Anshu Jain, Deutsche-Bank-Chef in spe © Arne Dedert/AFP

Als sich Anshu Jain an einem Tag im Frühsommer 1995 bei der Deutschen Bank vorstellt, riskiert er seine Karriere. Jain ist 32 Jahre alt, lebt in New York und arbeitet für Merrill Lynch, die größte Investmentbank jener Jahre. Er ist gerade dabei, sich an der Wall Street einen Namen zu machen. Die Deutsche Bank hingegen ist im Kapitalmarktgeschäft eine kleine Nummer – und keineswegs die erste Adresse für hungrige Nachwuchsbanker.

Die Neugier lässt Anshu Jain nach London fliegen und die Great Winchester Street aufsuchen. Dort steht das stolze, sandsteinerne Stammhaus von Morgan Grenfell, einer Tochter der Deutschen Bank. Deren Chef Michael Dobson darf gerade Millionen in die Hand nehmen, um ein schlagkräftiges Team aufzubauen, denn die Frankfurter wollen im Investmentbanking endlich ganz oben mitspielen.

Jain trifft Dobson im alten Partner’s Room, einem großen Konferenzzimmer mit Kamin und dunklen Paneelen aus Mahagoni. Dobson – Eton, Cambridge, aristokratische Erscheinung – erläutert seine Pläne. Je länger das Gespräch dauert, desto mehr schwinden Jains anfängliche Zweifel. Er ist fasziniert von der Möglichkeit, praktisch aus dem Nichts eine neue Investmentbank zu erschaffen. Und Dobson ist angetan von dem jungen Mann, der intelligent und selbstbewusst, aber nicht arrogant auftritt. Er stellt ihn auf der Stelle ein.

Sechzehn Jahre sind seither vergangen.

Am 25. Juli 2011 sitzt Anshu Jain in seinem Büro im Frankfurter Hauptquartier der Deutschen Bank. Die "Deutsche", wie sie an den Kapitalmärkten heißt, ist inzwischen eine der führenden Investmentbanken weltweit – und hat einen wochenlangen Streit um die Nachfolge von Vorstandschef Josef Ackermann hinter sich.

Es ist früher Abend, als Jain gebeten wird, sich auf den Weg zum Saal in Turm A zu machen, in dem seit 19 Uhr der Aufsichtsrat tagt. Auch Jürgen Fitschen, ein Vorstandskollege, wird gerufen. Aufsichtsratschef Clemens Börsig bittet beide hinein und verkündet, der Aufsichtsrat habe einstimmig beschlossen, Jain und Fitschen gemeinsam zu Vorstandschefs zu berufen . Seine Glückwünsche. Ob sie die Bestellung annähmen, fragt Börsig die beiden Männer. Einzeln. Auf Deutsch.

Ja, sagt Jürgen Fitschen. Yes, sagt Anshu Jain.

Die Deutschen hingegen wissen noch nicht so recht, was sie sagen sollen. Anshu Jain ist einer der erfolgreichsten Banker der Welt. Eine Gewinnmaschine. Ein "Halbgott", wie die britische Financial Times schreibt. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank aber ist mehr als der oberste Finanzmann des Landes. Er ist Ansprechpartner der Kanzler und Ratgeber der Konzerne. Er steht unter der Beobachtung einer Öffentlichkeit, die sich über Exporterfolge deutscher Firmen freut, die weite Welt aber ansonsten gern aussperren würde.

Chefwechsel bei der Deutschen Bank haben etwas von einer Zäsur, und für diesen gilt das ganz besonders: Noch nie ging der Schlüsselposten der deutschen Wirtschaft an einen Banker, der nicht aus dem deutschen Sprachraum stammt. Noch nie gelangte ein Londoner Investmentspezialist in Frankfurt so weit nach oben. Und noch nie wussten die Bundesbürger so wenig über den neuen Chef. Er sei ein Zocker, zugleich aber ein tief religiöser Mensch, der keinen Alkohol trinke und keine Interviews gebe, heißt es.

Daran ist so ziemlich alles falsch. Aber was ist richtig?

Die ZEIT hat Anshuman "Anshu" Jain bei einigen seiner wenigen Auftritte beobachtet, sie hat mit langjährigen Weggefährten gesprochen, Managerkollegen, mit engen Mitarbeitern, Politikern und Kunden. Sie hat in Frankfurt, London und Indien recherchiert, um sich auf die Spur des wahren Anshu Jain zu begeben. Aus vielen Mosaiksteinen ergibt sich das Bild eines Mannes, der die Deutschen überraschen wird – und fordern.