Renaissance-Ausstellung Wache Augen, tiefe Blicke

Als der Mensch sich selbst entdeckte: Eine großartige Ausstellung in Berlin zeigt die italienischen "Gesichter der Renaissance".

Und nie haben sie geblinzelt, ein halbes Jahrtausend lang nicht. Die Augen hellwach, schauen sie heraus aus ihren Bildern, manche gewitzt, andere skeptisch, einige auch neugierig, was wir wohl sagen werden über ihre unverwandten Blicke. Blicke, die mühelos Zeit und Raum überwinden, Jahrhunderte überspringen und sich um kulturelle Gräben nicht weiter scheren. Sodass diese Menschen, die lange schon tot sind, deren Namen oft niemand mehr kennt, hineinsehen ins Heute, uns direkt in die Augen.

Selten nur rückt einem die Kunst so nahe wie hier, in der großen Ausstellung des Bode-Museums in Berlin, die in dieser Woche eröffnet wird. Aus den nachtschwarzen Räumen leuchten die Gesichter der Renaissance, die all jene enttäuschen werden, die auf Sensationen und Spektakel hoffen. Zu sehen gibt es nichts als Köpfe, oft klein im Format, oft bescheiden in Komposition und Symbolik. Doch gerade in der eigentümlichen Stille, in der Selbstbescheidung liegt die ganz unbescheidene Bedeutung dieser Ausstellung. Sie führt zurück in jene Zeit, als der neuzeitliche Mensch begann, sich ein Bild von sich selbst zu machen – und dafür die Kunst neu erfand.

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Viele große italienische Künstler, die jetzt in Berlin zu sehen sind, Donatello ebenso wie Botticelli, Bellini, Mantegna, Raffael oder Leonardo, wurden damals zu Kupplern: Sie vermittelten die neue Nahbeziehung des Menschen mit sich selbst – und mit uns, den Betrachtern. Zuvor waren die Künstler vor allem im Auftrag der Macht unterwegs, sie illustrierten das Bedeutsame, fanden für christliche Lehren und weltliche Verheißungen eine Form oder besser: fassten sie in eine Formel. Gelegentlich durfte auf ihren Bildern auch ein gewöhnlicher Mensch erscheinen, als kniender Stifter oder sonst wie als Staffage. Doch erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts trat das selbstbewusste Ich voll in Erscheinung – an der Staffelei und vor derselben.

Bildwürdig waren plötzlich nicht nur Heilige, Helden und Könige, jetzt brauchte es keinen Rang, keinen Namen, kein historisches Drumherum mehr, es brauchte nur das nötige Geld, um einen Maler zu beauftragen, das eigene Antlitz für immer festzuhalten. Schlagartig löste sich der Mensch von den alten Zwängen und ersetzte – zunächst in den Niederlanden, wenig später auch in Italien – die alten Rollen- durch neue Selbstbilder.

Wie es dazu kam und warum das Porträt so ungemein schnell, binnen weniger Jahrzehnte, zu einer eigenen Gattung aufstieg, möchte die Berliner Ausstellung erkunden. Sie fragt, was die Bürgerbilder in Florenz und Venedig von den höfischen Herrscherporträts Norditaliens unterschied und was sie ausmacht. Sieben Jahre lang hat der Kurator Stefan Weppelmann die Ausstellung mit vielen Mitarbeitern vorbereitet, hat etliche Museen zu seltenen Leihgaben bewegen können, wollte mit hohem wissenschaftlichem Anspruch dem alten Geheimnis auf die Spur kommen, woher das erstaunliche Selbstbewusstsein der Renaissance rührt und warum es sich ausgerechnet in der Kunst entfaltet. Doch so akribisch Weppelmanns Herangehen, so anregend seine Zusammenstellung der Gemälde, Zeichnungen, Büsten und Medaillen auch ist – rätselhaft bleibt die plötzliche Hinwendung des Menschen zum Menschen weiterhin.

Porträts sollten »zu leben und zu atmen« scheinen, das war das Ziel der Maler

Gewiss, alle Porträtierten wollen Präsenz zeigen, sie wollen Dauer, wollen bleiben, als Bild. Sie reihen sich ein in einen Stammbaum, als Teil einer Ahnengalerie. Gerade die reich gewordenen Bürger verlangte es oft danach, sich eine eigene, glorreiche Geschichte zu konstruieren, und die Künstler waren ihnen mit antikisierenden Büsten gern behilflich. Doch geht dieses Verlangen nach Dauer einher mit einem Bedürfnis nach Intimität: Die Kunst wird persönlich. Und das vor allem erstaunt uns bis heute.

Leser-Kommentare
  1. Der Wirbel um diese Ausstellung, erinnert an die Blockbuster-Schauen "MoMA in Berlin" sowie "Die schönsten Franzosen". Man darf wieder anstehen oder sich Vip-Tickets besorgen. Aber es lohnt sich wohl, wie erste Bilder und Videos zeigen:
    http://www.artinfo24.com/...

