Weimarer Republik Diese Straße wird es nie geben

... zumindest nicht in Berlin: Warum die Hauptstadt nicht an den Reichsfinanzminister Matthias Erzberger erinnern will.

Matthias Erzberger im Jahr 1912.

Matthias Erzberger im Jahr 1912.

An diesem Freitag vor 90 Jahren fiel Matthias Erzberger dem ersten Fememord der Weimarer Republik zum Opfer, der bedeutende Parlamentarier und Reichsfinanzminister, dem auferlegt wurde, im November 1918 den Waffenstillstand im Wald von Compiègne zu unterzeichnen, der die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs beendete (ZEIT Nr. 34/11). Doch nirgendwo im Berliner Straßenbild findet sich eine Erinnerung an ihn, einen der Gründungsväter der ersten deutschen Republik. Und das, obwohl seit mehr als zehn Jahren immer wieder auf diesen peinlichen Mangel hingewiesen wurde. Die Verweigerung dieser Erinnerung in der Hauptstadt stellt für sich genommen eine groteske Provinzialität dar.

Als die Evangelische Akademie zu Berlin ihre Arbeit am Gendarmenmarkt aufnahm, setzte ich als Gründungspräsident eine erste Vortragsreihe unter dem Titel »Profile des Parlaments« aufs Programm, in deren Verlauf der vier großen Toten der Weimarer Republik gedacht wurde – Walter Rathenau, Gustav Stresemann, Friedrich Ebert und Matthias Erzberger. Als Redner für Erzberger gewannen wir Heiner Geißler. Wir beide fanden es empörend, dass in Berlin von diesen vier Persönlichkeiten nur an Erzberger schlechterdings nichts erinnert, und schrieben im Mai 2000 gemeinsam einen Brief an den damaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen. Nach einer Weile antwortete der Chef der Senatskanzlei: Straßenbenennungen seien nicht Sache des Senats, sondern der Bezirke. Der Bezirk Mitte habe aber beschlossen, erst dann wieder Männer durch Straßennamen zu ehren, wenn entsprechend viele Frauen im Stadtbild verewigt seien.

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Ein weiterer Brief an die private Ernst Freiberger-Stiftung, die am Spreeufer in der unmittelbaren Nähe des Bundesinnenministeriums Denkmäler errichtete, fand gleich gar keine Antwort. Unterdessen wurde 2006 ein Teil der (Kreuzberger) Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt. Von einer höheren Frauenquote bei den Straßennamen ist bisher so oder so nichts vermeldet worden.

Inzwischen hat seit 2000 die Regierung in Berlin mehrmals gewechselt. Eine vorsichtige telefonische Anfrage beim Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz brachte außer persönlichem Wohlwollen nur den Hinweis auf die Zuständigkeit der Bezirke: Der Bezirk Berlin-Mitte habe jedoch... (siehe oben). Aber wie sei es dann dennoch gelungen, für den verdienten Kunstmäzen James Simon, dem Berlin nicht zuletzt die Nofretete verdankt, 2007 einen James-Simon-Park zu schaffen, gleich bei der Museumsinsel? Ja, das sei etwas anderes – dieses Stückchen Wiese gehöre nämlich dem Senat selber, da könne er schalten und walten. Bei einer Straße sei das... (s.o.). Dennoch rühmte sich die Bezirksversammlung von Berlin-Mitte dieser Großtat.

Im Vorfeld des 90. Jahrestags der Ermordung Erzbergers nun also ein neuerlicher gemeinsamer Brief, zusammen mit dem Staatsminister a.D. Christoph Palmer, der sich in Baden-Württemberg sowohl um die Stauffenberg-Erinnerungsstätte in Stuttgart als auch um das eindringliche Museum in Erzbergers Geburtshaus in Buttenhausen verdient gemacht hat – gerichtet sowohl an den Kulturstaatssekretär André Schmitz (Antwort: s.o.) als auch an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Der immerhin reagierte alsbald im Rahmen seiner Möglichkeiten: Am Freitag wird auf seine Anordnung hin der Festsaal des Finanzministeriums in Matthias-Erzberger-Saal umbenannt. Am Abend des Tages wird Schäuble zudem an einer Gedenkveranstaltung in Bad Griesbach, dem Todesort Erzbergers, teilnehmen. Und am 7. September wird die Deutsche Nationalstiftung in einer weiteren Gedenkveranstaltung an Erzberger erinnern.

