Moderne GesellschaftNur die Ruhe

Bremsen, nachdenken, umsteigen: Die rasende Moderne beginnt mit ihrer Selbstreparatur. von 

Drei Kutschen fuhren im 16. Jahrhundert durch Paris, eine für den König, eine für die Königin und eine für einen sehr dicken Adligen, der für ein Pferd zu schwer war. Das Leben ging gemächlich, beschwerlich zu Fuß. Dann setzte sich langsam die Moderne in Bewegung. Noch 400 Jahre, und jeder rast von hier nach da, auf Straßen, Schienen, durch Läden, im Netz. Überallhin.

Der Historiker Reinhart Koselleck hat diese Beschleunigung beschrieben, der Soziologe Hartmut Rosa hat die Befunde zu einer Theorie der Moderne verdichtet: Am vorläufigen Ende dieser Moderne stehen wir heute, schwindlig vor Mails, powershoppend, erschöpft und wütend nach Auszeiten suchend, erleichtert über jede Flugpause, die ein isländischer Vulkan in das lärmende Übliche zwingt. Zwar geht alles schneller, doch soll auch immer mehr an Begebenheiten, Produkten und Tätigkeiten in eine Stunde passen. Jedes Neue verdampft, bevor wir es gespürt und begriffen hätten, und immer mehr Ressourcen verschlingt der Heißhunger nach augenblicks schon Vergangenem: Das ist die Clownsfratze der Epoche, von der Kant einst hoffte, dass »die Zeiten, in denen gleiche Fortschritte geschehen, hoffentlich immer kürzer werden«. Und wer nicht mithält, der wird ausgespien, der hat Zeit. Für viele bedeutet das, siehe Tottenham: unendlich viel unerträglich langsam verstreichende Zeit ohne Arbeit.

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Seit Beginn der Moderne geht das nun so, dass die sich beschleunigende Zeit die Akteure zusehends verwirrt und auch lahmlegt. Als Menschen in Europa ihre Geschichte immer mehr selbst in die Hand nehmen wollten, rational und effizient und mit wachsendem Leistungsbewusstsein, fing die Zeit an, immer schneller, immer knapper zu werden. Der treibende Faktor der Moderne, die Beschleunigung, ließ sie schrumpfen: Allein zwischen 1814 und 1848 hat sich die Geschwindigkeit von Kutschen in Frankreich von 4,5 Stundenkilometern auf 9,5 verdoppelt, weil der Staat unterdessen tempotaugliche Straßennetze gebaut hatte.

Die europäischen Gesellschaften wurden, noch bevor die industrielle Revolution und der Kapitalismus alle Produktion in rasende Verwertungsinteressen einspeiste, auf eigene Faust neugierig, und umso mehr Wissen musste immer zügiger in die Köpfe hineinpassen: Im Jahr 1740 sind etwa 600 Tierarten bekannt und hundert Jahre darauf allein 2400 Schlupfwespenarten. Die Zahl der Periodika steigt seit 1750 exponentiell, sodass Goethe schon 1797 nach Gesprächen in Jena mit Humboldt, Fichte, Schelling stöhnt: »Unglaublich aber ist’s, was für ein Treiben die wissenschaftlichen Dinge herumpeitscht und mit welcher Schnelligkeit die jungen Leute das, was sich erwerben läßt, ergreifen.« Die Zeit überschlage sich wie ein Stein vom Berg herunter, und man wisse nicht, »wo sie hinkommt und wo man ist«.

So und ähnlich klingt das Lamento über die hochbeschleunigte Moderne bis heute: weil in den Tag immer mehr hineingedrängt werden soll, die möglichst selbstbestimmte Tätigkeit möglichst originell sein möge und der Wettbewerb nichts verschont, sodass er, wie die Soziologin Eva Illouz gezeigt hat, selbst die intimsten Gefühle regiert und all die Einzelnen, die auf ihren Rennstrecken dahintreiben, sich kaum noch steuern können. Neu ist das nicht. Die Flüchtigkeit der Mode war schon um 1800 ein beherrschendes Thema. Aber es geht eben immer noch etwas wahnwitziger: Vor 20 Jahren kaufte sich ein Amerikaner im Schnitt 34 Kleidungsstücke pro Jahr, heute müssen es doppelt so viele sein. Das heißt: fast alle fünf Tage ein neues, Strümpfe nicht mitgezählt, und da dies für alle Lebensbereiche gilt, hat das Gerenne und Gehetze kein Ende. Die neue Kleidung wird kaum getragen: Sie dient nicht mehr der Bekleidung, sie bedeutet einfach nur noch, dass alles flüchtig ist.

