Weil der König seine Schulden nicht bezahlte, gingen die Peruzzi pleite. Und mit ihnen die Bardi, das andere große Florentiner Geldhaus, das ebenfalls ein Vermögen in England investiert hatte. Florenz erlebte den ersten Finanzcrash der Geschichte. "Und anders als heute war niemand da, der die Banken rettete", sagt der Bamberger Historiker Heinrich Lang .

Danach gibt es in Florenz keine Geldverleiher mit nennenswerten Reserven mehr. Die Regenten der Stadt haben nur zwei Möglichkeiten, sich aus der Finanznot zu befreien: eisern sparen und auf Kriege verzichten oder einen anderen Weg finden, der am Zinsverbot der Kirche vorbei zu neuem Kapital führt.

Kein Geld mehr für Spaniens Krone, aber für die niederländische Republik

Den Florentinern gelingt Letzteres. Wie in ähnlicher Form auch Venedig und Genua führen sie ein System rückzahlbarer Steuern ein. Die Bürger bezahlen, bekommen ihr Geld aber wieder, und zwar mit Gewinn. Da es sich um eine Zwangsabgabe handelt, hat die Kirche nichts dagegen, dass die Bürger eine Entschädigung kassieren. Einen legalen Zins.

Jetzt fließt wieder Geld in die Staatskasse. Söldner können bezahlt, Schlachten geschlagen werden: Die Florentiner leihen sich das Kapital von sich selbst. "Eine revolutionäre Idee, die die Welt für immer verändern sollte", wie der britische Historiker Niall Ferguson meint, Autor des Buches Der Aufstieg des Geldes.

Als Zahlungsbeleg erhält jeder Bürger einen Schuldschein. Eine Staatsanleihe. Wer sie besitzt, bekommt die entrichtete Summe zurück, plus Zinsen. Die Papiere sind folglich Geld wert, es dauert nicht lange, bis die Leute sich die Scheine gegenseitig abkaufen. Dabei hängt der Wert der Anleihen davon ab, ob die Bürger es der Stadt zutrauen, ihre Verbindlichkeiten zu begleichen. Sind die Schulden niedrig, die Einnahmen hoch, steigen also die Chancen auf Rückzahlung, dann wächst der Wert der Papiere – im anderen Fall sinkt er. Ein Mechanismus, der auch für die griechischen oder amerikanischen Staatsanleihen von heute gilt. "Die Italiener haben den Wertpapierhandel erfunden", schreibt der amerikanische Historiker James MacDonald, Autor eines Buches über die Geschichte der Staatsverschuldung.

Von Italien aus verbreitet sich die Staatsanleihe in Europa. Als Erste übernehmen die Niederlande das System. Zunächst fällt das nicht weiter auf. Dann aber, 1568, erheben sie sich gegen die Herrschaft der Spanier. Ein Volk von knapp anderthalb Millionen Menschen zieht in den Krieg gegen eine Weltmacht, die mehr als zwanzig Millionen zählt – und gewinnt.

Der Sieg hat viele Gründe. Einer der wichtigsten aber ist, dass die kleinen Niederlande eifrig Kredite aufnehmen und deshalb finanziell mit dem großen Spanien mithalten können. Und das, obwohl auch die spanischen Könige nicht vor Schulden zurückschrecken. Im Gegenteil: Wie einst Edward von England pumpen sie halb Europa an. Und genau wie Edward nehmen sie sich die Freiheit, das Geld nicht zurückzuzahlen. Einen König wirft niemand in den Schuldturm. Die Folge derartigen Finanzgebarens aber ist, dass die spanische Krone kaum noch Kredit bekommt. Niemand mehr will den mächtigen Herrschern mit ihren weißen Stehkragen Geld leihen. Der spanische König Philipp II. wird im Jahr 1580 dazu sagen: "Ich habe es nie geschafft, diese Sache mit Darlehen und Zinsen zu verstehen."

Die Niederländer dagegen haben sie längst begriffen. Vermögen haben die Kaufleute von Amsterdam und Rotterdam reichlich. Also holt sich der Staat das Kriegskapital per Anleihen von den eigenen Bürgern. Nicht mehr mit Zwang wie einst in Florenz, sondern freiwillig, wie heute; das Zinsverbot spielt keine große Rolle mehr. Die Bürger zahlen gerne. Sie sind es, die in der jungen Republik das Sagen haben. Letztlich leihen sie sich selbst das Geld für die Kanonen, die ihrem Land den Sieg bringen.

So wird die Staatsanleihe zur monetären Waffe der Volksherrschaft – und das absolutistische Frankreich zu ihrem berühmtesten Opfer. 1788 muss der französische König Ludwig XVI. den Staatsbankrott einräumen , im Jahr darauf stürmt das Volk die Bastille. Das Seltsame ist: England hat damals, gemessen an der Wirtschaftsleistung, fast dreimal so viele Schulden wie Frankreich. Trotzdem ist das Land zahlungsfähig. Das bürgerliche Königreich holt sich das Geld per Staatsanleihen vom eigenen Volk. In Paris aber schrieb ein hoher Beamter schon Jahre zuvor frustriert in einem Brief: "Wenn die Leute den König für einen Despoten halten, wird es unmöglich, an Kredite heranzukommen."

Heute, mehr als zweihundert Jahre später, haben die Staaten der Welt nicht mehr viele Despoten aufzuweisen. Dafür umso mehr Schulden. Amerikaner, Deutsche oder Briten leihen sich das Geld längst nicht nur von sich selbst. Das Vermögen eines einzelnen Volkes genügt meist nicht mehr, um einen Staat zu finanzieren. Heute sind Banken, Versicherungen und Investmentfonds rund um die Erde die wichtigsten Käufer der Staatsanleihen.

Immer noch aber geht es darum, dass reiche Investoren ihr Geld den Staaten der Welt überlassen, weil sie meinen, es mit Gewinn zurückzubekommen. Und immer noch fürchten diese Staaten vor allem eines: dass die Investoren ihre Meinung ändern.

Der amerikanische Politikberater James Carville , einst Wahlkampfmanager des späteren Präsidenten Bill Clinton, drückte es so aus: "Früher dachte ich, wenn es eine Wiedergeburt gibt, will ich als Präsident oder Papst oder Baseballstar zurück auf die Erde kommen. Inzwischen aber möchte ich als Staatsanleihenmarkt wiedergeboren werden. Da kannst du jedem Angst einjagen."