Siebeck Deutschland mit dem Gaumen suchend
Seite 2/4:

Es läuft wie überall auf die Rinderroulade mit Rotkraut hinaus

Abends erst, im Restaurant Anna Amalia des Hotels Elephant, vergesse ich angesichts der höchst raffinierten Version von Foie gras und des formidablen Seewolfs in der Salzkruste endlich mal für 150 Minuten die Weimarer Klassik, um mich ganz dieser modernen Küche des Chefkochs Marcello Fabbri zu widmen. Er wird im Übrigen von einer hochbegabten Zuckervirtuosin aus Brasilien namens Flavia Pinto de Carvalho assistiert.

Auch die kenntnisreiche Sommelieuse lässt mich vergessen, dass Weimar bei allem Weltruhm ein typisches Provinzstädtchen ist, dessen kulinarische Spezialitäten die Thüringer Bratwurst (unbestreitbar lecker!) sowie ein schwarzes Bier sind, das wie ein Guinness aussieht, aber nicht einmal wie ein Bamberger Rauchbier schmeckt.

Die Thüringer Bratwurst mag, überlebensgroß fotografiert, etwas plump aussehen, aber sie schmeckt köstlich.

Die Thüringer Bratwurst mag, überlebensgroß fotografiert, etwas plump aussehen, aber sie schmeckt köstlich.

Man sollte meinen, die Vielfalt der Kneipen und Cafés garantiere auch in der Alltagsgastronomie Abwechslung. Aber abgesehen von Thai- und anderem Asia-Fast-Food, gleichen sich die Küchen den Touristen an. In den einen arbeiten keine Könner, die anderen sind wenig anspruchsvoll. Und so läuft alles wie immer und wie überall auf die Rinderroulade mit Rotkraut hinaus.

Es sei denn, man geht ins ACC. Das heißt Autonomes Cultur Centrum und ist eine Künstlerkneipe mit angeschlossener Galerie. Hier wird eine alternative Art von Gastronomie angestrebt. Es gibt fast ausschließlich Bio-Weine, und die Kräuter stammen aus der progressiven Gärtnerei Essbare Landschaften in Mecklenburg-Vorpommern, die auch Berliner Edelküchen beliefert. Außerdem kann man den Koch am Herd beobachten und feststellen, dass hier Handarbeit geleistet wird. Die Gäste sitzen entweder vor dem Haus unter Bäumen oder in kleinen Stuben mit einer surrealistischen Tapete und können die ZEIT lesen.

Diesem gastronomischen Außenseiter entsprach vor 250 Jahren eine Gesellschaft um den »Weltbürger« Franz Liszt, der mit der Fürstin von Sayn-Wittgenstein einen postklassischen Salon führte, sozusagen die Gruppe 47 des 19. Jahrhunderts. Dieser Kreis, nicht großbürgerlich-klassisch wie die Goetheaner, sondern elitär-romantisch mit einer Spur von Avantgarde, brachte eine dauerhafte Aufregung in das gesellschaftliche Leben Weimars, mit den üblichen Intrigen und Skandalen, aus denen schöngeistige Zirkel ihre Energie beziehen. Als Liszt die Stadt nach dreizehn Jahren verließ, fiel Weimar zurück ins behäbig Provinzielle.

Ähnlich geht es vielleicht Bayreuth, dem fränkischen Städtchen, wenn der Rummel nach den Festspielen wieder einschläft. Die Festspiele sind ein Ereignis, das weltweit Gemüter, Nerven und Computer in Bewegung setzt wie das Oktoberfest in München.

Als ich zur Generalprobenzeit das Hotel Goldener Anker in Bayreuth betrat, empfingen mich zwei Personen in Kostümen des 18. Jahrhunderts, also Rokoko, also Mozart, was mich verwirrte. Ich hatte doch spätgotische Wucht erwartet, Männer im Harnisch auf Harley-Davidsons und festliche Fummel an feuergestählten Frauen. Aber das hätte nicht zu diesem bezaubernden Hotel gepasst. Wagner hin, Götterdämmerung her – der Goldene Anker war schon immer etwas Besonderes in Bayreuth, nicht nur während der Festspiele; ein kleines, privates Luxushotel.