Die ehemalige Reichs- und heutige Bundeshauptstadt Berlin aber zeigt sich in ihrem öffentlichen Erscheinungsbild so indolent und provinziell wie eh und je – und das gegenüber einem Opfergänger der ersten Republik, wie es keinen anderen gab, und einem Reichsfinanzminister, dem wir die bis heute maßgebliche fiskalische Grundordnung unseres Staates verdanken. Vielleicht setzen sich ja Bundesregierung, Senat und Bezirke einmal zusammen, um diesem Skandal wenigstens bis zum 100. Todestag ein Ende zu bereiten.

 
Leser-Kommentare
  1. sind Truthähne ohne Geschmack und Herz; was ihnen Spaß macht, sind Laterna magica-Bilder und Plattheiten.

    Das Schöne liegt ihnen fern; die Verse Racines lassen sie kalt und ein Hanswurst, der ihnen den Hintern zeigt, dünkt ihnen erhabener als die "Äneis" und die "Henriade".

    Ich weiß nicht, was ich dabei tun soll, aber es ist tatsächlich so.

    Vielleicht wird dieser allgemeine Mangel an Geschmack durch höhere Bildung mit der Zeit verschwinden. Bei meinem Alter werde ich diesen glücklichen Wandel nicht mehr erleben; ein Volk läßt sich nicht im Handumdrehen bilden.

    Friedrich II. (an seinen Bruder Heinrich)

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    • essilu
    • 28.08.2011 um 21:49 Uhr

    ...ach schön, "Mike Oscar", wie Sie es zitieren. So wahr...bedauerlicherweise.
    Aber...eine Currywurstbude wirbt für sich mit "Yes we can", wie ich jüngst entdeckte...
    "Sexy", nicht?

    • essilu
    • 28.08.2011 um 21:49 Uhr

    ...ach schön, "Mike Oscar", wie Sie es zitieren. So wahr...bedauerlicherweise.
    Aber...eine Currywurstbude wirbt für sich mit "Yes we can", wie ich jüngst entdeckte...
    "Sexy", nicht?

  2. Nehmt doch erst mal einen Baum oder einen Stein.

    Und geht uns Berlinern nich auf'n Keks, ihr geschichtsversessenen Eliteschüler.

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    • sabbat
    • 28.08.2011 um 23:25 Uhr

    Sie sind doch nicht "Berlin". Berlin ist Bundeshauptstadt und deshalb Repräsentant des ganzen Landes und seiner Geschichte.
    Erzberger hat großen Verdienst an der Weimarer Republik und wurde von Nationalisten ermordet, die wenige Jahre nach seiner Hinrichtung am Aufbau des Naziregimes beteiligt waren. Was darauf folgte, sollten sie vielleicht wissen.
    Man begeht einen großen Fehler, dies in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch wenn es "nur" ein Straßenname ist, so ist es trotzdem eine Erinnerung im öffentlichen Raum.
    Ich glaube kaum, dass dies etwas mit Geschichtsversessenheit zu tun hat.
    Sie wirken übrigens versessen. Und welchen Eliteschüler meinen Sie eigentlich?

    "Hansapils-Platz" oder "Prollweg"? "Rülpserallee" wäre auch noch frei... Vielleicht muss man euch "Truthähnen" (s. kommentar 1) einfach ein bischen auf die Sprünge helfen.

    • sabbat
    • 28.08.2011 um 23:25 Uhr

    Sie sind doch nicht "Berlin". Berlin ist Bundeshauptstadt und deshalb Repräsentant des ganzen Landes und seiner Geschichte.
    Erzberger hat großen Verdienst an der Weimarer Republik und wurde von Nationalisten ermordet, die wenige Jahre nach seiner Hinrichtung am Aufbau des Naziregimes beteiligt waren. Was darauf folgte, sollten sie vielleicht wissen.
    Man begeht einen großen Fehler, dies in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch wenn es "nur" ein Straßenname ist, so ist es trotzdem eine Erinnerung im öffentlichen Raum.
    Ich glaube kaum, dass dies etwas mit Geschichtsversessenheit zu tun hat.
    Sie wirken übrigens versessen. Und welchen Eliteschüler meinen Sie eigentlich?

