WirtschaftsgeschichteGeld in Not? Gold aus dem Meer!

Wie der Chemiker Fritz Haber zur Zeit der großen Inflation und Staatsverschuldung versuchte, aus Seewasser Gold zu gewinnen. von Reinhard Osteroth

Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber im November 1919

Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber im November 1919  |  © Topical Press Agency/Getty Images

Fritz Haber war ein genialer Chemiker. Mit der Ammoniaksynthese, einem industriellen Verfahren zur Herstellung von Kunstdünger, hatte er 1908 das »Brot aus der Luft geholt«. Vier Jahre später war der Karlsruher Professor Direktor des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem geworden. Zwar litt Habers internationaler Ruf schwer, als er im Ersten Weltkrieg dazu beitrug, Giftgaswaffen zu entwickeln. Dennoch erhielt er 1919 nachträglich den Nobelpreis des Jahres 1918 für Chemie zugesprochen.

Just zu diesem Zeitpunkt aber, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, sah Haber alles in Gefahr: sein Institut, die Chemie, die Wissenschaft, ganz Deutschland. Die Geldentwertung setzte ein – das Kaiserreich hatte den Krieg fast ausschließlich auf Pump geführt, und die Siegermächte forderten enorme Reparationszahlungen, über 200 Milliarden Goldmark. Schon Mitte 1919 war Deutschlands Kreditwürdigkeit bedroht, der Staatsbankrott nahte. Finanzminister Matthias Erzberger machte sich an die Einführung eines modernen Steuersystems. Doch die erhöhten staatlichen Einnahmen wurden von der Inflation weggefressen, daran änderte auch das »Reichsnotopfer« nichts, eine Vermögensabgabe. Die Ausgaben für Reparationen, Anleihen und Kriegsopferversorgung wuchsen zu einem riesigen Schuldenberg .

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Fritz Haber, der Chemiker und Patriot, suchte nach einer ganz anderen Lösung, den finanziellen Kollaps zu verhindern. Gold sollte es richten. 0,358423 Gramm ergaben eine Goldmark. Und Gold gab es mehr als genug: In jeder Tonne Meerwasser, so lautete Habers auch von Fachkollegen bestätigte Annahme, schwammen rund drei bis zehn Milligramm davon. Man musste nur ein Verfahren zur Auslösung finden. 1920 gründete Haber die geheime Abteilung M in seinem Institut in Dahlem. Der Wissenschaftler machte sich daran, den internationalen Goldmarkt aufzumischen.

Zunächst begannen umfangreiche Arbeiten im Labor. Mit 14 Mitarbeitern wurden Wasserlösungen analysiert. Zur Separation des Goldes sollte ein Verfahren mit langer Tradition perfektioniert werden: die Kupellation. Dabei werden, wie es der Technikhistoriker Ralf Hahn in seiner 1999 erschienenen Studie Gold aus dem Meer im Detail beschreibt, die unedleren Stoffe durch Oxidation gebunden; das Edelmetall wird schließlich durch Filtration isoliert.

Haber wusste: Das Projekt war nicht ganz billig. Er brauchte Financiers. Bald fand der begnadete Netzwerker seine Geschäftspartner. Im November 1922 unterzeichnete er mit der Degussa, der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt, und der Frankfurter Metallbank den Vertrag zur Gründung eines Konsortiums. Jetzt war der Weg frei, die Versuche auf offenem Meer konnten beginnen. Deckname des Unternehmens: »Seejod«.

Nur wenige Tage danach trat in Berlin das Kabinett des neuen Reichskanzlers Wilhelm Cuno an. Der parteilose Cuno war bis dahin Generaldirektor der Hapag-Reederei in Hamburg gewesen, Nachfolger des legendären Albert Ballin. Er unterbreitete den Alliierten einen Vorschlag für ein fünfjähriges Moratorium der Reparationszahlungen, Motto: »Erst Brot, dann Reparation«. Ohne Erfolg. Der Konflikt spitzte sich zu. Im Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Der Dollar kostete in diesen Tagen 10.000 Mark, im August schon 4,6 Millionen, im November 4 Billionen.

