Politik und Lyrik Nr. 25niedere Arbeiten divenhaft ausgeführt

Jede Woche veröffentlicht die ZEIT Gedichte über Politik. Diese Woche von Marion Poschmann. Wovon das Gedicht handelt? Man muss es wohl mehrfach auf sich wirken lassen. von Marion Poschmann

Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang dieses Jahres erleben. Die Gedichte wurden dabei häufig sehr aktuell, einige am Tag nach politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen verfasst. Wovon das Gedicht diese Woche handelt? Man muss es wohl mehrfach auf sich wirken lassen.

Marion Poschmann: niedere Arbeiten divenhaft ausgeführt

sieh den beiliegenden Ort, was hältst du davon?

Negation oder Landschaft.
Pflanzen, die es nicht geben kann. eine kabelartige
Pflanze, die uns mit der grünen Lunge verbindet:
sie beugt sich von ihrem Schalterpult weit hinunter,
sie läßt sich herab mit verlängertem Hals, eine Schlange,
die uns kurz Auskunft gibt. jede Information gerät
s-förmig wie in den Ratgebern aus den 50er Jahren.
„gestatten Sie, daß ich Ihnen nichts sage.“

ockergelbe Felder, ockergelber Himmel, kreiselnde Fernsicht.

die politische Idee des Industriegebiets, dessen Bodenbelag
von weitem wie Teppich wirkt, wäre ganz Innenraum:
bar jeden Wetters, bar jeder Obdachlosigkeit: wo es
in allen Lagerhallen ebenso aussieht wie außerhalb.
dazu kommen Automobile, auf Teppichen ausgestellt,
hoher Komfort für Geräte, die lediglich über geliehene
Intelligenz verfügen. Gerät, dessen Bilder verbreitet werden
wie Herrscherporträts.

Lochkartensysteme, frühe Computer. auch wilde Tiere spielen.

wir besetzen die Treppen am Bahnhofsportal, eine Handlung, klar
vorgestanzt. sind ein Getränk, das exakt in die runde Vertiefung
auf einem Klapptablett paßt. wir wagen jetzt wieder zu werten.
starke Meinungen. Zorn. der totale Tisch. wir verzichten
auf Fertigsalate in Plastikschalen. wir verzeihen Gebäudefehler,
jene Eingänge, die rein aus Fußmatte bestehen, verwegen
betreten wir sie. ich brauche noch eine zusammenfaltbare Wanne
für meine Reise.

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Marion Poschmann

Marion Poschmann, geboren 1969 in Essen, studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik. Von ihr sind bislang sechs Bücher erschienen, darunter drei Gedichtbände: Verschlossene Kammern, zu Klampen 2002, Grund zu Schafen, Frankfurter Verlagsanstalt 2004, und Geistersehen, Suhrkamp 2010. Für Geistersehen erhält sie 2011 den Peter-Huchel-Preis.

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    • Serie Politik & Lyrik
    • Schlagworte Reise | Computer | Gedicht | Getränk | Information | Intelligenz
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