Man könnte beim Anblick dessen, was sich gerade auf dem Tahrir-Platz von Kairo , im Londoner Viertel Tottenham, auf dem Rothschild Boulevard von Tel Aviv, in Madrid, in Tunesien oder in Chile tut, tatsächlich an 1968 denken. Auch damals lagen, bevor die Revolte losging, gut belegte Deutungen über eine insgesamt abgeklärte Jugendgeneration vor, die sich politischen Angeboten gegenüber reserviert zeigte, aber trotzdem das politische System nicht infrage stellte. Auch das, was sich seinerzeit in Caracas, Tokyo, Paris, Prag oder Berlin ereignete, war eine Reaktion auf ganz besondere lokale und kaum vergleichbare Bedingungen. Was hatte Mitte der 1960er Jahre schon das gedemütigte Berlin mit dem mondänen Paris oder dem lässigen San Francisco zu tun? Der Protest stellte sich als eine wilde Mischung aus heiterem Hippietum, ernster Weltverbesserei und surrealistischer Träumerei dar. Die Bewegung war voller roher Energie und gleichzeitig von einer unglaublichen Gutgläubigkeit. Wie aus heiterem Himmel schlug dieses Gemisch aus Gewalt, Leidenschaft und Grundsatzkritik ein – die Soziologen hatten es nicht vorausgesehen.

Heute ist alles genauso, aber mit einem entscheidenden Unterschied: 1968 lebte aus der Utopie, 2011 dagegen herrscht unter den Avantgardisten des Aufbruchs die Überzeugung, dass, solange sie leben, alles hoffnungslos schiefgelaufen ist. Selbst diejenigen, die in Tunesien Präsident Ben Ali vertrieben und in Ägypten den Despoten Hosni Mubarak vor Gericht gebracht haben, die in Israel Benjamin Netanjahu und in Chile Sebastiá Piñera die Stirn bieten oder in England David Cameron, in Spanien Premier José Zapatero demaskiert haben, glauben nicht daran, dass der Himmel aufgeht. Das System stimmt, aber es hat seinen Sinn verloren: Die Wirtschaft soll wieder dem Menschen und nicht der Mensch der Wirtschaft dienen.

Es ist dieser einfache Gedanke, der für sie wieder Hoffnung in eine Welt bringt, die sich komplett verrannt hat. Keiner kann ernsthaft glauben, dass man der Schuldenkrise der Staaten und der Entgleisung des Finanzsystems Herr werden kann, ohne dass die Gesellschaft den Preis dafür zahlt. Schließlich sind wir alle an diesem System beteiligt. Was wir den Amerikanern vorhalten, machen wir doch selbst. Wer kann sich denn bei uns ein Mittelklasseauto zwischen 30.000 und 60.000 Euro ohne Schuldverschreibung leisten?

Diese Einsichtsfähigkeit der Protestierenden erklärt den erstaunlich unheroischen Charakter der Bewegung. Es fehlen ein Che Guevara , ein Rudi Dutschke oder eine Angela Davis, die ihr Leben der Bewegung weihen. Man kennt zwar einige Gesichter, die sicher bald in der Modefotografie auftauchen werden, aber niemand von denen will ein Führer der Massen sein. Im Gegenteil: Keiner will allein kämpfen, man verbindet sich miteinander und setzt auf den Überraschungsprotest. Dieser bedient sich der Leere, die die Politik hinterlässt.

Einen polemischen Gesellschaftsbegriff sucht man vergebens. Im Gegenteil: Man will auf keinen Fall die Lebensform des Individualismus, der Demokratie, des Minderheitenschutzes und der freien Beweglichkeit in alle Richtungen ändern, sondern sie lediglich auf ihr wesentliches Maß zurückführen. Das ist der Sinn dieser Protestbewegung, die mit Vorstellungen wie Respekt vor den Lebensexperimenten des Einzelnen, Verantwortung für die Politik des Ganzen und der Wiederherstellung des Vertrauens in die Gesellschaft operiert. Irgendwo anzufangen ist besser, als das Ganze infrage zu stellen.

Das ist alles absolut diesseitig gedacht, ohne Träumereien von einem ganz »anderen« System. Dafür sind die Probleme, die einen bedrängen, viel zu konkret. Es existiert ein enormes Missverhältnis zwischen dem Versprechen, was aus einem werden kann, und den Chancen, die man dazu hat. Die Jungen fühlen, dass sie zu vielen Dingen auf den Leim gegangen sind. Die kreativen Jobs führen zu nichts, eine Wohnung kann man sich allein gar nicht leisten und Prada-Imitationen machen auf Dauer auch keine gute Laune. Man fühlt sich in einem Boot mit den Überzähligen der eigenen Generation, die mit schlechtem Essen, billiger Unterhaltung und derbem Sex abgespeist werden. Eine ganze Generation hat offenbar den Glauben verloren, ein Leben von Bedeutung führen zu können – in Tunesien wie in Israel, in England wie in Griechenland.