DIE ZEIT: Herr Professor Hurrelmann, von Ägypten über Chile bis Spanien hat es Massenproteste von Jugendlichen gegeben . Warum bleibt die deutsche Jugend ruhig?

Klaus Hurrelmann: Jugendliche sind Seismografen für die Entwicklung eines Landes. Sie beurteilen intuitiv die politischen Verhältnisse danach, welche Zukunftschancen sie haben. In den genannten Ländern haben die Jugendlichen allen Grund zu protestieren und zu artikulieren, dass sie für sich als Kollektiv eine unsichere wirtschaftliche und politische Perspektive sehen, und das den Entscheidungsträgern deutlich zu machen.

ZEIT: Und bei uns?

Hurrelmann: Bei uns haben sich erst kürzlich junge Leute sehr erfolgreich für ein Thema engagiert, das ihnen existenziell wichtig ist: eine andere Energiepolitik. Im Moment sehen sie keinen Grund, sich um ihre künftige ökonomische Situation zu sorgen. Aber das kann sich ändern. Vom Potenzial her unterscheidet sich Deutschland nicht von anderen Ländern: Wenn junge Leute sich existenziell bedroht sehen, dann protestieren sie.

ZEIT: Aber auch bei uns gibt es Jugendliche, die kaum eine Perspektive haben.

Hurrelmann: Richtig, auch bei uns befinden sich viele Jugendliche in einer bedrückenden sozialen Lage. Aber wir müssen das ins Verhältnis setzen. Deutschland hat im europäischen Vergleich eine geringe Jugendarbeitslosigkeit. Neben dem Dualen Ausbildungssystem haben wir ein Übergangssystem aus Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbildungsjahr und anderen Maßnahmen der Berufsvorbereitung...

ZEIT: ...die oft als ineffizient kritisiert werden.

Hurrelmann: Zu Recht. Aber das Übergangssystem hat genauso viele Absolventen vor allem von Förder- und Hauptschulen aufgenommen wie das Duale Berufliche Ausbildungssystem und hat stark dazu beigetragen, dass nur relativ wenige Jugendliche gleich als arbeitslos registriert wurden und auf der Straße saßen.

ZEIT: Ist das die Erklärung dafür, dass es in Deutschland nicht zu Krawallen wie in London oder ab und zu in den Pariser Banlieues kommt?

Hurrelmann: Ich denke Ja. Die meisten Jugendlichen ohne Schul- und Berufsausbildung hatten immer das Gefühl, der Staat kümmere sich um sie. Deshalb ist die Gruppe der sich sozial deklassiert Fühlenden bei uns nicht so groß wie anderswo. Das gilt auch für die Jugendlichen aus Zuwandererfamilien. Wir haben weniger Ghettos. Auch bei uns leben viele Jugendliche in subkulturellen Strukturen, aber viele von ihnen werden noch immer irgendwie, zum Beispiel durch Streetworker, erreicht.

ZEIT: Also geht es den Jugendlichen am unteren Ende der Gesellschaft besser als in anderen Ländern. Trotzdem wäre das ein Protestpotenzial.

Hurrelmann: Allerdings, denn die jungen Leute vergleichen ihre Lage ja nicht mit der ihrer Altersgenossen in anderen Ländern, sondern mit den hier lebenden Gleichaltrigen. Da entgeht ihnen ihre aussichtslose Position nicht. Wie die letzte Shell-Jugendstudie zeigt, sehen fast 20 Prozent der Jugendlichen in Deutschland keine Perspektive für sich. Sie fühlen sich abgehängt von der Gesellschaft.