Holz und Leinen: Das Hidden Hotel holt die Natur ins Zimmer. © PR

Die Sonne blinzelt durch die offene Terrassentür ins Zimmer, ihre Strahlen werden gebrochen von einem weißen Leinenvorhang, der mein Bett wie ein leichtes Sommerkleid umhüllt. Ich blicke raus. Auf der Terrasse zum Innenhof stehen zwei Korbsessel, und rechts davon steht eine Art hölzerner Paravent, der das Zimmer vor den Blicken der Nachbarn schützt. Es ist still, bemerkenswert still für ein Hotel in Paris. Nur ein selbstbewusstes, perlendes Trillern tönt in diese Stille und endet mit einem kurzen Zik-zik. Ein kugelrundes Rotkehlchen sitzt auf der Schwelle der Terrassentür, seine Brust leuchtet, aus dunklen Augen schaut es mich an. Zik-zik, noch einmal, zik-zik, und mit ein bisschen Fantasie meine ich "richtig" zu hören, "richtig". Dann fliegt es davon.

Ja, es war richtig, sich ins Hidden Hotel einzubuchen. Das Haus hat nur 23 Zimmer, es liegt versteckt in einer schmalen, kaum befahrenen Einbahnstraße hinter dem Verkehrstrubel des Arc de Triomphe. Seine hölzerne Fassade ist grün bewachsen und erinnert an ein Chalet in den Bergen von Chamonix. Und es passt perfekt zur Romantik der Stadt, die sich leider nur selten in den Unterkünften widerspiegelt. Viele Zimmer in Pariser Hotels sind nicht größer als die Verpackung eines Parfümflakons, das Personal kann zuweilen recht überheblich sein, und das Frühstück ist nicht selten eine petite catastrophe. Das Hidden Hotel aber ist nach jedem Abenteuer in der Stadt ein angemessener Abschluss. Egal, ob man bei abendrotem Himmel über den Pont Neuf schlendert und dabei bis zur grünen Spitze der Île de la Cité und dem Reiterstandbild von Henri IV. blickt, dem König der Liebschaften. Oder ob man durch das verträumte Viertel Marais läuft, wo kleine Monster an den Regenrinnen züngeln und einem Götter und Göttinnen von Hausportalen zulächeln und wo einem Paris erscheint, wie man es aus Filmen und Romanen kennt.

Gestern, als ich im Hidden Hotel ankam und ein Angestellter den Koffer ins Foyer trug, checkte vor mir gerade eine ältere Französin ein, weiß geschminktes Gesicht, Habichtsnase, Hütchen. Der Herr an der Rezeption, mit Jeans und T-Shirt lässig gekleidet, begrüßte die Dame mit den Worten "Meine Teuerste" – es schien, als würden sich die beiden kennen und als sei sie schon öfter zu Gast gewesen. Ich setzte mich, umgehend zog ein wohliges Gefühl in mir auf. Das Foyer ist mit den besten Materialien der Natur versehen und wirkt gleichzeitig hochmodern. Holz, Leinen, Schiefer, Keramik – Dinge, die man gerne anfasst. Rechts hinter der Bar stand ein Typ wie der junge Marlon Brando, er schmeichelte den Gästen mit betörenden Blicken. Nachdem die Dame mit dem Hütchen im Aufzug verschwunden war, bot der Rezeptionist mir die Wahl zwischen zwei Zimmern an – "Inspiration" oder "Emotion". Ich entschied mich für Letzteres.

Okay, das Zimmer ist nicht gerade das größte. Aber äußerst charmant. Sein Holzboden verströmt noch immer die Wärme eines Waldes, auf dem Waschtisch liegt ein ausgehöhlter Stein, der als Becken dient. Und das Bett! Es ist eines der besten, in denen ich jemals in einem Hotel geschlafen habe, vielleicht sogar das Beste überhaupt. Als ich mich gestern Abend in die Kissen fallen ließ, glaubte ich, auf einer Wolke zu landen. Und schlief direkt durch, bis mich das Rotkehlchen weckte.

Eine schwarze Angestellte, Mitte 20 mag sie sein, hat die lange Frühstückstafel für die Gäste mit weißem Porzellan und feinen Leinenservietten gedeckt. Auf dem Buffet stehen Joghurt vom Bauernhof und frisch gepresster Pampelmusensaft, daneben liegen Tomaten, aufgeschnittene Avocados und feinste Käse, alles Bioprodukte, wie die Angestellte betont. Die weiß geschminkte Dame mit der Habichtsnase trägt heute ein Kostüm in Altrosa und eine Kette mit großen Perlen. Sie sitzt an einem Einzeltisch in der Ecke des Restaurants, ich nehme gleich nebenan Platz. Irgendwann schaue ich raus zum Innenhof. Zik-zik, sage ich. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie die Dame schmunzelt, und draußen fliegt das Rotkehlchen davon.