Ein Alfa Romeo MiTo von Flinkster, dem Carsharing-Angebot der DB © Wolfgang Kumm/dpa

Die Zukunft beginnt an einem Ort der Vergangenheit: zwischen denkmalgeschützten Backsteinbauten und einem stillgelegten Gasometer. Auf einer Industrieruine in Berlin-Schöneberg betrete ich ein neues Zeitalter. Eine neue Ära der Mobilität. Dort sinnen Wissenschaftler des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) über die Frage nach, wie der Mensch sich morgen oder übermorgen fortbewegt. Eine Antwort haben sie in der umgebauten Fabrikhalle zur Schau gestellt: Dort parken Elektroautos, E-Räder , zwischendrin stehen Ladestationen. Zusammen bilden sie das, was die Forscher ein Mobilitätskonzept nennen.

Ihre neueste Idee passt auf ein Stück Plastik mit Chip, »Mobilitätskarte« steht drauf. Frau Lücke, die Projektreferentin der Deutschen Bahn, überreicht sie mir. Mit dieser Karte, erklärt Frau Lücke, könne ich in Berlin und Umland U-Bahn, S-Bahn, Tram und Bus fahren, außerdem Leihfahrräder und Mietautos nutzen. Eine Karte für alles. Für 78 Euro im Monat, inklusive eines Zeitguthabens von 50 Euro beim Ausleihen eines Elektro- oder Hybridfahrzeugs. Die Karte ist drei Monate gültig.

Sie ist Teil des Forschungsprojekts BeMobility, dessen Ziel es ist, Elektrofahrzeuge besser in den öffentlichen Verkehr zu integrieren. Gefördert wird es vom Bundesverkehrsministerium, beteiligt sind auch Firmen wie die Deutsche Bahn, Bosch, RWE und Vattenfall. Einige Hundert Berliner nehmen an dem Feldversuch teil.

So ein Mobilitätskonzept klingt nach mehr Flexibilität und Freiheit. Darauf hatte ich gewartet. Ich brauche kein neues Verkehrsmittel, ich brauche eine Verkehrslösung. Zu Hause in Hamburg fahre ich viel mit dem Bus. Ich kann morgens noch ein bisschen vor mich hin dösen, die Zeitung durchblättern oder die Radfahrer zählen. Das sind die guten Tage. An den schlechten ist der Bus rappelvoll, und ich muss meinen Nachbarn näher rücken, als es für wildfremde Menschen angemessen wäre. Besonders schlimm sind schlechte Tage mit Stau. An solchen Tagen wünsche ich mir ein Auto, das mir die Entscheidung überlässt, wann ich fahre, wohin ich fahre und vor allem, mit wem ich fahre. Ein Auto ja, aber bitte ohne die lästigen Steuern, ohne Versicherung, ohne Wertverlust. Ich brauche kein Auto, um es zu besitzen. Ich möchte eines zum Leihen. Ein Auto on demand .

Wie mir geht es vielen jungen Städtern. Laut der Trendstudie Timescout haben 75 Prozent der 20- bis 29-Jährigen zwar einen Führerschein, knapp die Hälfte davon braucht ihn aber kaum. 80 Prozent halten ein Auto in der Stadt für verzichtbar. 45 Prozent finden Menschen mit dicken Autos unsympathisch. Soziologen sagen, das Smartphone habe das Auto als Statussymbol abgelöst. Der Pkw werde zum Bedarfsgut – so wie Wasser, Gas oder Strom.

Wenn es um Fortbewegung geht, bin ich weder puristisch noch ideologisch. Ich bin eine Mobilitätspragmatikerin. Mir ist egal, ob der Zug, das Rad oder das Auto mich von einem Ort zum anderen bringt, Hauptsache, es geht schnell und ist bequem. Vernetztes Reisen, wie es die Mobilitätskarte verspricht, könnte die Lösung sein.

Auf dem Fabrikgelände in Schöneberg steht ein weiß-roter Smart mit Elektroantrieb. Warum das Mobilitätsexperiment nicht mit diesem kleinen Stadtmobil beginnen? Dann könnte ich gleich zum nächsten Termin nach Berlin-Mitte fahren. Doch halt. Den Wagen könne ich gerne ausleihen, erklärt mir Frau Lücke, ich müsste ihn anschließend aber wieder zurückbringen, an genau diese Station. Ich möchte aber gar nicht zurückkommen, sondern in der Innenstadt bleiben. Warum ich das Auto denn nicht irgendwo im Zentrum abstellen könne? So seien die Regeln, sagt Frau Lücke. Ich fühle mich nicht mehr ganz so mobil und gehe zu Fuß zum nächsten S-Bahnhof. Die Bahn kommt nach sieben Minuten. Immerhin.