Bologna-Reform: Kernziel verfehlt?
Unredliche Kritik am Bachelor hilft keinem weiter
In den neuen Studiengängen seien studienbezogene Auslandsaufenthalte seltener geworden als im alten Diplom, beklagte kürzlich die Gewerkschaft der Professoren, der Deutsche Hochschulverband (DHV): Während 35 Prozent der Diplomstudenten ihrer deutschen Uni zeitweise den Rücken kehrten, täten das nur 16 Prozent der Bachelorstudenten. Die Studienreform, folgerte der DHV bedauernd, habe daher eines ihrer Kernziele, eben mehr internationale Mobilität, »klar verfehlt«.
Nun muss man wissen, dass der DHV seit Jahren gegen die für Professoren arbeitsintensiveren neuen Abschlüsse wettert. Hinzu kommt, dass die Urheber der noch unveröffentlichten Studie, aus der die Zahlen stammen, sich umgehend gegen die DHV-Interpretation verwahrten: Das Diplom sei nur noch in einem Restbestand an Studiengängen existent und umfasse vor allem Studenten höherer Semester, betonten die Forscher des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Daher sei ein Vergleich mit dem Bachelor unsinnig.
Wie beliebig derlei Gegenüberstellungen tatsächlich sind, zeigt sich anhand eines weiteren Vergleichs mit Daten aus der Studie: Von allen Uni-Bachelorstudenten im dritten Studienjahr waren 22 Prozent im Ausland, unter ihren Diplomkollegen im selben Jahr waren es 12 Prozent. Heißt das, dass Bachelorstudenten am Ende doch fleißiger im Reisen sind? Nein! Es heißt nur, dass man auf die Forscher hören sollte, bevor man einseitige Schlussfolgerungen aus komplexem Forschungsmaterial zieht. Und siehe da: Masterstudenten, so das HIS, gehen in etwa genauso oft ins Ausland wie Diplomer. Und nur die seien mit Letzteren vergleichbar.
Sicher: Es bleibt viel zu tun, bis Bologna ein voller Erfolg ist – von der zu hohen Stoffdichte und dem ungeklärten Masterübergang bis zur teilweise wirklich übertriebenen Belastung für die Lehrenden. Aber die Reform komplett infrage zu stellen, dazu noch mit Statistikspielchen, die nach hinten losgehen, hilft wenig. Und was den sich scheinbar so uneigennützig sorgenden DHV angeht: Als Gewerkschaft für die Interessen seiner Mitglieder einzutreten ist nichts Ehrenrühriges. Doch sollte man das offen und direkt tun.









In der Tat.
Von einer Reform erwartet man ja für gewöhnlich, dass die Dinge hinterher besser laufen als vorher.
Anlaufschwierigkeiten gibt es natürlich immer, aber auch darüber hinaus muss in vielen Bereichen erst noch zum Diplom aufgeholt werden.
Die Stoffdichte wurde angesprochen. Auch die Prüfungen, die sich am Ende des Semesters viel extremer häufen als zuvor, verhindern oft ein sinnvolles Auseinandersetzen mit dem Stoff.
Außerdem unterscheiden sich die Prüfungsordungen zwischen den Unis immer noch erheblich. Dabei ging es bei der Reform ja auch immer um mehr Vergleichbarkeit.
Allerdings wurden im Zuge der Reform vielerorts Studieninhalte überarbeitet, was oft längst überfällig war.
Also die These, dass nur die Masterstudiengänge mit den Diplom vergleichbar ist, halte ich für äußerst fraglich. Zumal das doch der Punkt ist, der immer wieder betont wird: "Bachelor ist wie Diplom. Nur effektiver" so ein Lieblingszitat eines Dekans.
Wenn laut HIS die Vergleichbarkeit in diesem Punkt gar nicht möglich ist: Welchen Sinn hatte dann die Studie?
Was ist denn das "HIS"? Ein unabhängiges Institut, die Daten auswerten, damit die Welt mehr weiß? Oder stehen sie der staatlichen Hochschulpolitik nahe? Wie wäre es mit einem Satz wie "Nun muss man wissen, dass die HIS GmbH (!) seit Jahren für die Bachelor- und Masterstudiengänge wirbt."?
Naja, aber wenn die Studie schon vor der Veröffentlichung eines ungeliebten Ergebnisses kleingeredet wird: Wie soll die Mobilität dann verglichen werden?
Mit Subjektiven Erfahrungen?
Ich kann die Daten einer Hochschule nehmen und sagen, dass studiengangsübergreifend sich 10 bis 15% der Studierenden im Ausland aufhalten, der Großteil davon während Praktika.
Durch die Verkürzung der Semester sind diese jedoch oft weggefallen...