Jetzt aber sind mitten im Kapitalismus Gegenbewegungen sichtbar. Das kluge Bremsen, Diversifizieren und Umsteigen organisiert sich. Auf und neben den Märkten nisten sich, hoch individualisiert und technisch versiert, Formen der Gemeinwirtschaft, des Leasens, Umnutzens, Reparierens, Pausemachens und Erfindens ein. In wachsenden Nischen, auch in absurden. Inzwischen kann man etwa in Amerika den Sack ungetragener Kleidung an einen Umverteiler verschicken, der einem dafür einen anderen Sack ungetragener Kleidung zuschickt.

In Europa verzichtet, wer es sich leisten kann, auf Gehalt, nimmt ein Sabbatical und kauft wenige, langlebige Güter. Öffentliche Stadtgrundstücke werden bepflanzt und gemeinsam genutzt, hier und da entsteht neue Subsistenzwirtschaft, um die Existenz von den klebrigen Folien zu befreien, in die jeder Pfifferling verschweißt ist, und für das Gefühl, am Tage irgendetwas Sinnvolles zu tun. Die Akademikerin, die lieber für ein paar Hundert Euro auf dem Land zur Miete wohnt, als sich in der Stadt durch die Hamsterräder zu jagen, hat in der Erbengesellschaft durchaus eine Zukunft und desgleichen der Arzt, der seine Arbeitskraft nur für ein paar Jahre verkauft, um im Namen der Selbstbestimmung dann lieber Musik zu machen und von wenig Geld, mit Freunden, Büchern und von eigenem Gemüse zu leben.

In Baden-Württemberg gründen sich Energie-Genossenschaften, um lokale Ressourcen auch lokal zu nutzen und kleine Einkommen erwirtschaften zu lassen, in Dithmarschen entstehen aus dem gleichen Grund Windparks in Genossenschaftseigentum, in ganz normalen Unternehmen verabreden Männer, dass jeder von ihnen nur noch 80 Prozent arbeiten will: freiwillige Selbstbegrenzung. Das also kann die Moderne auch: Sie versucht, mit all ihren Widersprüchen, sich selbst zu reparieren.

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Leserkommentare
  1. Sollte man wirklich davon ausgehen, dass sich die Moderne selbst "reparieren" kann? In der kapitalistischen Produktionsweise, die durch die Globalisierung fest verankert ist, ist eine Beschleunigung durch Konkurrenzdruck, sowie "kreative Zerstörung" alter Lebensweisen angelegt. Da hilft eine persönliche Abkehr nur bedingt - bestenfalls werden die Wünsche nach Ruhe & Besinnung vom Markt als neue Nische entdeckt und für den Massenfreizeitkonsum aufbereitet.

    • jon777
    • 28. August 2011 20:04 Uhr

    ein wunderbarer Artikel, bitte mehr davon.
    Wieviele Probleme würden sich lösen wenn wir sagen wir kommen Morgens oder Nachmittags anstatt uns dem der Diktat der Uhr zu unterwerfen.

    Utopie- keinesfalls vor 200 Jahren war dies Alltag.

    Wie enspannt wäre unser Leben wenn wir nicht ständig der Illusion unterliegen würden dauernd erreichbar zu sein.
    Mal 4 Stunden an Stück arbeiten statt ständiges Mobil, Schnurrlos, Mailgebimmele.

    Mal gemütlich flanieren statt Nordic Walking.
    Selbst unsere Freizeit ist verplant. Viele Paare haben jetzt schon alle Wochenenden bis Weihnachten ausgebucht.

    Einfach mal die Seele baumeln lassen, und wisst ihr was , ich mach das jetzt. Schönen Sonntag Abend und nochmal Vielen Dank an die Zeit und an die Autorin!

