Jugendproteste : Keine Wut im Bauch

Im Ausland rebelliert die Jugend, hierzulande nicht. Der Soziologe Klaus Hurrelmann erklärt, warum

DIE ZEIT: Herr Professor Hurrelmann, von Ägypten über Chile bis Spanien hat es Massenproteste von Jugendlichen gegeben . Warum bleibt die deutsche Jugend ruhig?

Klaus Hurrelmann: Jugendliche sind Seismografen für die Entwicklung eines Landes. Sie beurteilen intuitiv die politischen Verhältnisse danach, welche Zukunftschancen sie haben. In den genannten Ländern haben die Jugendlichen allen Grund zu protestieren und zu artikulieren, dass sie für sich als Kollektiv eine unsichere wirtschaftliche und politische Perspektive sehen, und das den Entscheidungsträgern deutlich zu machen.

ZEIT: Und bei uns?

Hurrelmann: Bei uns haben sich erst kürzlich junge Leute sehr erfolgreich für ein Thema engagiert, das ihnen existenziell wichtig ist: eine andere Energiepolitik. Im Moment sehen sie keinen Grund, sich um ihre künftige ökonomische Situation zu sorgen. Aber das kann sich ändern. Vom Potenzial her unterscheidet sich Deutschland nicht von anderen Ländern: Wenn junge Leute sich existenziell bedroht sehen, dann protestieren sie.

Klaus Hurrelmann

Wie es um Kinder und Jugendliche in Deutschland steht, darüber weiß Klaus Hurrelmann bestens Bescheid. Der 67-jährige Soziologe, Erziehungswissenschaftler und Gesundheitsexperte leitete unter anderem 2002, 2006 und 2010 die Shell-Jugendstudie, mit der seit 1953 ausgelotet wird, welche Themen den deutschen Nachwuchs bewegen, wie er die Welt sieht und welche Erwartungen an die Zukunft er hat. Hurrelmann forschte über Bildungs- und Jugendfragen an den Universitäten in Essen, New York, Ithaka und Los Angeles. Nach fast 30 Jahren an der Universität Bielefeld, wo er die School of Public Health gründete und leitete, lehrt und forscht er seit 2009 an der privaten Hertie School of Governance in Berlin.

ZEIT: Aber auch bei uns gibt es Jugendliche, die kaum eine Perspektive haben.

Hurrelmann: Richtig, auch bei uns befinden sich viele Jugendliche in einer bedrückenden sozialen Lage. Aber wir müssen das ins Verhältnis setzen. Deutschland hat im europäischen Vergleich eine geringe Jugendarbeitslosigkeit. Neben dem Dualen Ausbildungssystem haben wir ein Übergangssystem aus Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbildungsjahr und anderen Maßnahmen der Berufsvorbereitung...

ZEIT: ...die oft als ineffizient kritisiert werden.

Hurrelmann: Zu Recht. Aber das Übergangssystem hat genauso viele Absolventen vor allem von Förder- und Hauptschulen aufgenommen wie das Duale Berufliche Ausbildungssystem und hat stark dazu beigetragen, dass nur relativ wenige Jugendliche gleich als arbeitslos registriert wurden und auf der Straße saßen.

ZEIT: Ist das die Erklärung dafür, dass es in Deutschland nicht zu Krawallen wie in London oder ab und zu in den Pariser Banlieues kommt?

Hurrelmann: Ich denke Ja. Die meisten Jugendlichen ohne Schul- und Berufsausbildung hatten immer das Gefühl, der Staat kümmere sich um sie. Deshalb ist die Gruppe der sich sozial deklassiert Fühlenden bei uns nicht so groß wie anderswo. Das gilt auch für die Jugendlichen aus Zuwandererfamilien. Wir haben weniger Ghettos. Auch bei uns leben viele Jugendliche in subkulturellen Strukturen, aber viele von ihnen werden noch immer irgendwie, zum Beispiel durch Streetworker, erreicht.

ZEIT: Also geht es den Jugendlichen am unteren Ende der Gesellschaft besser als in anderen Ländern. Trotzdem wäre das ein Protestpotenzial.

Hurrelmann: Allerdings, denn die jungen Leute vergleichen ihre Lage ja nicht mit der ihrer Altersgenossen in anderen Ländern, sondern mit den hier lebenden Gleichaltrigen. Da entgeht ihnen ihre aussichtslose Position nicht. Wie die letzte Shell-Jugendstudie zeigt, sehen fast 20 Prozent der Jugendlichen in Deutschland keine Perspektive für sich. Sie fühlen sich abgehängt von der Gesellschaft.

