Ich habe noch nie eine Militärparade gesehen, außer im Fernsehen. Es gibt Paraden aller Art, jeder denkbare Personenkreis geht auf die Straße. Bloß das Militär, welches die Paraden immerhin erfunden hat, tut es nie. Ich wäre dafür. Es gäbe dann sicher Proteste, eine heftige Feuilletondebatte, Günter Grass wäre dagegen. Mein Gott, warum denn nicht mal wieder eine Militärparade? Kürzlich hat in Berlin zum ersten Mal die »Schlampenparade« stattgefunden. Vielleicht kann man das kombinieren, und die Militärschlampen kriegen eine eigene Abteilung bei der Schlampenparade. Die Schlampenparade wird es jetzt vermutlich jedes Jahr geben, ähnlich wie Christopher Street Day , Karneval der Kulturen , jüdische Parade , Fuck Parade, Fronleichnam, Fastnacht et cetera. Der Schlampenmarsch tritt offenbar an die Stelle der Love Parade. Die Leute bei der Schlampenparade, meist Frauen, waren tatsächlich genauso angezogen wie früher die Leute bei der Love Parade.

Ich finde, es sollte aus Gerechtigkeit nicht nur die Schlampenparade für Frauen geben, sondern auch einen »Schlampermarsch« für Männer. Viele Männer werden von ihren Partnerinnen oder ihren Müttern als Schlamper beschimpft. Sie lassen ihr Zeug überall herumliegen, sie räumen nicht auf, vor allem nicht ihre benutzten Strümpfe. Sie nehmen immer die falsche Zahnbürste. Sie werfen nie etwas weg, sie lassen nur etwas fallen. Sie sind Schlamper. Wenn sie etwas suchen, zum Beispiel den Pfandbon für Getränke Hoffmann, dann finden sie es in dem von ihnen angerichteten Chaos natürlich nicht. Dann heißt es: »Ihr seid selber schuld. Wenn ihr euch nicht wie Schlamper aufführen würdet, dann würdet ihr euer Zeug finden.«

Es ist Zeit, dass auch die Schlamper den öffentlichen Raum für sich zurückerobern.

Bei dem Schlampermarsch müssen Tausende von Männern mitmachen. Er muss ein Zeichen setzen. Sie sollten alle zwei verschiedene Strümpfe tragen, die Hemden müssen Fettflecken haben und aus den Hosen heraushängen. Die Haare müssen ungewaschen und zerstrubbbelt sein. Auf den Plakaten soll stehen: »Ich bin ein Schlamper, und ich bin stolz.« Während des Marsches essen sie Chips, trinken Bier, zerfleddern Zeitungen und lassen anschließend alles fallen. Wenn jemand sie deswegen anmacht, sollen sie sagen: »Schlamper dürfen kein Freiwild sein.«

Bei dieser Gelegenheit ist mir eingefallen, dass ich mal eine Kolumne über das Wort Schlampe geschrieben habe. Die These lautete, dass es bestimmte Wörter gibt, die nie in der gesprochenen Sprache verwendet werden, sondern immer nur in Film und Medien. Die Formulierung »bleibt abzuwarten« existiert zum Beispiel nur in Leitartikeln. Die Formulierung »Du Schlampe!« dagegen wird fast nur in schlechten Synchronfassungen schlechter amerikanischer Filme verwendet. Der Typ, der in einem Film zu einer Frau »Du Schlampe!« sagt, trägt fast immer einen Dreitagebart, was in alten amerikanischen Filmen bedeutet, dass er ein Schurke ist, während es im heutigen Berlin bedeutet, dass er in der Medienbranche arbeitet.

Das Wort Schlampe ist nach meiner Ansicht nur deswegen im deutschen Sprachraum präsent, weil es in Amerika das Schimpfwort slut gibt, das man in Filmen irgendwie übersetzen muss. In Situationen, in denen ein Amerikaner slut sagt, würde ein Deutscher sehr wahrscheinlich sagen: »Das finde ich echt total scheiße, was du gemacht hast.« Das lässt sich aber nicht gut synchronisieren, und eine »Das finde ich echt total scheiße«-Parade passt in keine Überschrift.

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