Deutsche-Bank-ChefDer Unfassbare

Der Inder Anshu Jain wird 2012 Chef der Deutschen Bank. Um ihn ranken sich viele Gerüchte. Hier ist seine Geschichte von , , und

Anshu Jain, Deutsche-Bank-Chef in spe

Anshu Jain, Deutsche-Bank-Chef in spe  |  © Arne Dedert/AFP

Als sich Anshu Jain an einem Tag im Frühsommer 1995 bei der Deutschen Bank vorstellt, riskiert er seine Karriere. Jain ist 32 Jahre alt, lebt in New York und arbeitet für Merrill Lynch, die größte Investmentbank jener Jahre. Er ist gerade dabei, sich an der Wall Street einen Namen zu machen. Die Deutsche Bank hingegen ist im Kapitalmarktgeschäft eine kleine Nummer – und keineswegs die erste Adresse für hungrige Nachwuchsbanker.

Die Neugier lässt Anshu Jain nach London fliegen und die Great Winchester Street aufsuchen. Dort steht das stolze, sandsteinerne Stammhaus von Morgan Grenfell, einer Tochter der Deutschen Bank. Deren Chef Michael Dobson darf gerade Millionen in die Hand nehmen, um ein schlagkräftiges Team aufzubauen, denn die Frankfurter wollen im Investmentbanking endlich ganz oben mitspielen.

Anzeige

Jain trifft Dobson im alten Partner’s Room, einem großen Konferenzzimmer mit Kamin und dunklen Paneelen aus Mahagoni. Dobson – Eton, Cambridge, aristokratische Erscheinung – erläutert seine Pläne. Je länger das Gespräch dauert, desto mehr schwinden Jains anfängliche Zweifel. Er ist fasziniert von der Möglichkeit, praktisch aus dem Nichts eine neue Investmentbank zu erschaffen. Und Dobson ist angetan von dem jungen Mann, der intelligent und selbstbewusst, aber nicht arrogant auftritt. Er stellt ihn auf der Stelle ein.

Sechzehn Jahre sind seither vergangen.

Am 25. Juli 2011 sitzt Anshu Jain in seinem Büro im Frankfurter Hauptquartier der Deutschen Bank. Die "Deutsche", wie sie an den Kapitalmärkten heißt, ist inzwischen eine der führenden Investmentbanken weltweit – und hat einen wochenlangen Streit um die Nachfolge von Vorstandschef Josef Ackermann hinter sich.

Es ist früher Abend, als Jain gebeten wird, sich auf den Weg zum Saal in Turm A zu machen, in dem seit 19 Uhr der Aufsichtsrat tagt. Auch Jürgen Fitschen, ein Vorstandskollege, wird gerufen. Aufsichtsratschef Clemens Börsig bittet beide hinein und verkündet, der Aufsichtsrat habe einstimmig beschlossen, Jain und Fitschen gemeinsam zu Vorstandschefs zu berufen . Seine Glückwünsche. Ob sie die Bestellung annähmen, fragt Börsig die beiden Männer. Einzeln. Auf Deutsch.

Ja, sagt Jürgen Fitschen. Yes, sagt Anshu Jain.

Die Deutschen hingegen wissen noch nicht so recht, was sie sagen sollen. Anshu Jain ist einer der erfolgreichsten Banker der Welt. Eine Gewinnmaschine. Ein "Halbgott", wie die britische Financial Times schreibt. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank aber ist mehr als der oberste Finanzmann des Landes. Er ist Ansprechpartner der Kanzler und Ratgeber der Konzerne. Er steht unter der Beobachtung einer Öffentlichkeit, die sich über Exporterfolge deutscher Firmen freut, die weite Welt aber ansonsten gern aussperren würde.

Chefwechsel bei der Deutschen Bank haben etwas von einer Zäsur, und für diesen gilt das ganz besonders: Noch nie ging der Schlüsselposten der deutschen Wirtschaft an einen Banker, der nicht aus dem deutschen Sprachraum stammt. Noch nie gelangte ein Londoner Investmentspezialist in Frankfurt so weit nach oben. Und noch nie wussten die Bundesbürger so wenig über den neuen Chef. Er sei ein Zocker, zugleich aber ein tief religiöser Mensch, der keinen Alkohol trinke und keine Interviews gebe, heißt es.

Daran ist so ziemlich alles falsch. Aber was ist richtig?

Die ZEIT hat Anshuman "Anshu" Jain bei einigen seiner wenigen Auftritte beobachtet, sie hat mit langjährigen Weggefährten gesprochen, Managerkollegen, mit engen Mitarbeitern, Politikern und Kunden. Sie hat in Frankfurt, London und Indien recherchiert, um sich auf die Spur des wahren Anshu Jain zu begeben. Aus vielen Mosaiksteinen ergibt sich das Bild eines Mannes, der die Deutschen überraschen wird – und fordern.

Leserkommentare
  1. Anshu Jain hat unglaubliche Führungsstärke aber er ist ein schlechter Händler.