Davon gibt es nicht viele in Europa. Es sind eher die liebsten Hobbys ihrer Besitzer als professionell geführte Herbergen. Das Private äußert sich oft in exzentrischen oder ästhetischen Details. So sind die Fernsehapparate in den Zimmern des Goldenen Ankers klobige Oldtimer, wie auch die Zimmerschlüssel keine Chipkarten, sondern Beispiele der Schmiedekunst aus dem Messingzeitalter sind, von Meister Mime handgeschmiedet.

Merkwürdigerweise merkt man in Bayreuth eine Woche vor Beginn der Festspiele von den bevorstehenden Feiern wenig. Gewiss hat die Buchhandlung gegenüber dem Hotel ein Schaufenster komplett mit Wagner-Titeln dekoriert, sodass, wer will, sich über Wagner und die Frauen und Wagner und die Juden informieren oder im Richard Wagner Kochbuch blättern kann. Aber das war’s dann auch schon. Keine Kugeln, wie sie in Salzburg zu Ehren Mozarts verkauft werden, keine zweizeiligen Zitate an Zimmer- und Häuserwänden.

Kann es sein, dass sich der Wagner-Kult auf den Grünen Hügel beschränkt wie das Oktoberfest auf die Theresienwiese? Oder hat auch hier, wie in Weimar, ein Konkurrent die Bühne betreten, der zufällig vor zweihundert Jahren geboren und einige Jahrzehnte später dann in Bayreuth gestorben ist, nämlich Franz Liszt? Die Bevölkerung mag den virtuosen Schwiegervater Wagners hier (und in Weimar) als willkommene Abwechslung zu den üblichen Stadtheiligen empfinden; jedenfalls ist es auffällig, wie intensiv er hier wie dort befeiert wird.

Katharina Wagner, die Leiterin der Bayreuther Festspiele, kommt in einem Vorwort zum Programmheft des Franz-Liszt-Jubiläums 2011 zu der Erkenntnis: »Musik kann Brücken schlagen.« Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie die Ururenkelin des Virtuosen ist und Richard Wagner ihr Urgroßvater war. Vorausahnend kommentierte Schiller im Wallenstein passend: »Potz Blitz, das ist ja die Gustel aus Blasewitz.«

In einer kleinen Fotoausstellung im Historischen Museum erfährt der Besucher, dass der Vielreisende Liszt Strecken von 1.000 Kilometern (nach Rom oder Budapest) in der Eisenbahn zurücklegte, wozu er sechs Tage brauchte. Zur gleichen Zeit wanderte Jean Paul, der auch in Bayreuth lebte, zu Fuß durch Oberfranken.

Ihm, der auf seinem langen Marsch hungrig geworden sein muss, ging es hoffentlich besser als mir. Ich habe in Bayreuths Innenstadt kein einziges Restaurant gefunden, dessen aushängende Speisekarte meine Neugier oder sogar meinen Appetit geweckt hätte. Ich sah im Vorbeigehen riesige Klöße in sumpfigen Saucen schwimmen, ich passierte tausend fränkische Bratwürste, die viel dünner sind als ihre Thüringer Schwestern, und ich freute mich über die Bemühungen der Bayreuther Köche, den unentrinnbaren, an der Haut gebratenen Zander wenigstens in diesem Teil Deutschlands zum Verschwinden zu bringen, indem sie ihn als einzigen Fisch in ihr Repertoire aufnehmen. Und warum wird im grünen Sommer 2011 das Sauerkraut als Gemüse bevorzugt?

