HeuschnupfenWild blühender Reiz

"Ambrosia artemisiifolia" verteilt wieder ihren Pollen. Wie lässt sich der Heuschnupfen-Albtraum ausmerzen? von 

So weit wie die Beifuß-Ambrosie breitet sich kaum eine Pflanze aus. Das unscheinbare Grünzeug hat es bis in den App-Store hineingeschafft. Seit Mitte August können iPhone-Besitzer das Programm Ambrosia Scout auf ihre Telefone laden. Eine App für ein blödes Unkraut!

»Bitte helfen Sie mit, den gefährlichen Eindringling aus unserer Region zu verdrängen«, appelliert das brandenburgische Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, das die App entwickelt hat. Wo immer Bürger auf eine Ambrosie stoßen, sollen sie tapfer ihr Handy zücken. Mithilfe des Scout lassen sich die genaue Position, Menge und Größe des Unkrauts in eine Datenbank an der Freien Universität Berlin eintragen. Das stillt die Wissbegierde der Botaniker, die Wünsche des Ministeriums gehen indes weiter: »Sie sind auch herzlich eingeladen, die Pflanzen vor Ort selbst zu vernichten.«

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Das mag verwundern. Ist doch Ambrosia artemisiifolia (hierzulande meist Beifuß-Ambrosie genannt, auch Aufrechte Ambrosie oder Beifußblättriges Traubenkraut) in ihrer Erscheinung eher schlicht. Einem behaarten Stengel entspringen etliche an Ober- wie Unterseite sattgrüne Blätter, deren zerzauste Form zum englischen Namen ragweed (von rag , Fetzen) inspirierte.

Schäbig aussehen, das können ja viele Pflanzen. Aber nur die Ambrosie trägt Pollen, den Allergie-Experten zu den schlimmsten überhaupt zählen. Und jede einzelne Ambrosia kann bis zu einer Milliarde davon produzieren. Die unscheinbare Pflanze mit dem schönen Namen löst besonders schweren Heuschnupfen aus, der in schlimmen Fällen chronisch werden und zu Asthma führen kann.

Das wild wuchernde Gesundheitsrisiko ist eine invasive Spezies aus Übersee, die im 19. Jahrhundert wohl mit Getreide- oder Gemüsetransporten aus Nordamerika über den Atlantik gelangte. In Südfrankreich und Norditalien hat sich Ambrosia längst festgesetzt. Besonders schlimm ist es in Ungarn, von wo aus der Einwanderer wohl nach Ostdeutschland gelangte. Über die ebenfalls stark befallene Schweiz gelangte Ambrosia an den Oberrhein. Dieser ungestümen Ausbreitung wegen hat das zuständige Bundesforschungsinstitut in Braunschweig vor fünf Jahren ein »Aktionsprogramm Ambrosia« beschlossen. Ebenso lange gilt in der Schweiz eine Verordnung über die obligatorische Überwachung und systematische Ausrottung.

Damit wäre amtlich alles geklärt, wenn sich der Eindringling nur auf Vorgärten und Blumenbeete beschränkte! Doch sprießen Beifuß-Ambrosien bevorzugt in Brachen, unentdeckt von sensibilisierten Hobby-Unkrautjägern. Was tun? An der Schweizer Universität Fribourg haben Wissenschaftler um den Ökologen Heinz Müller-Schärer nun eine Pilz- und sechs Insektenarten ausgemacht, die man auf Ambrosienjagd schicken könnte – darunter den dekorativen Mexikokäfer. In der Fachzeitschrift Weed Research schreiben die Forscher, alle sieben Kandidaten ernährten sich hauptsächlich von Pollen und Samen der Ambrosie. Dementsprechend würden sie in freier Natur, schlicht ihrem Appetit folgend, die »unerwünschte Pflanze« ganz von selbst suchen und ausmerzen.