    Ein würdiger Nachfolger Ackermanns, es bleibt zu hoffen, dass Jain gute Nachfolger für Global Markets benennt, damit 2008,2009 und 2010, die schlechten Jahre endlich vergessen werden können.

  2. Endlich mal wieder ein Artikel von Format, der an die großen Zeiten der "Zeit" erinnert.

  3. Anshu Jain interessiert, ob etwas funktioniert und dafür tut er alles.

    Gebt ihm die Aufgabe den Markt oder ein Land zu zerstören, er wird es loyal durchführen.

    • SeKing
    • 03. September 2011 7:05 Uhr

    Es macht den Anschein, als ob die eigentliche Intention dieses Artikels das Beeindrucken des Lesers sei. Ein Titel wie "Der Unfassbare" klingt etwas nach einem Comic aus den 80igern und soll wohl irgendwelche heroistischen Assoziationen beim Leser wecken.

    Für mich sieht es aber so aus, als ob der Autor diesen Titel des Artikels und auch die generelle Stoßrichtung schon vor Beginn seiner Recherchearbeiten festgesetzt hat und im Laufe der Zeilen immer wieder verkrampft versucht, diesen gerecht zu werden, ohne aber passendes Material bieten zu können.

    Anshu Jain wird den Deutschen also überraschen und fordern? Etwa weil er den unglaublichen Mut hatte, schon vor dem Kauf von MortgageIT Bedenken zu haben, diese aber nicht zu äußern bzw. durchzusetzen? Oder doch, weil er beim Golfen diese unbeschreibliche Nüchternheit besaß und den Ball lieber lupfte als an ihm vorbei zu schlagen? Vielleicht aber auch, weil er bei der Suche nach einem Berggorilla immer wieder von Ameisen attackiert wurde?

    Für mich reichen diese Geschichten nicht aus, Anshu Jain dorthin zu jubeln, wo ihn der Autor des Artikels wohl gerne sehen würde. Manchmal ist es dann vielleicht doch die bessere Entscheidung, "den Unfassbaren" schlichtweg unfassbar zu lassen.

    • Allora
    • 03. September 2011 9:37 Uhr

    Die Deutsche Bank hat nach dem wenig überzeugenden Deutschen Breuer ja schon den kompetenten Schweizer Ackermann zum Vorstandssprecher gemacht.

    Jetzt soll es dann der Spezialist Jain werden, der dem Bericht zufolge nicht mal höflich auf deutsch "ja" sagen kann.

    Wäre ich als Deutscher ein Banker in einer großen indischen Bank, ich würde wirklich nicht erwarten, die Leitung derselben übernehmen zu können.

    Ich fände das eher sehr seltsam und würde befürchten, daß die da offensichtlich keine eigenen geeigneten Bewerber finden können.

  4. wie für SeKing ist die Gestalt der Story für mich deprimierend.
    4 Autoren haben recherchiert und die wunderschönen Bausteine der
    Saga kommen dann doch allesamt von Kains Medienberater.
    Als ob das Investmentbanking ansteckend ist,
    "man lügt und schweigt danach gemütlich". Von wem sonst würde die
    Mär der Zweifel an MortgageIT kommen ?
    Jain selbst würde eine solch durchsichtige Geschichte keinem seiner
    Kunden erzählen, denn die würden das sicher unter "self-serving" ablegen.

  5. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf das mehrfache Einstellen identischer Inhalte. Danke. Die Redaktion/vn

    • Glik
    • 03. September 2011 10:03 Uhr

    Der Mann kann auf seinem Fachgebiet ein As sein wie ermag - wenn er nicht im Ansatz der Landessprache mächtig ist, darf er einen solchen Posten nicht bekommen. Das gilt hier wie in anderen Ländern auch, und ist wohl dem Wahn des Globalisierungsgedankens geschuldet.

    Sprache und kulturelles Verständnis sind Voraussetzung für loyales Handeln im Interesse eines Landes - speziell in solch wichtigen Positionen. In kritischen Firmenphasen dürfte diese Loyalität nicht sonderlich ausgeprägt sein. Menschlich halt.

    Das ist Jain selbst nicht vorzuwerfen - wer würde so einen Job nicht annehmen - aber den Verantwortlichen für diese Personalentscheidung. Und dass es in diesem Land nicht auch geeignete Leute gäbe, soll mal keiner erzählen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Weshalb soll einem Finanzinstitut, das global tätig ist, kein Chef vorstehen, der aus einer globalen Tätigkeit kommt? Der bisher aus seiner globalen Tätigkeit immense Erträge für die D e u t s c h e Bank erwirtschaften konnte?

    @Glik - diskutieren Sie doch besser mit dem Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenkassen.

    Der Mann ist Banker und soll die Bank voran bringen. Was hat das mit "loyales Handeln im Interesse eines Landes" zu tun? Das kann ich nicht ernsthaft von irgendeiner Bank glauben...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service