    Die Lösung des Problems liegt wohl wirklich, wie im Artikel beschrieben, in einer Umstellung auf das angloamerikanische System, mit einem MD Titel zum Abschluss, und einem PH.D. für erbrachte Forschungsleistung. Diese Umstellung würde auch vielen Medizinern helfen, welche im Ausland forschen wollen.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Mediziner | Wissenschaftsrat | Arzt | Dissertation | Doktorarbeit | Doktortitel
Service