Anfang 1923 kreuzte Fritz Haber in Hamburg auf und gewann auch die Hapag für sein Unternehmen. Auf dem Passagierschiff Hansa wurde gleich im Sommer ein Labor eingerichtet. Haber und vier Mitarbeiter gingen an Bord, getarnt als Besatzungsmitglieder. Kaum hatte die Hansa die Elbe verlassen, begann man mit der Entnahme von Wasserproben.

Die Laborarbeit geriet zum Balanceakt. Auf hoher See eine saubere Kupellation zu bewerkstelligen blieb ein Glücksspiel. Habers große Fahrt wurde zu einer ernüchternden Reise. Die Goldkonzentrationen lagen deutlich unter den Erwartungen. Nur bei Neufundland, nahe der nordamerikanischen Küste, wo Labrador- und Golfstrom sich trafen, kamen einige Mikromilligramm Hoffnung auf. Ungeduldig fuhr Haber gleich im Herbst erneut los: »O daß Kosten und Kraft nicht verschwendet sein möchten!« Mit der Württemberg ging die Reise nach Buenos Aires. Vielleicht konnte der Südatlantik sein Dorado werden?

Leserkommentare
    • otto_B
    • 28. August 2011 10:25 Uhr

    Wenn es auch mit dem Gold nix wurde (wozu brauch man das eogentlich.....)

    aber schön daß im Artikel an das "Brot aus der Luft" erinnert wird.

    Wir leben in einer Überflußgesellschaft, und die vollen Supermarktregale haben eben genau mit dieser Innovation zu tun.
    Auch, wenn im Zeitalter von "Bio" der Blick da drauf nicht mehr so ganz klar ist.
    Mit der Ammoniaksynthese haben Gesellschaft und Landschaft sich gewaltig verändert. Und dieser "global change" ist mittlerweile 100 Jahre alt. (man merkt es boß kaum......)

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    • eeee
    • 28. August 2011 12:38 Uhr

    Sehr richtig, ohne Haber-Bosch hätten wir heute ein paar Probleme weniger.

  1. der allerdings ein paar Ergänzungen benötigt.

    Haber war 65 (nicht 66) als er starb. Es ist zwar richtig, dass er sich einige Monate in Cambridge aufhielt, jedoch hatte er kurz vor seinem Tod einen Ruf von Chaim Weizmann and das Sieff Research Institut (heute Weizmann-Institut) in Rehovot, Palästina angenommen. Grund dafür war die tatsache, dass er in Cambridge auf starke Ablehnung seiner Kollegen traf. Ernest Rutherford z.B. soll sich angeblich geweigert haben, die Hand eines Mannes zu schütteln, der nach dem Krieg von den Allierten als Kriegsverbrecher gesucht wurde. Haber starb in Basel auf der Reise nach Palästina. Seine umfangreiche Bibliothek befindet sich heute im Weizmann-Institut.

    Habers Frau und sein Sohn aus erster Ehe begingen Selbstmord aus Scham über die aus ihrer Sicht verbrecherische Rolle, die Haber bei der Entwicklung und Anwendung von Giftgas spielte. Übrigens waren auch drei weitere spätere Nobelpreisträger Teil von Habers Giftgas-Team im Ersten Weltkrieg: James Franck, Gustav Hertz und Otto Hahn. Neben der Entwicklung von Giftagswaffen war Haber auch an der Entwicklung von Zyklon B beteiligt.

    Ein Enkel Habers, der Historiker Ludwig Fritz Haber schrieb ein interessantes Buch zu dem Thema: "The Poisonous Cloud".

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  2. 3. Aurum

    Moin Moin,

    schöner Artikel. Bin gespannt wie lange es dauert bis die Gold-Bugs hier auflaufen.

    Ein, zwei Randbemerkungen, Goldgehalt von schmerzlichen 0,0044 Milligramm

  3. Haber suchte eine Möglichkeit, den deutschen Staatsbankrott nach Schuldenkrise und Inflation zu verhindern, schreiben Sie.
    Ist das Zufall, daß Sie den Artikel gerade jetzt bringen?

    3 Leserempfehlungen
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    Haber machte seine quasi-alchemistischen Versuche NACH der grossen Inflation.
    Wir stehen heute VOR der Inflation.

    Ja

    • eeee
    • 28. August 2011 12:38 Uhr

    Sehr richtig, ohne Haber-Bosch hätten wir heute ein paar Probleme weniger.