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Kommentare

80 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Wie wärs mit effizienter Bewusstseinsformung...

...statt zu wenig Wut im Bauch, so als Ursache?

Ich denke nicht, dass Hurrelmann die Lage richtig einschätzt. Das Problem der Jugendlichen hierzulande ist weniger, dass ein Funken fehlen würde, als das sich gefragt wird, gegen was warum protstiert werden sollte, nicht aus mangelnder Wut, sondern aus Lageverkennung. Wir sind ganz anders als die drakonisch Strafenden in GB, völlige Anarchie in der Troika-Holding GR, völliges Ignorieren der Proteste in Spanien seitens der politische Klasse und dann der Atomausstieg in D, dass ist doch wohl nicht ernst gemeint von Hurrelmann? Welcher Jugendliche ist denn damit zufrieden? Der BILD-leende. Dieser Ausstieg war absolutes übers Ohr hauen, das zeigte: naja, falls so ein Ding neben euch hochgeht, nehmts nicht so bitter, EON schafft dafür Leiharbeit!

Vielen fehlt nicht die Wut, sondern soetwas wie eine Resistenz gegen die Dauerpropaganda-Brenner wie Terrorismus, Fachkräftemangel (aka: zu wenig arbeiten für 2,95 pro Stunde), niedrige Arbeitslosenzahlen, tolle Aussichten. Es glauben schlicht zu viele zu vieles (und glauben im Sinne von Nietzsche: nicht-wissen-wollen). Der Zorn ist erst eine Folge der Ent-blendung.

Schaut nicht hin, hört nicht hin, sagt nichts dazu ist das gewünschte Verhalten und es kommt nicht von ungefähr. Es kommt bspw. aus den meisten Zeitungen und TV-Sendungen, über die in diesem Land viel zu wenig kritisch gedacht wird. So auch nicht bei Hurrelmann, dem von der Hertie-School of Governance.

@4 AlexBarb: Lesen bildet

Sie schreiben: "und dann der Atomausstieg in D, dass ist doch wohl nicht ernst gemeint von Hurrelmann? Welcher Jugendliche ist denn damit zufrieden?"

Wollen oder können sie nicht lesen? Hurrelman sagt es doch: 80 Prozent. Und im Gegensatz zu ihnen kann er sich auf Daten berufen, die durchaus Wirklichkeit widerspiegeln. Er arbeitet seit Jahrzehnten an der Problematik - und der Mann ist durch und durch wiss. redlich.

Nicht-glauben bildet

Ich war zu lange im akademischen Betrieb, als dass ich noch irgendwelchen Statistiken irgendwelcher sogenannter redlicher Wissenschaftler Glauben schenken würde.
Zahlen speigeln niemals Wikrlichkeit wider, sondern sie spiegeln vor allem mal sich selbst wieder und der Rest ist, was du draus machst. Wie auch immer. Für mich zähllt Statistik heute mehr zur Propaganda als zur Wissenschaft, auch wenn das traurig ist (schauen Sie sich mal die Arbeitslosenzahlen als Statistik an und dann das, was man daraus macht - zwei völlig verschiedene Welten - welche stimmt denn?). Es gibt so unsagbar viele unredliche Tricks, um Statistiken zu dem zu machen, was man will - und wieso sollte nun gerade ein Dozent einer Privatuni, an der es u.a. um "Public Management" geht sagen, eigentlich ist noch alles ruhig im Lande (es fehle nur die Wut)? Mal davon abgeehen, dass ich es recht zweifelhaft finde, wenn ein Pädagoge Wut als positiv herausstellt (Zorn ist mgl. positiv, Wut ist völlige Selbstbeherrschungslosigkeit - dass das fehlt ist sehr gut!), so muss man jede Aussage dieses Mannes selbst als Teil eines Public Managment begreifen. Zum Public Managemnt zähllt denn auch, nicht zu erwähnen, wieso der Zorn noch nicht überschäumt. Wieso sehen die Jugendlichen wohl positiv in die Zukunft? Weil sie wissen oder weil sie glauben? Und woher kommt das Wissen oder der Glaube? Wer würde sich mit der Verteilung von Wissen und Glauben berufsmäßig befassen? Public Manager vielleicht?