Als er im Frühsommer durch das Fernsehen von den Opfern der Ehec-Epidemie erfuhr, weckte das bei Landwirt Heinrich Strohsahl üble Erinnerungen: »Das war, als sähe ich einen Film, den ich selbst erlebt habe.« Bis vor drei Jahren führte seine Familie einen großen Milchviehbetrieb mit mehreren Standorten bei Itzehoe in Schleswig-Holstein. Im Sommer 2007 bemerkte Heinrich Strohsahl, dass seine Kühe merkwürdig schläfrig wirkten. Die Tiere brauchten viel länger als sonst, um von der Weide in den Stall zu kommen. Im Melkstand gaben sie kaum Milch, aber wenn sie danach zum Fressen wankten, lief ihnen die Milch aus den Eutern.

»Heute weiß man: Das zentrale Nervensystem der Kühe war gelähmt«, erzählt Strohsahl. Doch damals rätselten er und sein Bruder wie auch der Tierarzt, der Melkanlagentechniker, der Fütterungsberater und später die Amtsveterinäre, woran die Tiere litten. Und dann begann das große Sterben: Erst gebaren die Kühe tote Kälber, dann verendeten die erwachsenen Tiere.

Heinrich Strohsahl ist kein Mann, der frei über seine Gefühle redet. So lässt sich nur erahnen, was er durchlitt, als er Wochen später selbst erkrankte. »Ich musste zwischen 30 und 70 Mal am Tag auf die Toilette und wurde immer schwächer.« Am Ende konnte der junge, kräftige Landwirt »nicht mal mehr einen Eimer anheben«, berichtet er. »Mit 85 Prozent Muskelkraftversagen kam ich schließlich ins Krankenhaus nach Hannover.« Dort blieb er viele Wochen – und überlebte, anders als die meisten seiner Rinder. 1.300 Tiere haben die Strohsahls verloren, alle Rinder, die nicht gestorben sind, mussten geschlachtet werden, die Ställe wurden abgerissen. Heinrich Strohsahl arbeitet heute als Angestellter in einem anderen Betrieb.

Die rätselhafte Rinderseuche auf dem Hof der Familie ist kein Einzelfall. Auf vermutlich Hunderten Milchhöfen in Deutschland sind in den vergangenen Jahren ganze Herden erkrankt oder im Extremfall wie bei den Strohsahls verendet, ohne dass zunächst eine klare Krankheitsursache gefunden wurde. Das Institut für Bakteriologie an der Universität Leipzig hat fünfzehn eingeschläferte Rinder der Familie Strohsahl untersucht und im Pansensaft von vierzehn Tieren das Bakterium Clostridium botulinum nachgewiesen. Die Institutsleiterin Monika Krüger geht davon aus, dass diese Gift produzierenden Bakterien den Darmtrakt der Rinder besiedelt und sie so schleichend vergiftet haben.

Doch um diese Diagnose – den chronischen Botulismus – wogt unter Wissenschaftlern und Tierärzten ein bizarrer Streit. Der klassische Botulismus verläuft nämlich akut: Er führt in wenigen Stunden zum Tod, ausgelöst durch die Bakteriengifte, die Botulinumtoxine . Deren Erzeuger, eng verwandt mit dem Wundstarrkrampf auslösenden Clostridium tetani , kommen überall im Boden vor und vermehren sich unter Luftabschluss. Ihre Gifte sind die gefährlichsten, die die Natur produziert.

Zehn Nanogramm (Milliardstelgramm) können einen Menschen töten, und ein halber Liter reicht theoretisch für eine Millionenstadt. Rührte man einen halben Teelöffel Botulinumtoxin ins Steinhuder Meer und tränke daraus ein Glas Wasser, man stürbe qualvoll innerhalb weniger Stunden an Lähmungen und Atemnot.

In winzigen Dosen wird das Gift heute aber auch medizinisch genutzt unter dem Kurznamen Botox. Schönheitschirurgen spritzen den gefährlichen Stoff zur Faltenbehandlung. Dass er tödlich sein kann, ist lange bekannt: Der Arzt Justinus Kerner hat Anfang des 19. Jahrhunderts den plötzlichen Tod nach dem Verzehr von Lebensmitteln mit dem Botulinumtoxin als Wurstvergiftung beschrieben. Damals wurden Clostridien oft in unsauber verarbeiteten Würsten, Räucherschinken oder Konserven verzehrt.