Nein, sagt Kristine Walther*, sie habe Bummelstudenten nie verstanden. "Dieses Studieren um des Studierens willen." So fühlte sie sich gut aufgehoben in ihrem harten, anspruchsvollen Jura-Studium. Während andere früh Probleme hatten, gehörte Walther zu den Besten, arbeitete schnell und effektiv, vorbildlich. Bis der Bruch kam. Bis sie es kaum noch schaffte, die Bücher zu öffnen, morgens mit Angst aufwachte – und dem Wissen, dass wieder so ein schlechter Tag vor ihr lag. Ein Tag, an dem sie alles tat, nur nicht lernen. Lieber Freunde treffen, Wäsche waschen, Sport machen, Fernsehen. "Ich hatte keine Erfahrung mit Überforderung", sagt Walther heute. "Immer war ich ehrgeizig und diszipliniert gewesen und gewohnt, Erfolg zu haben. Da merkte ich, dass ich Hilfe von außen brauchte."

Die fand die 28-Jährige an ihrer Hochschule, der Uni Bielefeld, deren Zentrale Studienberatung 2008 das Projekt "Endspurt" ins Leben rief. Ein Coaching für Langzeitstudierende. Sie leiden an Lern- und Schreibblockaden, Prokrastination ("Aufschieberitis"), Prüfungsangst, auch ausgewachsenen Depressionen und Burn-out. Was viele Nicht-Betroffene nicht wissen: Grundsätzlich kann in Deutschland jeder so lange studieren, wie er will – beziehungsweise so lange, wie sein Geld für die Langzeitstudiengebühren reicht, die vielerorts nach dem Überschreiten der anderthalbfachen Regelstudienzeit verhängt werden. Im Einzelfall kommen so 20 oder gar 30 Semester zusammen. Die Psychologin und "Endspurt"-Leiterin Carmen Kropat versucht dann, im Einzelgespräch Probleme herauszuarbeiten und so behutsam den riesigen Berg abzutragen, der nicht nur aus viel Arbeit besteht, sondern auch aus Schuldgefühl und Furcht.

Nicht jede Hochschule geht so verständnisvoll mit Langzeitstudenten um. Die Uni Köln hat gerade 32 der verbleibenden Studenten in den alten Studiengängen Diplom und Magister zwangsexmatrikuliert, weil sie es nicht schafften, bis 31. März ihr Grundstudium zu beenden. Weil die alten Studiengänge auslaufen, gilt: Auch wer sich gerade noch ins Hauptstudium hangeln konnte, muss bis 2013 fertig werden. Uni-Sprecherin Merle Hettesheimer sagt: "Die Frist war den Studierenden seit Langem bekannt, sie wurde seit 2007 kommuniziert." Auch eine täglich bis zu zwölf Stunden geöffnete Sprechstunde habe es gegeben. Der Asta-Vorsitzende Jonas Thiele hat das anders erlebt. Die Hunderte betroffener Studenten hätten wenige Monate vor Fristende von der Maßnahme erfahren. "Ein Riesenschock. Wir bekamen viele Anrufe von Ratsuchenden. Die waren einfach fertig."

Auch anderswo laufen jetzt die noch verbleibenden Magister- und Diplomstudiengänge aus, die Prüfungsämter mahnen die Langzeitstudenten mit Fristen zur Eile. "Seit die Briefe verschickt wurden, ist bei uns die Nachfrage gestiegen", sagt Nele Reuleaux, die eine analytisch orientierte Gruppe an der Uni Hannover leitet. "Da viele unserer Teilnehmer den Überblick verloren haben, wird eine Realitätsprüfung gemacht: Welche Scheine fehlen noch? Welche Termine können eingehalten werden? Oft wird den Studenten dann erst klar, welche Möglichkeiten sie noch haben. Mit unserer Hilfe treten sie ihrer Angst entgegen."

Mittlerweile bietet eine ganze Reihe von Unis und Studentenwerken Hilfe für Langzeitstudierende wie Kristine Walther an, als Einzel- oder Gruppenberatung, unter Namen wie "Endspurt", "Finish" oder "Schluss.punkt". Finanziert werden sie aus Studiengebühren. Wo diese abgeschafft werden, sollen die Coachings aus anderen Töpfen bezahlt werden.

"Endspurt"-Leiterin Kropat sagt: "Gerade die Prokrastinierer meinen, sie sollten zehn Stunden täglich etwas für die Uni tun." Dabei müsse man realistisch bleiben. "Manchen rate ich, zunächst nur dreimal die Woche eine Viertelstunde in die Prüfungsvorbereitung zu stecken." "Endspurt" als Coaching zu betiteln und von der normalen psychosozialen Beratung abzukoppeln sollte die Hemmschwelle senken. Allein in der Einzelberatung wurden vergangenes Jahr 89 Langzeitstudenten betreut, rund 400 haben seit 2008 die Angebote wahrgenommen.