Leser-Kommentare
  1. ... des großen Loriot zu zitieren: "Das ist fein beobachtet"! Ein Siebeck wie früher, auf dem Punkt, frisch und voller Biß. Chapeau! Und alles dramatisch perfekt um dieses nicht zu toppende Schillerzitat mit der Gustel ... – mehr ist zu "Wagners" nicht zu sagen. Herrlich.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. " ... wozu wir mit Vergnügen einen Elbling des lokalen Weingutes von Proschwitz trinken.
    Er ist klar, frisch, geradlinig, und ich beschließe, mich mehr um die Weine von Saale und Unstrut zu kümmern."
    Noch immer gilt "Wessis in Weimar"!
    Proschwitz liegt bei Meißen und das wiederum in Sachsen und noch dazu an der Elbe.
    Also Fehlanzeige mit Weinen von Saale und Unstrut.
    Der gepriesene Wein ist allerdings vorzüglich und hat Charakter.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... hat W.S. mit keiner Silbe behauptet, Proschwitz läge in so unmittelbarer Nähe von Weimar, daß man es dort "lokal" verorten würde. Er hat lediglich vom lokalen Weingut in Proschwitz geschrieben. Vollkommen legitim. Und daß er bei Saale und Unstrut die Elbtäler Weine nicht mit erwähnt, mag der Sachsen Stolz kränken (haben sie doch derzeit eher weniger Alternativen, auf die sie stolz sein können, wenn jetzt sogar Meißen den Bach runtergegangen wird ...), ist aber in einem so brillanten Beitrag eine eher läßliche Sünde, für die man nicht gleich wieder die Grundsatz-Keule schwingen muß. Wann wollt ihr denn einmal in der Gegenwart ankommen?

    ... hat W.S. mit keiner Silbe behauptet, Proschwitz läge in so unmittelbarer Nähe von Weimar, daß man es dort "lokal" verorten würde. Er hat lediglich vom lokalen Weingut in Proschwitz geschrieben. Vollkommen legitim. Und daß er bei Saale und Unstrut die Elbtäler Weine nicht mit erwähnt, mag der Sachsen Stolz kränken (haben sie doch derzeit eher weniger Alternativen, auf die sie stolz sein können, wenn jetzt sogar Meißen den Bach runtergegangen wird ...), ist aber in einem so brillanten Beitrag eine eher läßliche Sünde, für die man nicht gleich wieder die Grundsatz-Keule schwingen muß. Wann wollt ihr denn einmal in der Gegenwart ankommen?

  3. ... hat W.S. mit keiner Silbe behauptet, Proschwitz läge in so unmittelbarer Nähe von Weimar, daß man es dort "lokal" verorten würde. Er hat lediglich vom lokalen Weingut in Proschwitz geschrieben. Vollkommen legitim. Und daß er bei Saale und Unstrut die Elbtäler Weine nicht mit erwähnt, mag der Sachsen Stolz kränken (haben sie doch derzeit eher weniger Alternativen, auf die sie stolz sein können, wenn jetzt sogar Meißen den Bach runtergegangen wird ...), ist aber in einem so brillanten Beitrag eine eher läßliche Sünde, für die man nicht gleich wieder die Grundsatz-Keule schwingen muß. Wann wollt ihr denn einmal in der Gegenwart ankommen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    hat sich im Ilmtal bei Weimar groß eingekauft; vor kurzem gab es dort auch eine Provinzposse um den Erwerb von Grundbesitz für die Kellerei. Ob der angebotene Wein von dort oder von der Elbe stammt, entzieht sich aber meiner Kenntnis.

    hat sich im Ilmtal bei Weimar groß eingekauft; vor kurzem gab es dort auch eine Provinzposse um den Erwerb von Grundbesitz für die Kellerei. Ob der angebotene Wein von dort oder von der Elbe stammt, entzieht sich aber meiner Kenntnis.