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    • Aethon
    • 28. August 2011 12:55 Uhr

    Ohne Haber-Bosch-Verfahren (das immerhin 1/3 der Erdbevölkerung ernährt) würden Sie und ich vermutlich heute nicht existieren - ich weiß nicht, wie es um Sie steht, aber ich bin ziemlich dankbar für meine Existenz.

    auf die Herstellung von Sprengstoffen aus Ammoniak? Ich glaube die eigentliche Motivation, an der Haber-Bosch-Synthese zu forschen war ein Mangel an Chile-Salpeter, der durch die Seesperre nicht importiert werden konnte, oder?
    Und es ist auch nicht gesichert, warum sich Habers Frau umbrachte.

    Das Haber Bosch verfahren erlaubt es Düngemittel aus Erdgas zu synthetisieren...

    Einer der Grundpfeiler der grünen Revolution, die die Nahrungsmittelerträge in der Zeit von 1960 bis 1980 um 250% steigern konnte.

    Doch leider ist die Basis dafür fossile Energie. So sind wir in der Lage kurzfristig vielleicht für 40-50 Jahre unsere Ernährungsprobleme wegzulügen, uns selbst begeistert auf die schultern zu klopfen für unsere ach so geniale Genialität.

    Doch die Lösung birgt Sprengstoffe.

    Inzwischen verbrauchen wir in europa ca 7 Kalorien fossiler Energie um nur eine Kalorie Nahrung zu erhalten. Eine auf fundamentale und grandiose Art zum scheitern verdammte Strategie, denn Langfristig scheitert sie mit dem schwinden fossiler Resourcen.

    Leider konnten wir so unsere Zahl mal eben um weitere 3 milliarden Menschen weiter aufstocken.

    Alles in allem könnten wir ohne fossile Energien nur ca 2 Milliarden Menschen ernähren.

    Es ging und geht immer um den Energie-netto Überschuss einer Zivilisation. die industrielle Revolution sollte deshalb fossile Revolution heissen.

    Am Ende war die gewiss große Leistung dieses Mannes ein Phyrrussieg.

    leider.

    • Aethon
    • 28. August 2011 12:55 Uhr

    Ohne Haber-Bosch-Verfahren (das immerhin 1/3 der Erdbevölkerung ernährt) würden Sie und ich vermutlich heute nicht existieren - ich weiß nicht, wie es um Sie steht, aber ich bin ziemlich dankbar für meine Existenz.

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    Antwort auf ""Brot aus Luft""
    • Ascag
    • 28. August 2011 12:57 Uhr

    Ich ignoriere hier mal kurz, daß Gold für industrielle Zwecke dringend benötigt wird, da dies für die Argumentation irrelevant ist:

    Gold als Währung ist letztendlich auch nur ein Tauschmittel. Es ist einer der größten Irrtümer der Menschheit zu glauben, daß Gold irgendwie "echten" Wert besitzen würde. Sollten wir eine wirtschaftliche Methode finden, Gold in fast unbegrenzter Menge z.B. aus Meerwasser zu gewinnen, dann wäre der Effekt bei einer Goldwährung schlicht Inflation, falls keine entsprechende Wirtschaftsleistung dem gegenüber stünde.

    Das gab es schon mal in der Geschichte. Nämlich als nach der Entdeckung Amerikas plötzlich enorme Mengen an Edelmetallen nach Europa strömten. Das ganze ging als die große elizabethanische Inflation in die Geschichte ein.

    Das entscheidende ist eine Wirtschaftsbasis, die Waren und Dienstleistungen bereitstellt. Wenn das nicht gegeben ist, dann kann man mit noch so ausgeklügelten Finanzsystemen keinen Wohlstand schaffen. Auch mit Gold nicht.

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  4. auf die Herstellung von Sprengstoffen aus Ammoniak? Ich glaube die eigentliche Motivation, an der Haber-Bosch-Synthese zu forschen war ein Mangel an Chile-Salpeter, der durch die Seesperre nicht importiert werden konnte, oder?
    Und es ist auch nicht gesichert, warum sich Habers Frau umbrachte.

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    Antwort auf ""Brot aus Luft""

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