Ein Rat, den ich mir schon vor vielen Jahren selbst erteilt habe, lautet: Wenn es dir je einmal richtig schlecht im Leben geht, geh in den Jardin des Tuileries – bevor du auf dumme Gedanken kommst.

Wenn ein Ort überhaupt ein Lebensretter sein kann, dann ist es dieser. Der weiß-graue Kies, der einem da unter den Schuhen knirscht. Die eisernen Stühle, die dort ein eigenes eisernes Stuhlleben zu führen scheinen. Die steinernen Ballustraden, an denen noch jeder irgendwann einmal gelehnt hat, verliebt und in einen Kuss vertieft. Die erhabene Sichtachse hinauf zur Champs-Élysées und hinab zum Louvre, mit der das Großstadtgefühl in die Welt kam. Das Geplätscher der Fontänen, das der aristokratischen Eleganz etwas Dörflich-Behagliches beimischt. Das Geschrei der kleinen Franzosen und ihrer Kindermädchen aus aller Herren Länder, das der grandiosen mathematischen Komposition des alten Parkes das Chaos des Lebens zurückgibt. Die stolze Wehmut der steinernen Statuen, die noch viel nackter sind als Menschen es je sein können. Das von den hohen Bäumen gedämpfte Spätnachmittagslicht, in dem die Pariser, eine Aktentasche in der einen, einen Einkaufsbeutel mit dem Abendbrot in der anderen Hand, von der Arbeit nach Hause eilen. Das Bellen der Hunde, das in der ersten Spätsommerkühle schon ein wenig metallisch durch die Luft schwingt.

All das ist in seinem Konzert so großartig, so erhebend, dass die eigenen Kümmernisse dagegen so unbedeutend wie ein einzelner Kiesel auf dem Parkweg werden.

Der surrealistische Dichter Guillaume Apollinaire hat, als er hier stand, ein berühmtes Gedicht über seine Müdigkeit angesichts dieser kühlen Pracht geschrieben. Das Gedicht heißt "Zone" und beginnt so: "Am End bist du’s leid dieses alte Stück Erde Eiffelturm / Hirt der Brücken hör wie sie blökt früh deine Herde". Offensichtlich hat den Dichter die überlegene und nutzlose Grandiosität seiner Stadt bedrückt. Er wünscht sich inmitten dieser Erhabenheit die blökende und wärmende Unordnung des Lebens zurück. Die auf dem Reißbrett errechnete klassische Komposition der Stadt ist ihm eine Last, die schwer wiegt und bis in die Antike zurückreicht, der wir die Idee einer von allen zufälligen Lebensschlacken gereinigten makellosen Schönheit verdanken.

Die Müdigkeit, von der wir uns in den barocken Anlagen des Jardin des Tuileries heute erholen, ist ganz anderer Natur. Uns drückt nicht mehr das übermächtige Reglement eines klassischen Erbes, das Guillaume Apollinaire beklagte. Wir sind ermattet durch das übermächtige Chaos einer entregelten, funktionalen Gegenwart, in der nichts mehr für sich selbst, sondern alles eines schnöden Zweckes willen da ist, wo es ist und aussieht, wie es aussieht.

Und so nehmen wir Platz auf den eisernen Stühlen der schönsten Stadt der Welt und atmen eine Schönheit und einen Großmut, die keinen anderen Zweck haben, als Schönheit und Großmut zu verbreiten. Hier bleiben wir sitzen und warten. Im ersten Abenddämmer beginnen gleich die Laternen zu leuchten.