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    Es muß wunderbar sein, auf jeden Bekannten, Dienstleister oder Händler einen halben Tag zu warten. Was sind schon meine Schmerzen gegen das Hochgefühl des Zahnarztes, der flanieren geht, anstatt sich der Uhr zu unterwerfen. Das muß ein toller Alltag gewesen sein vor 200 Jahren.

    Ich habe selten einen solchen Unsinn gelesen.

    Ich bin nicht ständig erreichbar, arbeite wegen der Kinder 80 %, fahre ein 30 Jahre altes Auto und kaufe mein Mobiltelefon beim Aldi. Shopping finde ich stinklangweilig.

    ABER: An meinem Wesen muß nicht die Welt genesen. Auch der Konsumtrottel hat Freiheitsrechte.

  2. wieder "salonfähig"?
    Kaum zu glauben.
    Wenn es nicht so schlimm wäre, wäre es lächerlich.
    Denn genau diese Tugenden wurden jahrzehntelang plattgemacht.
    Vom "Mainstream".
    Von geldgierigen Spaßbürgern.

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    Sehr gut! Diejenigen, die am meisten über das ständige Gebimmel usw. jammern sind m.E. diejenigen, die vor einiger von neuen Geräten nicht schnell genug möglichst viel davon zu erhalten wünschten.

    Wer hat denn wen gehindert, alles etwas langsamer angehen zu lassen? Nur unsere ach so überlegene Jammerlappengeneration selbst. Aber bestimmt werden die entdecken, dass am Unglück dieser Welt nur die 68er schuld sind.

    Wie schon gesagt: Wenn's nicht so traurig wäre wäre es lustig.

  3. Die Verbindung von Planzensorten, Kutschengeschwindigkeiten und der Moderne ist zwar nett, entbehrt aber einer tiefer gehenden Logkik.

    Ich frage mich, was StudentInnen, die sich das Studium selbst finanzieren, alleinerziehende Eltern oder Eltern, die beide arbeiten und NICHT Akademiker sind, von dem Artikel halten mögen?

    Shoppen gehen? sorry, habe ich keine Zeit - diese verbringe ich in der Bibliothek. Meine Kleidung trage ich EWIG.

    Ansonsten:
    Leistungsbewustsein ist für mich positiv. Mein Leben gestalten können, so viel wie möglich studieren, in der wenigen Freizeit - natürlich im Voraus geplant - anders unmöglich, da Prüfungen etc.! - mit guten Freunden ein Glas Wein in der WG trinken und über Politik, Philosophie und das Leben zu diskutieren - für mich top.
    Von außen betrachtet - hektisches und genau durchgeplantes, modernes Leben? Maybe.

    Aber nicht für mich.

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    Da können Sie den Artikel vielleicht noch gar nicht verstehen, ausserdem ist das Studium (in der heutigen Form) ein Ausnahmezustand. Sie dürfen nicht davon ausgehen mit vielleicht mitte 20 soetwas wie Lebensweisheit zu besitzen.
    Persönlich habe ich mich immer mehr dem schnellen Leben entzogen. Ich arbeite Vollzeit, meine Frau viel weniger.
    Das Auto abzuschaffen war die beste Entscheidung der letzten Jahre und mein Fernseher hat eine Röhre und ich hoffe das Gerät macht noch mind. 10 Jahre (tolles Bild).
    In 1 oder 2 Jahren kommt dann der Kleingarten dazu, passe also genau in das Bild, wobei der Kleingarten schon seit 10 Jahren durch meine Gedankenwelt kreist, dabei verpachte ich selber in einer anderen Stadt einige Kleingärten.