Oder ist das auch ein Statistikspielchen? Ich habe mich neulich erst mit jemanden unterhalten: Er war während des Bachelor in den USA, hat dort seine Abschlussarbeit geschrieben. Ihm wurde aber gesagt, wenn er sie dort abgibt, wird sie in Deutschland nicht anerkannt. Also hat er sie hier abgegeben.
Doch nun wurde sie deshalb in den USA nicht anerkannt.
Ein Hoch auf Bachelor und Master!
Es gab sicher mehr Studienplätze für Diplomstudiengänge als es Plätze für Masterstudiengänge gibt.
Der Hinweis auf die geringeren Quoten an Auslandsaufenthalten bei Bachelor-Studenten ist keineswegs unredlich oder unfair gegenüber dem Bachelor. Mag ja sein dass die Quoten im Master genauso hoch sind wie in späteren Semestern bei Diplomstudenten.
Das spielt aber keinerlei Rolle für die Bewertung des Bachelors. Immerhin versucht man verzweifelt, den Bachelor als vollwertigen Abschluss verkaufen - dann muss er sich auch den Vergleich mit dem vorigen vollwertigen Abschluss gefallen lassen. Der Vergleich ist imho absolut legitim.
Auf dem Papier und in der Theroie scheint das zu funktionieren, aber in der mit begegneten Praxis, hat es das bei weitem nicht. Ich habe während meines Bachelors ein Semester in Norwegen studiert und konnte mir kein einziges Fach offiziell anrechnen lassen. Dabei habe ich nicht einmal Fachfremd studiert oder so. Es können nur Fächer angerechnet werden die eins zu eins denen meines heimischen Bachelors entsprachen. Da stellt sich mir aber zum Teil die Frage wozu ich dann ins Ausland gehen soll? Ich habe in Norwegen die nötigen 30 ECTS Punkte erworben, welche in D aufgrund unmöglicher Anrechnung nutzlos waren. Das Ende der Geschichte ist das ich die Fächer aus D alle wiederholen musste und sich mein Studium um ein Jahr verzögert hat. Letzendlich muss ich aber sagen das mir die Probleme vorher bekannt waren und ich es trotzdem gemacht habe und es auch ohne zögern wieder tun würde. Die Erfahrung ist mir mehr Wert als das eine Lebensjahr. Dennoch gibt es in diesem Bereich noch einiges zu tun.
ob dieser Aussage im Text: "Sicher: Es bleibt viel zu tun, bis Bologna ein voller Erfolg ist"
Die Vorteile, die man bei der Reform versprochen hat, nämlich bessere internationale Vergleichbarkeit, sowie einfachere Fach- und Uniwechsel (sowohl im In- als auch im Ausland), sind nicht zu erkennen. Im Gegenteil, wie einer meiner Vorredner bereits geschrieben hat, ist die Anerkennung von ECTS-Leistungen i.d.R. schwierig bis unmöglich, die einzelnen Hochschulen in Deutschland betreiben in manchen Fächern knallarten Protektionismus, um ihre eigenen Bachelor-Absolventen mit den knappen Masterplätzen zu versorgen. Häufig sind Bachelor-Abschlüsse aus D in anderen Ländern, z.B: USA nicht anerkannt, weil sie 3 anstelle von 4 Jahren dauern, etc.
Das alles hat man mit enormen Verwaltungsaufwand erkauft, und ob die enorme Mehrbelastung der Lehrenden und Studierenden im Vergleich zum Diplom sich überhaupt auf die Qualität der Ausbildung auswirkt, weiß auch noch niemand. Wenn so ein "voller Erfolg" der Bildungspolitik aussehen soll, dann gute Nacht.
Die Bologna-Reform hat nichts revolutioniert.
Die Zahl der Fachbezeichnungen ist explodiert - anstatt Interdisziplinarität gibt es nun Tausende von um so straffer um Abgrenzung bemühten Disziplinen. Für die wiederum gibt es im Bachelorbereich seltenst Stellenausschreibungen.
Nicht einmal die Ersetzung von Bildung durch Berufsfähigkeit hat also geklappt - es gibt keinen Bedarf für Bachelor-Philosophen oder Bachelor-Kulturwissenschaftler. Gleichzeitig wird deren Bildung zurückgefahren in unwahrscheinlich verknappten und durchorganisierten Lernverfahren. Dann steht die Hälfte vor der Wahl: Noch eine "richtige" Ausbildung/Lehre nach dem Bachelor oder sich auf knappe Masterstudiengangplätze bewerben. Es empfiehlt sich, Ingenieur zu werden und jedes zweite Jahr frei zu nehmen und zu reisen und zu lesen. Dann hat man mehr Geld, mehr Bildung und mehr Muße im Leben.
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