Der Weg ins andere Paris beginnt auf den Stufen einer unscheinbaren Treppe in der Avenue Daumesnil. Sie windet sich um einen roten Backsteinbau, den Abschluss eines Viadukts. Man wäre nicht überrascht, nach ein paar Schritten vor der verschlossenen Tür eines Wartungsraums zu stehen. Hier beginnt die Promenade plantée.

Die "bepflanzte Promenade" ist kein breiter Boulevard, sondern ein urbaner Wanderweg, angelegt auf der stillgelegten Eisenbahntrasse, die in den östlichen Vorort Vincennes führte. Landschaftsarchitekten haben ihn mit Gärten geschmückt. Ein grüner Schleichweg vom Viadukt bis unter die Erde, ins Innere der Stadt. Nur knapp fünf Kilometer ist er lang, besser, man kommt schon morgens.

Wir sind an der Bastille aus der Métro gestiegen und der Rue de Lyon nach Südosten gefolgt, der klassischen Route aller Pariser Massendemos. Wo sich die Straße gabelt, ein paar Schritte nach links, und schon stehen wir vor ebenjener Treppe, aber halt! Noch bleiben wir unten, denn wir wollen doch Aligre nicht links liegen lassen.

Das Herz des Stadtviertels ist sein kleiner Markt. Die rund 200 Jahre alte Markthalle beherbergt liebevoll herausgeputzte Lebensmittelstände; davor ein Platz mit Gemüsehandel und Flohmarkt (gute Bücher!). Alles das hat kleinstädtisches Flair, gelegentlich mit einem "As-Salamu Alaykum" globalisiert. Wer sich abends herbegibt, sollte im Vereinshaus der Commune libre d’Aligré vorbeischauen. Dort kochen reihum die Nachbarn, es schmeckt, kostet wenig, und schnell ergibt sich ein Gespräch. Mittags hingegen, nach dem Marktbesuch, empfiehlt sich die Weinbar Le Baron Rouge auf ein paar Austern oder etwas charcuterie. Dafür ist es noch zu früh, also lassen wir uns im Café vor den Bäumen des Square Trousseau zu einem Frühstück nieder, die Butter hier ist erstklassig – jaja, wir schweifen ab. In Paris sind Abschweifungen die Regel. Jetzt sind Sie gewarnt.

Kaum nämlich, dass wir zum Viadukt zurückgekehrt sind, verweigern wir ein weiteres Mal den Aufstieg und gehen lieber ein Stück daran entlang. In den Arkaden des 1859 errichteten Bauwerks logiert das Traditionshandwerk. Gut, wir wollen kein Appartement einrichten und betrachten die Möbel, Polster, Lampen und Bilderrahmen nur mit verhaltener Neugierde, ein Cello zu kaufen verkneifen wir uns ebenfalls, an Heurtault indes führt kein Weg vorbei. Es gibt Menschen, die auf Schirme nichts geben, aber wenn Michel Heurtault die seinen vorführt, dann erfasst auch Ungläubige der heilige Schauder.

Schirme sind sein Leben. Bereits als Achtjähriger will er die Schirme der Nachbarschaft repariert haben. Heute baut der Mittvierziger zwei bis drei Stück pro Tag, alles Einzelanfertigungen und überwiegend aus Materialien, die heutzutage nicht mehr hergestellt werden: Fischbeinstäbchen für die Mechanik, Griffe aus Edelholz, spezielle Seide und Spitze... Heurtault durchkämmt Flohmärkte und Nachlässe; die 400 Quadratmeter im Unterschoss seines Ladens sind vollgepackt mit Einzelteilen sowie rund 1.000 Schirmen aus drei Jahrhunderten.

"Der ästhetische Höhepunkt waren die sechziger Jahre", sagt Heurtault. "In den siebziger Jahren setzte dann die Komfortästhetik ein. Hauptsache bequem. Und billig. Obwohl ein Schirm fürs Leben, auch wenn er 400 Euro kostet, sich mehr lohnt als die Billigware, die keinen stürmischen Herbst überlebt. Wussten Sie, dass in Frankreich Jahr für Jahr zwölf Millionen Schirme im Müll landen? Das macht den Planeten kaputt."

Genug der Abschweifung, rauf auf den Viadukt! Er führt durch das 12. Arrondissement, einen der unbekannteren Bezirke von Paris. Hier gibt es keine Sehenswürdigkeiten, er selbst ist sehenswert, besonders von der Promenade plantée aus. Wir betrachten seine Wohnviertel gewissermaßen aus dem zweiten Stock, eine verschobene Perspektive, die Unerwartetes freigibt. Fassaden im Haussmann-Stil beispielsweise, hinter denen allenfalls Raum für schmale Zimmer bleibt; Hausscheiben sozusagen, fast zweidimensional.

An der Kreuzung mit der Rue de Rambouillet zeigt sich auf der Rechten ein Polizeikommissariat, dessen verwirrende Architektur erst aus dieser Höhe zur Geltung kommt. Seine oberen Geschosse lassen es wie einen Dampfer aussehen. Dann fällt der Blick auf ein Dutzend brekerhafte Männerstatuen entlang der Fassade, riesige Reproduktionen des sterbenden Sklaven von Michelangelo, deren serielle Anordnung doch nur Ironie sein kann. Richtig geraten, Postmoderne, das Gebäude ist 1991 entstanden.