  4. Ich finde es unter sozialpolitischen und geriatrischen Aspekten in Ordnung, dass Sie Herrn Siebeck Gelegenheit geben, öffentlichkeitswirksam noch am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Leider sind seine Kommentare die Lübecker Gastronomie betreffend falsch, entwertend, arrogant und entwürdigend - entwürdigend für Herrn Siebeck, der so viele fundierte Kritiken geschrieben hat.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. nicht schlecht, doch bei weitem nicht gut, dieser artikel.nun, herr siebeck, sie sollten mal meinen musse au chocolat mit einem glas haut medoc probieren, es koennen
    auch 2 glaeser sein, es geht auch mit st.julien oder einfachen von der rhone, diese weine passen auch zu marzipan aus luebeck.
    es gruesst sie chef patissier hansito

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... beleidigter Leberwürste angestochen, der gute W. S.; Lieber Chefpatissier, Sie dürfen die "Mousse" auch so schreiben. Auch wenn Sie sie nicht so toll zubereiten können, wie Ihr betroffenes Bellen vermuten läßt.
    Ich habe gerade mal Siebecks Mousse au Chocolat rekapituliert und möchte meine dagegen halten. Geht einfach und schmeckt himmlisch. Allerdings: Ohne Cognac ...

    Mousse au chocolat

    Ingrédients (4 personnes):
    250 g de chocolat noir (au moins 85% de cacao), 1 cuillère à soupe de sucre glace, 100 g de beurre, 5 oeufs, 4 cuillère à soupe d' eau, 1 pincée de sel

    Préparation:
    Séparer les blancs des jaunes d' oeufs.

    Dans une casserole faire fondre le beurre, le chocolat, le sucre et l' eau. Retirer du feu dés que la crème est bien onctueuse, et y incorporer les jaunes d' oeufs.

    Fouetter les blancs avec la pincée de sel, et quand ils sont bien fermes les incorporer, petit à petit, à la crème au chocolat.

    ... beleidigter Leberwürste angestochen, der gute W. S.; Lieber Chefpatissier, Sie dürfen die "Mousse" auch so schreiben. Auch wenn Sie sie nicht so toll zubereiten können, wie Ihr betroffenes Bellen vermuten läßt.
    Ich habe gerade mal Siebecks Mousse au Chocolat rekapituliert und möchte meine dagegen halten. Geht einfach und schmeckt himmlisch. Allerdings: Ohne Cognac ...

    Mousse au chocolat

    Ingrédients (4 personnes):
    250 g de chocolat noir (au moins 85% de cacao), 1 cuillère à soupe de sucre glace, 100 g de beurre, 5 oeufs, 4 cuillère à soupe d' eau, 1 pincée de sel

    Préparation:
    Séparer les blancs des jaunes d' oeufs.

    Dans une casserole faire fondre le beurre, le chocolat, le sucre et l' eau. Retirer du feu dés que la crème est bien onctueuse, et y incorporer les jaunes d' oeufs.

    Fouetter les blancs avec la pincée de sel, et quand ils sont bien fermes les incorporer, petit à petit, à la crème au chocolat.

  6. ... beleidigter Leberwürste angestochen, der gute W. S.; Lieber Chefpatissier, Sie dürfen die "Mousse" auch so schreiben. Auch wenn Sie sie nicht so toll zubereiten können, wie Ihr betroffenes Bellen vermuten läßt.
    Ich habe gerade mal Siebecks Mousse au Chocolat rekapituliert und möchte meine dagegen halten. Geht einfach und schmeckt himmlisch. Allerdings: Ohne Cognac ...

    Mousse au chocolat

    Ingrédients (4 personnes):
    250 g de chocolat noir (au moins 85% de cacao), 1 cuillère à soupe de sucre glace, 100 g de beurre, 5 oeufs, 4 cuillère à soupe d' eau, 1 pincée de sel

    Préparation:
    Séparer les blancs des jaunes d' oeufs.

    Dans une casserole faire fondre le beurre, le chocolat, le sucre et l' eau. Retirer du feu dés que la crème est bien onctueuse, et y incorporer les jaunes d' oeufs.

    Fouetter les blancs avec la pincée de sel, et quand ils sont bien fermes les incorporer, petit à petit, à la crème au chocolat.

    Antwort auf "der nun schon wieder"
  7. hat sich im Ilmtal bei Weimar groß eingekauft; vor kurzem gab es dort auch eine Provinzposse um den Erwerb von Grundbesitz für die Kellerei. Ob der angebotene Wein von dort oder von der Elbe stammt, entzieht sich aber meiner Kenntnis.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service