    "Hansapils-Platz" oder "Prollweg"? "Rülpserallee" wäre auch noch frei... Vielleicht muss man euch "Truthähnen" (s. kommentar 1) einfach ein bischen auf die Sprünge helfen.

  3. Der alte Fritz trifft heute wie gestern den Nagel auf den Kopf.

    Berlin ist sowieso völlig überbewertet. Jaja, der neue glanzvolle Komet am europäischen Firmament, der sich in die Riege der Welthauptstädte wie New York, Paris und London einreiht. Blabla...
    [...]

    Schade, aber Deutschland wird nie ein Paris, London oder Rom haben. Und der alte Fritz wird auch in 100 Jahren noch recht haben.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie einem sachlichen Diskussionsstil treu. Danke. Die Redaktion/vn

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    • Aethon
    • 28.08.2011 um 20:36 Uhr

    Da scheint ja jemand einen ziemlich großen Minderwertigkeitskomplex bewältigen zu müssen. Wenn Sie Ihre Hasstirade beendet haben, können Sie sich ja mal über Zweierlei Gedanken machen:

    Wie viele der Berliner Probleme sind selbstverschuldet?
    (Man denke an die Abwanderung Berliner Unternehmen in Folge des 2. Weltkrieges und der deutschen Teilung und ähnliche Resultate des Daseins als Spielplatz der Weltgeschichte)

    Gibt es irgendeine andere Stadt in Deutschland, die auch nur einen Hauch von Metropole hat? Sicher ist Berlin nicht mit London und Paris zu vergleichen, aber eben mehr als vermutlich jede andere deutsche Stadt.

    Persönlich kann ich Berlin auch nicht viel abgewinnen.
    Allerdings kenne ich viele In- und Ausländer die Berlin unwahrscheinlich mögen.
    Das man aber Gebäude, Städte, Enrichtungen, Personen etc. seines Landes mit internationaler Strahlkraft über das Maß niedermacht, liegt wohl in der Natur vieler Menschen. Nicht nur in Deutschland.

    Zum Glück gilt ja hier die Meinungsfreiheit.

    • Aethon
    • 28.08.2011 um 20:36 Uhr

    Da scheint ja jemand einen ziemlich großen Minderwertigkeitskomplex bewältigen zu müssen. Wenn Sie Ihre Hasstirade beendet haben, können Sie sich ja mal über Zweierlei Gedanken machen:

    Wie viele der Berliner Probleme sind selbstverschuldet?
    (Man denke an die Abwanderung Berliner Unternehmen in Folge des 2. Weltkrieges und der deutschen Teilung und ähnliche Resultate des Daseins als Spielplatz der Weltgeschichte)

    Gibt es irgendeine andere Stadt in Deutschland, die auch nur einen Hauch von Metropole hat? Sicher ist Berlin nicht mit London und Paris zu vergleichen, aber eben mehr als vermutlich jede andere deutsche Stadt.

    Persönlich kann ich Berlin auch nicht viel abgewinnen.
    Allerdings kenne ich viele In- und Ausländer die Berlin unwahrscheinlich mögen.
    Das man aber Gebäude, Städte, Enrichtungen, Personen etc. seines Landes mit internationaler Strahlkraft über das Maß niedermacht, liegt wohl in der Natur vieler Menschen. Nicht nur in Deutschland.

    Zum Glück gilt ja hier die Meinungsfreiheit.

    • sudek
    • 28.08.2011 um 20:07 Uhr

    1912/13
    In seinen Reichstagsreden zur Wehrvorlage unterstützt Erzberger als Gegner der Sozialdemokraten eine starke deutsche Aufrüstung.

    1914
    Zu Beginn des Ersten Weltkriegs befürwortet er in einer Denkschrift weitgehende Annexionen, u.a. die vollständige Angliederung Belgiens.

    (WIKIpedia)

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    «Im Verlauf des Weltkrieges war Erzberger neben Karl Liebknecht (Reichstagsabgeordneter der SPD/USPD) der einzige Politiker, der öffentlich die passive Haltung Deutschlands zur Politik des türkischen Verbündeten gegenüber der nichtmuslimischen Bevölkerung im Osmanischen Reich kritisierte, dabei vor allem den Völkermord an den Armeniern, die Verfolgung der Griechen und den Völkermord an den Aramäern.»

