An diesem Augustabend sind die Regenwolken tiefdunkel und bedrohlich. Ein Traktor älterer Bauart tuckert mit 25 Meilen pro Stunde vor uns her. Überholen unmöglich, wir befinden uns auf einer einspurigen Straße in Devon, einer wilden, wunderschönen Gegend drei Stunden westlich von London. Wenn die Bauern ihre Heuernte nicht heute Abend noch einbringen, müssen sie tage-, vielleicht wochenlang warten, bis die Ballen wieder getrocknet sind. Man kann sich eben nicht immer aussuchen, zu welcher Tageszeit man arbeitet.

Tom Hodgkinson, 43, Journalist, Buchautor, Intellektueller, den ich an diesem stürmischen Abend besuchen will, würde die Notwendigkeiten, die Wind, Wetter und Jahreszeiten mit sich bringen, verstehen, ja gutheißen – und dies, obwohl er ein erklärter Feind der Arbeit ist. How To Be Idle (Anleitung zum Müßiggang) heißt sein Bestseller von 2004, und wenn Hodgkinson für irgendetwas Experte ist, dann für den Ausstieg aus dem Hamsterrad der spätkapitalistischen Wirtschaftsweise. Seine Botschaft, seine Mission, sein Produkt: radikale Systemkritik.

Toms 200 Jahre altes Farmhaus ist aus grauem Granit erbaut und liegt unterhalb eines Höhenzuges, der steil zum Atlantik hin abfällt. Es gibt keinen Handyempfang und auch keine Straßenbeleuchtung in diesem Flecken aus fünf Höfen und einer Kirche. Die einzige Helligkeit dringt aus dem Küchenfenster des Farmhauses. Und dort in der Küche kann man Hodgkinson betrachten wie auf einer erleuchteten Bühne: einen schlanken, dunkelhaarigen Mann in Jeans und T-Shirt, der in aller Seelenruhe allein am Wohnküchentisch sitzt, vor sich ein Pintglas voll Ale und alle Zeit der Welt. Falls er bemerkt, dass zwei seiner drei Kinder (Delilah, neun, und Henry, sechs Jahre alt) zu dieser späten Stunde aufgeregt aus einem Fenster des Obergeschosses spähen, ignoriert er das überzeugend. Kein Wunder. Die zentrale These seines Erziehungsratgebers The Idle Parent (Leitfaden für faule Eltern , rororo, März 2011) lautet, dass die beste Erziehungsstrategie weise Nichteinmischung sei.

Hodgkinsons politischer Standpunkt ist nicht ganz leicht zu fassen: Er selbst bezeichnet sich als Anarchisten, er ist aber zugleich unhintergehbar ein Produkt der oberen englischen Mittelklasse. Seine Eltern sind erfolgreiche Londoner Journalisten ( Daily Mail, Times, Sunday People ). Mit Westminster besuchte er eine der teuersten Privatschulen Englands (30.000 Pfund im Jahr), danach studierte er Englische Literatur an der Eliteuniversität Cambridge. Seine Kinder lernen Latein von einem pensionierten Lehrer – privat und über Skype, weil die örtlichen Schulen die alte Sprache nicht mehr anbieten. »Stattdessen haben sie ›Wohlbefinden‹ und ›Informationstechnologische Kompetenzen‹ auf dem Lehrplan«, lästert ihr Vater.

Seit 1993 gibt Tom Hodgkinson eine Halbjahresschrift heraus, die in England jedenfalls unter Linksliberalen Kultstatus erlangt hat: den Idler , den Müßiggänger. Ein vergleichbarer Titel wäre im deutschen Markt einigermaßen schwer vorstellbar. Die Thesen, die Hodgkinson in seiner Zeitschrift und in seinen Büchern diskutiert und diskutieren lässt, sind auf eine ausgesprochen fröhliche (und in Deutschland ebenfalls kaum vorstellbare) Weise kulturkonservativ. »Der Zweck dieses Buches«, schreibt er in seinem Vorwort zu How To Be Idle , »ist es... die Arbeitskultur der westlichen Welt anzugreifen, die so viele von uns versklavt, demoralisiert und deprimiert hat.«

»Unsere Gesellschaft«, sagt Hodgkinson – da hat er mir gerade ein Bier eingeschenkt, eine Pizza in den Holzofen geschoben, vier Labradorwelpen aus der unglaublich schmutzigen Küche geworfen und ein etwas mickriges Hühnerküken im Brutkasten aufmunternd angestupst –, »unsere Gesellschaft leidet an Gier, Konkurrenz, einsamem Streben, Grauheit, Schulden, McDonald’s und GlaxoSmithKline. Wir leben im falschen System. Wir müssen uns befreien von Sorgen, Angstzuständen, Hypotheken, Geld, Schuldgefühlen, Schulden, Regierungen, Langeweile, Supermärkten, Rechnungen, Melancholie, Schmerz, Depressionen und Verschwendung.«

Chefs, Karrieredenken, Finanzmärkte und politisch korrekter Fortschrittsglaube sind Hodgkinson zuwider, und er bemüht den zum Katholizismus konvertierten Autor Gilbert Keith Chesterton (1874 bis 1936; berühmt für seine Kriminalgeschichten über den sympathischen Helden Father Brown) als einen von vielen Kronzeugen dafür, dass die Anweisungen für das gute Leben eher in der Vergangenheit als in der Zukunft zu finden seien. »Wir können entweder rückwärts schreiten in Richtung Freiheit«, schrieb Chesterton mit Blick auf die moderne Industriegesellschaft, »oder vorwärts in Richtung Sklaverei.«