Dieselbe Idee hatte man in China und wollte dort massenweise den Falter Epiblema strenuana züchten. Doch stellte sich dieser als großer Liebhaber nicht nur der Ambrosie, sondern auch der Sonnenblume heraus – ein mahnendes Beispiel gegen voreilige Freilandversuche. Die Fribourger Forscher wollen daher ihre sieben Kandidaten zunächst darauf kontrollieren, ob nicht »verwandte Pflanzenarten ebenfalls Schaden nehmen könnten«. Nicht dass in ein paar Jahren eine App gegen überhandnehmende Mexikokäfer nötig wird.

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Leserkommentare
    • qwer89
    • 06. September 2011 12:30 Uhr

    Die Blätter der abgebildeten Pflanze sind behaart und außerdem einfach fiederteilig. Es handelt sich offenbar um eine Stauden-Ambrosie (Ambrosia psilostachya). Bei A. artemisiifolia sind die Blätter aber doppelt fiederteilig und wie auch im Text erwähnt glänzend grün.

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    Redaktion

    Lieber Leser,

    Vielen Dank für den Hinweis. Sie kennen sich ja offenbar wirklich gut mit Ambrosia-Pflanzen aus.

    Leider kann ich ohne eine doch zu zeitaufwendige Pflanzenbestimmung mit Bestimmungsbuch jetzt nicht nachprüfen, ob Sie Recht haben oder der dpa-Fotograf.

    In den Bildinformationen der Presseagentur zu dem Foto steht jedenfalls:

    "Eine Detailaufnahme (Archivfoto vom 18.08.2008) des Pollenstandes einer Beifuß-Ambrosie-Pflanze (Ambrosia artemisiifolia)"

    Damit nichts falsch stehen bleibt, ist die Bildunterschrift nun allgemeiner gefasst.

    Viele Grüße.

  1. Redaktion

    Lieber Leser,

    Vielen Dank für den Hinweis. Sie kennen sich ja offenbar wirklich gut mit Ambrosia-Pflanzen aus.

    Leider kann ich ohne eine doch zu zeitaufwendige Pflanzenbestimmung mit Bestimmungsbuch jetzt nicht nachprüfen, ob Sie Recht haben oder der dpa-Fotograf.

    In den Bildinformationen der Presseagentur zu dem Foto steht jedenfalls:

    "Eine Detailaufnahme (Archivfoto vom 18.08.2008) des Pollenstandes einer Beifuß-Ambrosie-Pflanze (Ambrosia artemisiifolia)"

    Damit nichts falsch stehen bleibt, ist die Bildunterschrift nun allgemeiner gefasst.

    Viele Grüße.

    Antwort auf "Falsches Bild?"
  2. Schade, der Link zur "Deutschlandkarte - Die Ambrosiaplage" hält leider nicht, was er verspricht. Jedenfalls konnte ich keine Karte entdecken.

  3. Bei mir im Garten wächst besagte Pflanze regelmässig unter der Vogelfutterstelle. Samen sind wohl im handelsüblichen Vogelfuttermix enthalten.

    Das muss nicht sein und sollte streng überwacht und auch bestraft werden! (zum Beispiel mit Geldstrafe für Vogelfutterhändler oder -produzenten, die auf diese Weise die gefährliche Pflanze deutschlandweit in Umlauf bringen).

    Ist jetzt nur meine Beobachtung, aber diese wurde regelmässig seit mehreren Jahren - auch 2011 - gemacht.

    aj

    Eine Leserempfehlung
  4. Die Ambrosie wirkt durchaus allergen. Und nicht nur die Schleimhäute des Atemtraktes scheinen angegriffen, sondern bisweilen unsere Fähigkeit zur differenzierten Betrachtung und Wahrnehmung.
    Leider treffen viele Artikel und politische Statements zu diesem Thema den Ton aufgeregter Chaträume.
    Krieg, Vernichtung, ausmerzen...
    Die Schweiz hat die ethische Verpflichtung des Menschen nicht nur sich selbst und dem Tiere, sondern auch der Pflanze gegenüber in die Verfassung aufgenommen.
    Auch wenn die Ambrosie ein Problem darstellt, so sollte doch ein gewisser Respekt vor dem Leben und der Pflanze möglich sein..

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  • Schlagworte App | Asthma | Freie Universität Berlin | Gesundheitsrisiko | Heuschnupfen | Ostdeutschland
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