    Das allein schon würde eine Würdigung durch Straßennamen o.ä. begründen. Vielleicht hat man in Berlin ja Angst vor der türkisch Lobby.

    Der Eintrag über Erzberger in WIKIPEDIA läßt das Fehlen einer Ehrung eher völlig unverständlich, denn als fragwürdig erscheinen.
    Jawohl, dieser Mann hat eine Ehrung verdient.

    Und aus dem Zusammenhang gerissene "Belege" für angeblich mangelnde Ehrhaftigkeit eines Erzberger, könnten auch auf den Kommentator und dessen Intention zurückfallen.

    MfG
    biggerB

    «Im Verlauf des Weltkrieges war Erzberger neben Karl Liebknecht (Reichstagsabgeordneter der SPD/USPD) der einzige Politiker, der öffentlich die passive Haltung Deutschlands zur Politik des türkischen Verbündeten gegenüber der nichtmuslimischen Bevölkerung im Osmanischen Reich kritisierte, dabei vor allem den Völkermord an den Armeniern, die Verfolgung der Griechen und den Völkermord an den Aramäern.»

    Das allein schon würde eine Würdigung durch Straßennamen o.ä. begründen. Vielleicht hat man in Berlin ja Angst vor der türkisch Lobby.

    Der Eintrag über Erzberger in WIKIPEDIA läßt das Fehlen einer Ehrung eher völlig unverständlich, denn als fragwürdig erscheinen.
    Jawohl, dieser Mann hat eine Ehrung verdient.

    Und aus dem Zusammenhang gerissene "Belege" für angeblich mangelnde Ehrhaftigkeit eines Erzberger, könnten auch auf den Kommentator und dessen Intention zurückfallen.

    MfG
    biggerB

  4. Das Gedenken an Erzberger leidet darunter, daß jegliche (progressive) Opposition im Kaiserreich der SPD zugeschrieben wird. Nicht nur Erzberger ist aus dem Blickfeld gerückt. Es ist kaum noch ein Politiker aus dem Kaiserreich bekannt, der nicht entweder ein Reaktionär war und daher als Negativbeispiel tradiert wurde oder ein aufrechter Genosse. Neben Erzberger sind auch Leute wie Richter, Quidde und Roeren in Vergessenheit geraten, weil die deutsche politische Erinnerungsarbeit sich auf SPD-Politiker konzentriert hat.

    Wer sich die Mühe macht, die Reichstagsprotokolle der späten Kaiserzeit zu durchforsten, der kommt nicht umhin, neben Bebel und Ledebour (der sein Andenken allerdings im Alter durch Befürwortung des Verbrecherstaates DDR beschmutzt hat) auch vor Richter und Erzberger den Hut zu ziehen. Es ist an der Zeit, daß Erzberger geehrt wird. Er hat zu seiner Überzeugung gestanden und Verantwortung übernommen als die alten Eliten des Kaiserreichs sie ablehnten. Dafür hat er mit seinem Leben bezahlt.

    • Aethon
    • 28.08.2011 um 20:36 Uhr

    Da scheint ja jemand einen ziemlich großen Minderwertigkeitskomplex bewältigen zu müssen. Wenn Sie Ihre Hasstirade beendet haben, können Sie sich ja mal über Zweierlei Gedanken machen:

    Wie viele der Berliner Probleme sind selbstverschuldet?
    (Man denke an die Abwanderung Berliner Unternehmen in Folge des 2. Weltkrieges und der deutschen Teilung und ähnliche Resultate des Daseins als Spielplatz der Weltgeschichte)

    Gibt es irgendeine andere Stadt in Deutschland, die auch nur einen Hauch von Metropole hat? Sicher ist Berlin nicht mit London und Paris zu vergleichen, aber eben mehr als vermutlich jede andere deutsche Stadt.

  5. Persönlich kann ich Berlin auch nicht viel abgewinnen.
    Allerdings kenne ich viele In- und Ausländer die Berlin unwahrscheinlich mögen.
    Das man aber Gebäude, Städte, Enrichtungen, Personen etc. seines Landes mit internationaler Strahlkraft über das Maß niedermacht, liegt wohl in der Natur vieler Menschen. Nicht nur in Deutschland.

    Zum Glück gilt ja hier die Meinungsfreiheit.

  6. ...das Friedrich II. diesbezüglich als Quelle gut geeignet ist - der konnte nicht mal deutsch.

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