  4. Computer helfen, damit es noch schneller geht.
    Aber, macht der Computer auch was ich will,oder mach ich was der Computer will
    Trink ich die Flasche aus oder trinkt die Flasche mich aus?
    Nein, der Computer macht dass was Ich will und nicht andersherum,sonst Platte putzten
    Ein Computer hat keine Realität, sondern nur rechnerische
    Logik
    Gefühle hat er keine
    Rücksichtnahme auch keine
    Liebe schon garnicht
    Eben kein Mensch
    An den Börsen fallen und steigen die Kurse durch Comutereingaben wie auch immer
    Mit Softwarefehlern,eingabe Fehlern,(einmal auf die verkehrte Taste gedrükt) und schon ist es passiert
    Es hängen Menschenleben davon ab, wenn einer die falsche Taste drückt (Weltweit)
    Aber in der heutigen Zeit wo Gier und Macht alles bedeuten wird das schnell unter den Teppich kekehrt
    Diese Einstellung wird sich aber RÄCHEN

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    • essilu
    • 28. August 2011 23:13 Uhr

    interessanter Kommentar. Es lohnt sich, da einmal genauer hinzuhorchen.
    Es ist eigentlich auch traurig, dass heute mancher Jugendliche nicht mehr den Unterschied kennt zwischen einem "Smiley" und einem Lächeln...
    Wegen Mangels an Pflegepersonal und Zeit in Altenpflegeheimen wird rege daran gearbeitet, entsprechende Roboter für den Einsatz zu entwickeln...siehe Japan. Erschreckend.
    Ich werde rechtzeitig dafür sorgen, dass nicht irgendwann an meiner Bettkante ein Roboter sitzt...Er könnte meine böse Absicht "spüren", dass ich vorhabe, ihm den Stecker 'rauszuziehen...und mir an die Gurgel gehen! Nicht auszudenken!

    Ich empfehle ein Buch:
    Aldous Huxley "Schöne neue Welt"

  5. Vermutlich ist das Dauerfeuer der beschleunigten Veränderung in der Moderne auch ein Ersatz für fehlenden "höheren" Sinn. Wenn immer Neues lockt und Altes so rasch "überwunden" ist, dass es kaum wahrgenommen wurde, dann ist das eine Art Blindflug, der dem größten Problem der Moderne mit Getöse aus dem Weg rennt. Die Angst vor dem Tod und der Wunsch, an irgendwas Dauerhaftem, Ewigem, Metaphysischem teilzuhaben, werden überrumpelt in einer Beschleunigungsveränderung, die verheißt: es hört nie auf, es wird immer besser, je schneller die Veränderung, desto höher das Glück, vergiss den Tod, den gibt es nicht, renne. Letztendlich ist das keine Bewältigung der entsetzlichen Einsicht, die wir seit Nietzsche haben: Gott ist tot. (Flüchte nun in den Konsum, ist hier die Antwort des Kapitalismus. Selbst die Entschleuniger schnitzen sich häufig pseudoreligiöse Begründungen dafür zurecht.)

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    der seine Ohren, seine Augen und ... sein Gehirn bestimmungsgemäß benützen würde, schon beim Begriff "Fortschritt" einhalten und nachfragen:
    "Fort? - Wovon?"
    "Was lasse ich zurück, wenn ich fort gehe?"
    und vor allem:
    "Fort? - Wohin? Wozu?"
    ...
    ... eigentlich ...
    ... müsste ...
    ...

  6. "Repariert" sich hier die moderne Gesellschaft oder ist man nur auf der Suche nach einer "möglichst selbstbestimmten Tätigkeit, die möglichst originell sein möge". Leider habe ich das schon sehr oft bei so manchem "Aussteiger" entdeckt. Erstmal muss diese Bewegung selbst "reparieren", dann kann daraus ein tragender Stern entstehen. So mancher selbsternannte Hippie fährt ein "Atomkraft-Nein-Danke"-Aufkleber auf seinem Benz spazieren und begreift den Widerspruch nicht. Jedenfalls kann die im Artikel beschriebene Bewegung sehr schnell dann zum Erliegen kommen, wenn sie als "originelle Tätigkeit zur originellen Selbstdarstellung" entlarvt werden kann. Sie solle einfach Spaß machen und auch die Autorin sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass diese Bewegung den Kapitalismus in seiner derzeitigen Form ablösen könnte. Dazu benötigt es knallharte Gesetze (Mobilitätsbeschränkung, Effizienzsteigerungen, etc. pp).

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  • Schlagworte Bekleidung | Kapitalismus | Sabbatical | Vulkan | USA | Frankreich
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