    Allein schon die große Anzahl von qualitätsvoller Kunst, wahrscheinlich so schnell nicht mehr zu sehen, sollte zu einem Pflichtbesuch in Berlin animieren.

  2. Und am meisten hat mir dieser Satz gefallen :

    "Der Mensch ist nicht ein für alle Mal, was er zu sein scheint, er löst sich auf in viele Facetten und noch mehr Projektionen."

    Der Tropfen erlangte eine Bewußtseinserweiterung und erkannte sich selbst in der Renaissance.
    In der nächsten Erweiterung erkennt er sein Ozeansein ohne sein Tropfensein wieder zu vergessen.

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    gute Fotos!

    gute Fotos!

  4. gute Fotos!

  5. Die RENAISSANCE-Ausstellung führe zurück "in jene Zeit, als der neuzeitliche Mensch begann, sich ein Bild von sich selbst zu machen" – und dafür die Kunst NEU erfand. Schon der VOR-Neuzeit-Künstler schuf vielseitige Bildnisse "von sich selbst": Porträtkunst wandelte sich EVOLUTIONÄR seit der Steinzeit/Eiszeit-Kunst:

    Viele der Bildnisse die uns aus der Vergangenheit überliefert sind, gehören der „offiziellen“ Porträt-Malerei an: Feldherren, Herrscher, Kaiserinnen und Päpste wurden oft in IDEALisierender Weise dargestellt – weniger naturgertreu abbildend; als SYMBOL quasi ihrer Macht, Religiosität und sozialen Rolle. LUXUS-Malerei für REICHEn-Macht-und-Größe, die sich nur Adel, Kirche oder Großbürgertum als Auftraggeber leisten konnten.

    Kritische Porträtkunst (z.B. auch Karikatur, die Physiognomie-Aspekte übertreibt) befasst sich mit dem „wirklichen Aussehen“ einer Person – ist „realer“ durch mehr Rücksicht-Nehmen auf das unverwechselbare „wirkliche“ Aussehen der Persönlichkeit und des sozialen Status (Rang, Beruf … Lächerlichkeit) des Dargestellten.

    Die Sprache des GESICHTs – Gesichtszüge, Mienenspiel (Gebärdensprache,Gestenspiel), Seelenzustand (Glücklichsein, Schmerz) als Gefühlsnuancen gilt es zu erfassen und „abzubilden“; REAListisch – nicht naturalistisch-manieristisch. Die frühromantische Porträtmalerei (P.O. RUNGE) und fortschrittliche expressionistische Bildnis-Malerei gilt es HEUTE in einer ENR (Evolutions-Romantik) weiter zu entwickeln; Initiative IKVENR....

    • Mari o
    • 28.08.2011 um 22:26 Uhr

    ich glaube David Hockney
    http://en.wikipedia.org/w...

    Leo zum Beispiel ist durch das Vorbild:Spiegellinse
    auf seinen Verwisch/Sfumato Effekt gekommen.
    Gerhard Richter nich ;)

  6. Hanno RAUTERBACH meint: "Doch erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts trat das selbstbewusste Ich voll in Erscheinung – an der Staffelei und vor derselben." Dazu meine ich:

    Das Bewusstsein der Menschen in der Altsteinzeit (Eiszeit) war sehr eng mit der evolutionären Entwicklung des Kunst-Schaffens (Kunst-Bewusstseins-Evolution) verknüpft:

    Kunst kannten sie mutmaßlich noch nicht: Aber dass die Neandertaler(innen) der mittleren Altsteinzeit keineswegs dumm waren, sondern fürsorglich und Sinn für Schönheit hatten, bewies eine Ausstellung in Stuttgart. Die „schönen Künste“ kamen erst mit dem aus Afrika vor etwa 40.000 Jahren zugewanderten Homo sapiens sapiens. In der "Eiszeit“-Ausstellung wurde Anfang 2010 dargestellt:

    Mit ihm beginnt die Kulturstufe „Aurignacien“, die von vielen Innovationen geprägt ist. Damals entstanden auch die weltberühmten Kunstwerke aus den Höhlen. Zur Schau siehe mher in - http://www.giessener-zeit... (Evolutionisierung: Kunst der EISZEIT & STEINZEIT evolutionär).

    Aus der nächsten Kulturstufe, dem „Gravettien“, stammen viele FRAUEN-Figuren, oft GESICHTS-los, aber SEX-betont. Männer sind zu Phalli (wie aus dem Hohlen Fels) reduziert. Und im folgenden „Magdalénien“ sind Frauen auf ein "gebärfreudiges Becken" reduziert. Aus der Altsteinzeit gibt es auch Darstellungen von Frauenkörpern wie die bekannte 26.000 Jahre alte "Venus von Willendorf".

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